Wasser ist überall in Helsinki, der ins Meer ausgefransten Stadt, sogar im Winter steigen manche hinein. Doch der Mann, der damals noch jung war, ein Teenager, hatte eine andere Neigung. Wieder und wieder lauschte er einer Opernplatte. Auf der sangen zwei Liebende namens Pelléas und Mélisande, deren Drama beginnt, als ein Ring im Wasser verloren geht. Der finnische Teenager spielte die Aufnahme einigen Freunden vor, "doch die haben mich ausgelacht". Da gebe es nicht einmal richtige Arien! "Das stimmt", sagt er heute, "und am Ende stirbt Mélisande wie ein Tuch, das davonweht." Der Spott der Freunde ärgerte ihn nicht, denn er ahnte, dass Pelléas et Mélisande von Claude Debussy sein Leben begleiten würde.

Der Finne heißt Esa-Pekka Salonen, Jahrgang 1958, und ist unter den großen Dirigenten der Gegenwart einer der Zurückhaltenden. Interviews wie jetzt in Helsinki benötigen Anlauf und sind nie lang, aber gehaltvoll. Sie erinnern an Salonens lehrreiche YouTube-Videos über Musik: Essenzen in zwei Minuten. Wenn er redet, weiß er, wovon. Schon früh spielte er Horn, komponierte und dirigierte; mit 21 stand er am Pult des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters. Vorbild war ihm der Dirigent jener Debussy-Aufnahme: Pierre Boulez. Der näherte sich Partituren mit der Souveränität desjenigen, der selbst komponiert. Salonen nennt ihn "den Mann mit dem Röntgen-Ohr".

Jetzt dirigiert Salonen Debussys Rätselwerk in seiner Heimatstadt Helsinki. Die Inszenierung ruft in jedem Finnen, der ein Häuschen am See und ein Boot besitzt, vertraute Gefühle wach. Regisseur Marco Arturo Marelli lässt Schloss Allemonde knietief im Wasser stehen, dem Salz, der Fäulnis und der Katastrophe preisgegeben. Am Ende ziehen bürgerliche Nixen die tote Mélisande im Kahn aufs Meer.

Wo alles zu ertrinken droht, braucht es ein rettendes Ufer. Dort steht, wie ein Leuchtturm, Esa-Pekka Salonen. Man merkt, dass er das Werk schon oft dirigiert hat, zuletzt 2016 in Aix-en-Provence. Seine Erfahrung – als Chefdirigent in Stockholm, in Los Angeles und beim Philharmonia Orchestra in London – rettet die Musik vor jeder Unschärfe. Salonen narkotisiert den Hörer nicht, er rüttelt ihn wach. Debussys Gesetz, es müsse in seiner Musik um Klarheit gehen, hält den Dirigenten nicht davon ab, die Wellen gelegentlich hochschlagen zu lassen. Und man begreift, in welche Tiefen alles reicht: Die erste Verwandlungsmusik klingt wie der Marsch der Gralsritter in Wagners Parsifal. Das, glaubt Salonen, sei "tatsächlich auffällig, weil Debussy sich aus den Umschlingungen Wagners befreien wollte". Außerdem gebe es wunderliche Wahl- und Tonart-Verwandtschaften: "Im Cis-Dur-Schlussakkord", orakelt er, "höre ich immer den Schluss von Rheingold und Götterdämmerung mit."

Jeder Dirigent, sagt Salonen, müsse bisweilen "die Komfortzone verlassen", ohne Gratwanderungen komme Kunst zum Stillstand. Gleichwohl arbeitet er gern mit vertrauten Sängern, mit dem französischen Bariton Laurent Naouri etwa, der auch in Helsinki Mélisandes eifersüchtigen Gatten Golaud singt. Salonen liebt solche Verbindungen, sie sind ihm der Garant für eine perfekte Auftragserledigung: "Als Dirigent bin ich der Diener des Komponisten." Die Zeiten, in denen der Mann am Pult sich "wie ein Tyrann oder ein Priester aufspielen" konnte, seien vorbei. Selbst in einer Chefposition habe er den Job des "Oberkellners, der das Essen des Komponisten anständig auf den Tisch bringen muss".

Die Stile und Zutaten Debussys, Strawinskys, Mahlers und auch Bruckners sind ihm dabei wohl am besten vertraut; davon zeugt seine Diskografie. Pelléas et Mélisande hält er für ein Schlüsselwerk der jüngeren Musikgeschichte: "Viele Werke etwa von Olivier Messiaen sind ohne diese Oper gar nicht denkbar." Und welchen Schatten spürt er eher auf sich – den von Debussy oder den von Jean Sibelius, dem Tyrannosaurus rex der finnischen Musik? Salonen lacht, es hört sich an, als habe er mit einem schwierigen Verstorbenen endlich Frieden gemacht: "Sibelius schätze ich wie einen Großvater, von dem es viel zu lernen gibt."

So ändern sich die Zeiten: Der junge Salonen wollte Sibelius noch exorzieren – so wie Debussy sich einst von Wagner lossagte – und gründete 1977 einen radikalen Verein für neue Musik. Der hieß "Korvat auki": Ohren auf!

Das jüngste Großwerk aus der Werkstatt des Komponisten Salonen ist ein Konzert für Cello und Orchester, dessen Baupläne eine höchst verschlungene Konstruktion ahnen lassen. Beim Hören wächst die Spannung, zumal der Cellist Yo-Yo Ma das dreisätzige Konzert mit einer Intensität in die Gegenwart trillert und wuchtet und dort erblühen lässt, dass der Klangkokon bald platzt und schillernde Energie sich ausbreitet. Salonen nennt den Solopart "ein bewegliches Objekt im Raum". Dünn wird die Luft dabei nie, das Stück ist ein Thriller.

2020 wird Salonen an die amerikanische Westküste zurückkehren und das San Francisco Symphony Orchestra übernehmen. Neben ihm sollen dort acht "Spindoktoren" ein Orchesterlabor der digitalen Moderne gründen – Komponisten, Jazzer, Sozialaktivisten, Roboterfachleute und Weltraumspezialisten. Viel Zeit zum Einleben werden sie nicht haben, Salonen gibt ein hohes Arbeitstempo vor: "Klassische Musik darf nicht länger in einer Blase existieren. Wir brauchen das Orchester des Jetzt." Raus aus der Komfortzone. Wellengang. Ohren auf!

Esa-Pekka Salonen: Cello Concerto (Sony)