Andreas Dressel ist durchaus geeignet für diese schwierige Mission. Der Finanzsenator hat schon mit vielen Bürgerinitiativen verhandelt und ist "seit Kindertagen ein Eisenbahn-Fan". In den Sommerferien fuhr er mit seinen Eltern regelmäßig im Autoreisezug von Altona aus nach Südfrankreich. Im Keller hat er eine Modelleisenbahn stehen. Und vor seiner Karriere in der Politik war er Redakteur beim Eisenbahnmagazin Drehscheibe.

Kein anderer Senator ist so gut vorgebildet, um ein großes Experiment durchzuführen: die Versöhnung der Deutschen Bahn mit ihren Gegnern im Streit über die Verlegung des Fernbahnhofs Altona um 1800 Meter nach Norden. Dorthin, wo heute ein Friedhof, große Gewerbebetriebe und der oft öde wirkende S-Bahnhof Diebsteich liegen.

In diesem Streit haben die Kritiker im vergangenen August der Bahn einen Überraschungstreffer verpasst. Vor dem Oberverwaltungsgericht erreichten sie einen vorläufigen Baustopp, weil eine Ersatzplanung für die wegfallende Auto-Verladestation fehlte. Seit neun Monaten herrscht nun schon Stillstand bei einem der "Leitprojekte für den Hamburger Westen", wie es Dressel nennt. Die ersten Aufträge waren vergeben, die Bagger sollten bald anrollen – jetzt müssen alle warten. Auf den Termin der Hauptverhandlung vor Gericht, der noch in diesem Jahr stattfinden soll.

Dressel versucht, die Wartezeit zu nutzen und Frieden zu stiften. Er hat die Bahn und ihre Gegner von der Bürgerinitiative Prellbock Altona und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) zu einem vertraulichen "Faktencheck" eingeladen, eine bunte Truppe aus Anwohnern und Verkehrsexperten. Man trifft sich im Rathaus oder einer Behörde und geht Punkt für Punkt die Streitfragen durch, unterteilt in Themenblöcke: Fahrgäste, Eisenbahnbetrieb, Stadtentwicklung, Umwelt und Bauen, Finanzierung. Vier Gespräche waren geplant, doch weil diese bei Weitem nicht reichten, sind bereits zwei weitere Treffen im Juni verabredet. Und Dressel hat tatsächlich schon einiges bewegt. Er hat dafür gesorgt, dass endlich offen und auf Basis von Fakten über die Vor- und Nachteile des Riesenprojekts diskutiert wird. Dabei kommen spannende Erkenntnisse ans Licht. Aber auch ernüchternde.

Neben Dutzenden Detailfragen gibt es zwei grundlegende Punkte, bei denen beide Seiten weit auseinanderliegen: Ist Diebsteich der wirklich bessere Ort für einen Fernbahnhof? Und ist es sinnvoll, wie die Bahn dort bauen will?

Der heutige Fernbahnhof mit seinen acht Gleisen liegt im Herzen von Altona, mitten im Leben. 19 Buslinien halten hier. 117.000 Menschen steigen jeden Tag in die S-Bahn ein und aus, 13.000 in die Regional- und Fernzüge. Das Problem: Der Bahnhof ist alt, das gewaltige Gleisvorfeld stammt aus einer Zeit, als man noch Dampfloks betrieb und dafür Wassertürme, Kohlehalden und Drehscheiben brauchte. Heute kostet jede überflüssige Weiche unnötiges Geld, so sieht es die Bahn. Seit den Neunzigern denkt sie bereits über eine Verlagerung des Bahnhofs nach, vor allem weil er mit seinen langen, komplizierten Gleisführungen für Verspätungen sorge. "Viele Züge von Altona kommen heute verspätet im Hauptbahnhof an", sagt Azzeddine Brahimi, der das Großprojekt Bahnhofsverlegung leitet. "In Zukunft fallen viele Leerfahrten weg, die Betriebsqualität steigt, und die Fahrpläne werden stabiler." 2014 legte sich die Bahn nach neun Jahren Planung fest: Der alte Fernbahnhof wird aufgegeben und verpflanzt.