Zutapeziert ist das Schanzenviertel mit Plakaten. Wo auch immer auf ein Konzert hingewiesen wird, das gestern war, kommt Kleister drauf und dann ein neues Plakat. Hier bildet sich der wildere Teil des Hamburger Musiklebens noch ganz analog ab. Die dicken, sich wölbenden Papierschichten zeigen: Es ist schwer was los in der Stadt.

An einem Mittwochmorgen im Mai sind zwei junge Jazzmusiker mit Fahrrad, Quast und Eimer unterwegs, um zu schauen, wo sie ihr nächstes großes Ding bewerben können. Unter der Sternbrücke, am Schulterblatt und gegenüber vom S-Bahnhof bringen sie ihre Plakate an, für die Sommersause, eine Jazzveranstaltung neuen Typs. Termin: 11. Juni, 19 Uhr, im Zelt im Schanzenpark.

Jazzmusiker, die Plakate kleben und im Zelt spielen? Die gibt es selten. Plakate werben für Techno und Indie und Tanz; der Jazz wohnt mehr in seinen Kellern, lässt sich draußen kaum blicken. Der Trompeter Philipp Püschel und der Saxofonist Lasse Grunewald sind dabei, das zu ändern. Die beiden Akteure vom Jazzlab-Kollektiv haben schon einige Ansätze entwickelt, um ihre Musik voranzubringen, mit beachtlichem Erfolg.

Hamburg hat über Jahrzehnte hinweg viel an Pop hervorgebracht – von Bert Kaempfert bis Udo Lindenberg, von Blumfeld bis Tocotronic, von Boy bis Schnipo Schranke. Aber Jazz? Da müssen selbst Kenner überlegen, und dann fällt ihnen gerade mal das international bekannte Tingvall Trio ein, das seinen Übungsraum am Ring 2 in Eppendorf hat.

Hamburg hat Jazz, lange schon, er ist bunt und vielfältig. Wenig stach heraus, bis sich vor drei Jahren das Jazzlab formierte. Junge Musiker, unter ihnen viele Absolventen der Hochschule für Musik und Theater, taten sich zusammen, um mit vereinten Kräften die eigenen Perspektiven zu verbessern.

"Wir sind aus der Not heraus entstanden", erzählt Philipp Püschel bei einem Kaffee in der Weidenallee. Alle Musiker des Jazzlab haben ihre eigenen Bands. Püschel etwa spielt Trompete bei Rocket Men, einem Sextett, das auf seinem zweiten Album Twerk & Travel in Space süffige Bläserlinien mit elektronischen Klängen und exotischen Rhythmen verschränkt. Jenseits ihrer Bands machen die Musiker vieles gemeinsam. Sie haben das Jazzlab-Logo entwickelt, das als Sticker inzwischen an jedem Laternenpfahl prangt, einen Webauftritt, eine Konzertreihe. Ganz bewusst bezeichnen sie sich als Kollektiv, "das klingt mysteriös, irgendwie spannend", sagt Püschel. Sie veröffentlichen ihre Musik auf dem eigenen Label und nutzen Social Media zur Kommunikation. Das Plakatekleben ist mehr eine Verbeugung vor rustikaleren Genres. "Wir wollen nicht in der verstaubten Jazz-Szene sein."

An jedem ersten Dienstag im Monat lädt das Jazzlab ins Volt in der Karolinenstraße zu Jazzkonzerten ein, wie es sie im Land zurzeit noch kaum irgendwo gibt. Das Publikum ist Mitte zwanzig, und anders als sonst sind sehr viele Frauen da.

Das Volt wurde bekannt durch seine Technopartys. Jetzt füllen auch Jazzbands die raue Stätte, und zwar trendige Bands von überallher. Das brodelnde Septett Shake Stew aus Wien war da, das hypnotische Trio Dans Dans aus Belgien und zuletzt C.A.R. aus Köln, ein psychedelisch-meditatives Quartett mit dem elektronisch gefilterten Saxofon von Leonhard Huhn (um mal einen Namen zu nennen, der sich gleich einprägt).