"Explosion der Moderne" – so charakterisiert der Kirchenhistoriker Kurt Nowak seine Beschreibungen der Weimarer Republik. Aus dieser Zeit stammt auch der Kernbestand unseres heutigen Religionsverfassungsrechts. Es wurde 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung geschaffen. Dreißig Jahre später übernahm man im Parlamentarischen Rat die zentralen Weimarer Normen zu den Religionen und Weltanschauungen. In heutigen religionspolitischen Debatten findet man zuweilen die Behauptung, dieses Recht sei in die Jahre gekommen, also veraltet. Doch um voreilige Schlüsse zu vermeiden, sollte man sich die Situation 1919 genauer vor Augen führen. Das geltende Religionsverfassungsrecht erscheint vor diesem Hintergrund moderner, als seine Kritiker meinen.

Die religionskulturelle Ausgangslage der Weimarer Reichsverfassung jedenfalls war von verschärften Pluralitätserfahrungen geprägt. Organisationssoziologisch dominierten zwar noch stabile volkskirchliche Verhältnisse, doch zumindest im Protestantismus zeichnete sich schon deutlich ein "belonging without believing" ab, eine Zugehörigkeit der Gemeindemitglieder zu ihrer Kirche, ohne dass sie deren Glaubensinhalte teilten. Die Kirchenstatistiken verzeichnen einen rückläufigen Gottesdienstbesuch. Kirchenleitende klagen über die neuheidnischen Verhältnisse in den Arbeiterquartieren und der bürgerlichen Avantgarde. Theologisch, weltanschaulich, religionsphilosophisch brodelte es innerhalb und außerhalb des organisierten Christentums. Anhänger der katholischen Antimoderne (auf die Spitze getrieben im päpstlichen Syllabus von 1907) rangen mit den Vertretern des gesellschaftlich engagierten und involvierten Verbandskatholizismus, der im politischen Pragmatismus der Zentrumspartei einen vornehmen Ausdruck fand. Im Protestantismus konkurrierten Lutherorthodoxie, Pietismus und Kulturprotestantismus miteinander, Franz Overbeck und andere entwickelten eine "Theologie der Krise" avant la lettre.

Das Judentum in Deutschland spannte sich zwischen Orthodoxie und "Liberalen", zwischen Zionismus und Assimilation auf und sah sich in sämtlichen Strömungen mit einem aggressiven Antisemitismus konfrontiert, der teils an ältere Traditionen des Antijudaismus anknüpfte.

Urbanisierung und Industrialisierung warfen nicht nur die soziale Frage auf, sondern brachten auch eine milieuverdichtete marxistische Religionskritik ("Arbeiterklasse") und zugleich mit Diakonie und Caritas auch neue Sozialgestalten des Christentums hervor. Andere Varianten der Christentumskritik trieben Weltanschauungen und Lebensreformbewegungen in großer Zahl hervor: Im Übergang vom Kaiserreich zu Weimar begegnen uns im religionskulturellen Rundumblick der naturwissenschaftlich-biologistische Säkularismus ebenso wie die rassistisch-völkisch motivierte Wiederentdeckung der germanischen Götterwelt. 1881 gründet sich der Freidenkerbund, 1906 der Deutsche Monistenbund. Kurz: Das Zeitalter der Ideologien, des Nebeneinanders von Krisentheorien, Fortschrittsgläubigkeit und weltanschaulich aufgeladenen Verfallsästhetiken war 1918 schon lange angebrochen, man denke nur an den 1902 erschienenen Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal.

Auch die Vorgeschichte des Religionsrechts von 1919 war facettenreicher, als manche Kritiker von heute glauben, und mit "Allianz von Thron und Altar" höchst unzureichend beschrieben: Die katholische Kirche stand ungeachtet der ihr eigenen Heterogenität zu Beginn der Weimarer Beratungen noch ganz unter dem Eindruck des preußischen Kulturkampfes. Deshalb reagierte man 1918 auf die "robuste" Trennungspolitik der Revolutionsregierungen, etwa von Adolph Hoffmann (USPD) in Preußen, überaus sensibel. Es war halt erst dreißig Jahre her, dass Hunderte von Pfarrern inhaftiert und zahlreiche Bischöfe abgesetzt und vertrieben worden waren. Ein Viertel der Pfarreien und etliche Bischofsstühle waren wegen staatlicher Repression unbesetzt geblieben, die katholische Presse wurde unterdrückt und Kirchengut in beachtlichem Umfang beschlagnahmt. Das Jesuitengesetz von 1872, das den Orden im Kaiserreich verboten hatte, wurde gar erst 1917 aufgehoben.

Man sollte aber auch nicht aus dem Blick verlieren, dass sich in der evangelischen Kirche der Blick auf die Verbindung von "Thron und Altar" im Laufe des 19. Jahrhunderts erheblich verändert hatte: Sie wandelte sich von einer Staats- zu einer "Hofkirche" (Christoph Link), indem sie konsistoriale und synodale Leitungsstrukturen ausbildete. Staatsaufsicht und Kirchenleitung traten funktional und organisatorisch auseinander. Die Fürsten hatten bis zu ihrer Abdankung in den Revolutionswirren 1918 die oberste Kirchengewalt inne. Doch die Kirchenbehörden waren nicht mehr staatlich, sondern nur noch "landesherrlich". Die "Staatskirche" war also eigentlich schon abgeschafft, bevor die Weimarer Nationalversammlung zusammentrat.

Zu Beginn der Arbeiten an einer neuen Reichsverfassung legte der Staatsrechtslehrer Hugo Preuß im Auftrag des Reichsinnenministeriums einen ersten Entwurf vor. Er enthielt weder ausdrückliche Vorschriften über die Reichskompetenzen auf staatskirchenrechtlichem Gebiet noch religionskorporative Detailbestimmungen, sondern beschränkte sich auf die Gewährleistung individueller Glaubens- und Gewissensfreiheit, der religiösen Nichtdiskriminierung sowie der religiösen Vereinigungsfreiheit. Dies entsprach insbesondere den politischen Zielen der Linksparteien (SPD und USPD), die eine möglichst umfassende Trennung von Staat und Kirche anstrebten und deshalb keine das Verhältnis von Staat zu Kirchen und anderen Religionsgesellschaften regelnden Verfassungsvorschriften aufgenommen sehen wollten.