ZEIT: Bei der Bürgermeisterwahl in Ihrer Heimatstadt Görlitz führt nach dem ersten Wahlgang Sebastian Wippel von der AfD. Macht Ihnen das Sorgen?

Kretschmer: Die Entscheidung über den Oberbürgermeister in Görlitz fällt erst im zweiten Wahlgang. Octavian Ursu, unser CDU-Kandidat, hat als Stadtrat und Landtagsabgeordneter viel für Görlitz erreicht und wäre ein guter Oberbürgermeister.

ZEIT: Welche Erkenntnisse sollte Ihre Bundespartei und die Bundesregierung aus dem Wahlergebnis ziehen?

Kretschmer: Beide sollten das ganze Land betrachten. Ich höre jetzt ständig vom Klimaschutz, der noch ernster genommen werden solle. Ohne Frage ist das ein wichtiges Thema, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es dazu in Deutschland offensichtlich sehr unterschiedliche Ansichten gibt. Viele Menschen bei uns in Sachsen fremdeln mit dem Kohleausstieg. Sie fragen sich, ob das Land auf Strom aus Atomkraft und Braunkohle wirklich verzichten kann; ob alternative Energien genügend Leistung bringen. Kann das überhaupt funktionieren? Solche Fragen höre ich hier. Darauf haben übrigens auch die Grünen noch keine Antwort gegeben.

ZEIT: Die Grünen haben die SPD in Sachsen – Ihren Koalitionspartner – längst überholt. Wäre es nicht an der Zeit, dass Sie auf die Partei zugehen?

Kretschmer: Zwei Parteien haben bei dieser Wahl besonderen Zuspruch erhalten: die Grünen, vor allem in Westdeutschland, und die AfD, vor allem in Ostdeutschland. Beide verbindet nur eine Sache miteinander, nämlich nicht kompromissfähig sein zu wollen und ihre eigenen Positionen als absolut zu setzen. Das finde ich schwierig und gefährlich. Deutschland ist immer gut damit gefahren, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen politischen Positionen anzustreben. Und ich möchte gern, dass die Mitte gestärkt wird.

ZEIT: Zu der die Grünen nicht gehören?

Kretschmer: Die Grünen haben nach diesem Wahlergebnis keinen Druck, sich zu bewegen oder auf andere zuzugehen. Das ist für mich sehr schmerzhaft, weil ich dem Kompromiss zum Kohleausstieg unter großen Sorgen zugestimmt habe. Die Braunkohleindustrie ist ein sehr wichtiger Arbeitgeber. Aber ich wollte den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie entschärfen. Ich hoffe, die Grünen machen da jetzt auch mit.

ZEIT: Der Osten stimmte ganz anders ab als der Westen. Lassen sich daraus Erkenntnisse ziehen?

Kretschmer: Ja. Zum Beispiel, dass nach der Feststellung, es gebe eine Vernachlässigung der Ostdeutschen, auch eine Aktion folgen muss. Wir haben in Sachsen beherzt Fehler bekannt und korrigiert. Das schafft dann auch Vertrauen – die reine Beschreibung eines vermeintlichen oder realen Missstands noch lange nicht.

ZEIT: Mit welchem Thema wollen Sie bei der Landtagswahl punkten?

Kretschmer: In Sachsen geht es darum, den ländlichen Raum zu stärken. Was bieten wir den Unternehmen dort? Was tun wir für jüngere Leute, die gern ein Haus bauen wollen außerhalb der großen Städte, in denen es immer enger wird? Wie verbessern wir die medizinische Versorgung dort und die Sicherheit im grenznahen Bereich? Ich will das Leben auf dem Land noch attraktiver machen.