Fast jeder vierte Europäer, der vergangene Woche abgestimmt hat, hat sich für eine Partei entschieden, die im politischen Spektrum rechts außen steht. In vielen großen Ländern sind die radikal Rechten zur jeweils stärksten Partei geworden, in Frankreich, Italien, Polen und Großbritannien. Im neuen Europaparlament stellen Salvini, Le Pen & Co. rund 170 von 751 Abgeordneten. Warum entscheiden sich so viele Wählerinnen und Wähler für die Rechtsaußen? Warum verlieren die Etablierten weiter an Unterstützung? Gespräche mit Rechtswählern in Süd-, Nord- und Osteuropa zeigen: Was als Trend, als großer Rechtsschwenk wahrgenommen wird, beruht oft auf sehr individuellen Motiven. Eine Geschäftsfrau in Frankreich, ein schwedischer Journalist, ein italienischer Postangestellter und ein polnischer Historiker geben Auskunft.

Nizza, Frankreich

Servane de Almeida entstammt einer adeligen Familie, den Gubernatis, nach ihnen ist im südfranzösischen Nizza eine Straße benannt. In ihrem geraden Rücken und dem herausfordernden Blick spiegelt sich ein lang vererbter Stolz, und aus der Ferne scheint es, als habe sie nichts gemein mit all den gebeugten Arbeitslosen und Abgehängten aus der Peripherie, die traditionell für die Partei von Marine Le Pen stimmen.

23 Prozent aller Wählerinnen und Wähler in Frankreich haben sich am Sonntag für den Rassemblement National (RN) entschieden, mehr als für jede andere Partei. Vor allem: mehr als für die Partei des Präsidenten, die auf 22 Prozent kommt. Für Le Pen ist es ein symbolischer Erfolg, tatsächlich verliert sie zwei Sitze im Europaparlament. De Almeida saß am Wahlabend mit ihrem Mann und den beiden Söhnen vor dem Fernseher und applaudierte.

Ein paar Tage zuvor hatte sie erzählt, dass viele Mitglieder ihrer großen, weitverzweigten Familie früher für die Republikaner, eine Schwesterpartei der CDU, gestimmt hätten. Heute wählten die meisten Verwandten wie sie selbst rechtsnational. Tatsächlich ist die südfranzösische Oberschicht in ihren Villen mit Meerblick längst eine wichtige Wählergruppe für Le Pen geworden. Nostalgie mag dabei eine Rolle spielen. Auch in der Familie von de Almeida geht es bei Familienessen häufig um die "glorreiche Geschichte" Frankreichs, einige Onkel dienten als Soldaten im Algerienkrieg. Aber mindestens genauso wichtig ist für sie die Enttäuschung über die Konservativen.

"Irgendwann wurden mir die traditionellen Parteien zu weich, zu links", sagt de Almeida. Die Republikaner würden ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, beispielsweise bei dem Gesetz, das Homosexuellen in Frankreich erlaubt zu heiraten. Da seien die Konservativen eingeknickt, nicht mehr alle lehnten das Gesetz ab. "Nur der RN ist aufrecht."

De Almeida ist Geschäftsfrau, eine Diplom-Biologin, die als Studentin Körperzellen mit Sauerstoffmangel erforschte und schließlich noch Gesundheitsmanagement studierte. Zurzeit leitet die 40-Jährige als Personalchefin eine Firma mit 60 Angestellten, die Senioren und Menschen mit Behinderungen zu Hause betreut. In diesem Jahr möchte sie ihr eigenes Pflegeunternehmen gründen. "Ich kann führen", sagt sie und strafft ihr Kreuz noch ein wenig mehr. Ihr Mann kümmere sich nach der Schule um ihre beiden Kinder, und obwohl Frauen ihrer Familie früher entweder ihrem Ehemann oder der Kirche dienten, sehnt sie sich zurück in eine Zeit, als Frankreich aus ihrer Sicht noch mehr Macht in der Welt hatte und der Familiensinn intakter gewesen sei.

"Mit meiner Wahl möchte ich Frankreich aus Europas Fesseln befreien", sagt sie. Die Subventionen für Bauern, das größte Budget in der EU, solle die Pariser Regierung verteilen, und diese solle auch darüber entscheiden, wer einreisen dürfe. Sie habe "genug" von den vielen Flüchtlingen, Franzosen müssten im Land an erster Stelle stehen. Eines Tages, hofft sie, werde der RN regieren.

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Uppsala, Schweden

Zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, gleichsam am anderen, nördlichen Ende der EU, lebt Simon Pettersson. Der 30-jährige Kulturjournalist aus der schwedischen Universitätsstadt Uppsala nennt sich selbst "konservativ". Und ähnlich wie Servane de Almeida in Nizza findet auch Pettersson, dass die traditionellen Konservativen in seinem Land zu liberal geworden seien, gerade bei der Einwanderungspolitik. Deshalb hat er am Sonntag für die Schwedendemokraten gestimmt, eine Partei, deren Vorgängerorganisation Wurzeln in der Neonazi-Szene hatte und die sich selbst heute als sozialkonservativ und national bezeichnet. Im Europaparlament werden die Schwedendemokraten künftig mit drei Abgeordneten vertreten sein.

Pettersson sieht sich selbst nicht als Anti-Europäer. "Ich bin für eine Zusammenarbeit der europäischen Nationen, aber ich will diesen Zentralismus nicht", begründet Pettersson seine Wahlentscheidung. "Ich will nicht, dass immer mehr nationale Kompetenzen nach Brüssel gehen. Das Selbstbestimmungsrecht der europäischen Völker ist mir wichtig, zum Beispiel was die Migration angeht."

Er möchte, dass Schweden einen Aufnahmestopp für Flüchtlinge verhängt. Lange Zeit hatte das Land besonders großzügig Asyl gewährt, unabhängig davon, ob gerade Konservative oder Sozialdemokraten regierten. Weil er auch in der Vergangenheit schon Schwedendemokraten gewählt habe, sei er schon als Rassist bezeichnet worden, sagt Pettersson. "So ist das halt. Es stört mich nicht mehr."

Die Schwedendemokraten haben früher den Ausstieg Schwedens aus der EU gefordert. Wie steht Pettersson dazu? "Der Ausstieg ist derzeit zwar kein Thema, aber auf längere Sicht bin ich dafür." Manchmal sehe er bei seiner Partei einen Hang "zu einem etwas zu engen Nationalismus". Es sei falsch, provinziell zu denken. "Die schwedische Identität ist schließlich auch eine europäische Identität."

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Pisa, Italien

Es gibt viele, sehr verschiedene Gründe für den Aufstieg der neuen, radikalen Rechten in Europa. Manche ihrer Wähler träumen von der Vergangenheit, andere fürchten um ihre eigene, unmittelbare Zukunft. Ein Motiv aber kehrt immer wieder: die Enttäuschung über die Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien, die lange Zeit das Fundament der Politik in Europa gebildet haben.

Davide Cinini ist 56 Jahre alt, er arbeitet für die italienische Post. Früher trug er Briefe aus, arbeitete im Innendienst, leitete ein Büro. Nun berät er im Auftrag der Post kleinere und mittlere Unternehmen. Sein Büro befindet sich im Zentrum von Pisa. Die Stadt war jahrzehntelang eine Hochburg der Linken. Cinini war selbst Aktivist bei der CGIL, der größten italienischen, ehemals kommunistischen, Gewerkschaft – und er war Mitglied der Partito Democratico (PD), der sozialdemokratischen Partei, bis 2015. Damals wechselte er von den Sozialdemokraten zur Lega, von links nach rechts außen.

Cinini hat damit in gewisser Weise vorgemacht, was viele Italienerinnen und Italiener nun nachvollzogen haben. Vor fünf Jahren, bei der letzten Europawahl, hatte die PD mit 40 Prozent der Stimmen noch triumphiert; nun stimmten mehr als 34 Prozent für die Lega von Matteo Salvini. Auch in Pisa hat die Lega bereits 2018 das Bürgermeisteramt erobert. Der Grund für Cininis Seitenwechsel waren die Reformen der früheren sozialdemokratischen Regierung. Matteo Renzi, der damalige Premierminister, hatte den Arbeitsmarkt liberalisiert, den Kündigungsschutz gelockert und das Rentenalter angehoben. "Renzi ist kein Linker, er war nie einer!", sagt Cinini. Er bezeichnet sich selbst hingegen nach wie vor als einen Linken. "Meine Ideen sind die gleichen geblieben, aber die Linke vertritt sie nicht mehr, vertreten werden sie von der Lega!" Tatsächlich hat die Partei Salvinis, kaum war sie an der Regierung, die Reform des Rentensystems rückgängig gemacht.

Etwas anderes kommt hinzu. Cininis Heimat ist Miglarino, ein Dorf, knapp neun Kilometer von Pisa entfernt. Hier sieht er seit Jahren Zeichen des Verfalls und des Niedergangs. Cinini: "Ich konnte nicht mehr tolerieren, dass der öffentliche Raum in den Händen von Drogenhändlern ist, dass sich Prostitution und organisierte Kriminalität ausbreitet." Die Linke kümmerte sich in seinen Augen um all das nicht. "Früher ist sie überall präsent gewesen, besonders in den Vorstädten, aber sie ist verschwunden. Sie hat eine Lücke hinterlassen, und in diese Lücke ist die Lega gestoßen."

Die Lega mache das, worauf früher linke Parteien stolz waren: Sie höre den einfachen Leuten zu und biete konkrete Lösungen an. Mit der europäischen Politik hat all das zwar nicht unmittelbar zu tun, trotzdem trägt Cininis Stimme nun dazu bei, dass Matteo Salvinis Gewicht auch in der EU wächst.

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Warschau, Polen

Zu den vielen Vereinfachungen, die die Europawahl begleitet haben, gehört die Unterscheidung zwischen sogenannten Pro-Europäern und vermeintlichen Europagegnern. In keinem Land führt diese Unterscheidung so sehr in die Irre wie in Polen.

"Ich bin ein Europa-Enthusiast", sagt Piotr Andrzejewski. "Die EU hat uns den gemeinsamen Markt gebracht, die europäischen Institutionen unterstützen die Nationalstaaten mit Projekten wie dem EU-Roaming und Erasmus." Dank Erasmus hat der 32-Jährige Historiker und Politologe selbst eine Weile in Klagenfurt studiert, später zog er für ein Forschungsprojekt nach Wien. Er analysiert für ein Forschungsinstitut die Parteienlandschaft Österreichs.

Zurzeit promoviert er in Warschau und in Rostock. Ginge es nach Andrzejewski, sollte die EU nicht anders aussehen oder handeln, als sie das jetzt tut. Deshalb stört es ihn auch, dass die nationalkonservative Regierungspartei PiS mit ihrer Justizreform seinem Land in Brüssel den schlechten Ruf eingebrockt hat, in Polen werde die Gewaltenteilung unterminiert: "Man hätte die Reform auch schrittweise einführen können, dann wären in Brüssel weniger Zweifel aufgekommen."

Trotzdem hat der 32-Jährige am Sonntag für die PiS gestimmt, wie ein Drittel der Polen, die in seinem Alter sind oder jünger. Insgesamt erreichte die PiS herausragende 46 Prozent, mehr als je zuvor.

Warum stimmt der "Europa-Enthusiast" Andrzejewski für eine national ausgerichtete Partei? "Seit PiS an der Regierung ist, spüre ich in Polen diesen Enthusiasmus, jeder will das Land nach vorn bringen", schwärmt Andrzejewski. "Im Vergleich dazu ist Deutschland ein träger Kater."

Die Unterstützung für die Rechtsparteien, das kann man in Polen sehen, speist sich durchaus nicht nur aus Wut oder Enttäuschung, sondern auch aus der Hoffnung auf Veränderung.

Andrzejewski befürwortet einen freien Markt, aber erst einmal, findet er, sollen die polnischen Unternehmen wachsen können. Deshalb findet er es richtig, dass die PiS versucht, gezielt die heimischen Unternehmen zu unterstützen. "Mit der PiS bekommen die Unternehmen mehr von den Steuergeldern ab, so können sie bessere Produkte herstellen und eine polnische Marke aufbauen."

Außerdem beseitige die PiS Ungleichheiten im Land: "Ich finde es super, dass die Regierung den Sozialstaat stärkt und dass Familien mit Kindergeld unterstützt werden", sagt Andrzejewski. Dafür sieht er ihr manche Schwächen nach, etwa die umstrittene Justizreform oder die weitgehende Gleichschaltung der öffentlich-rechtlichen Sender. "Nur wer nichts tut, begeht keine Fehler."

Auch dies gehört in den Augen ihrer Anhänger zur Attraktivität der neuen Rechten: Parteien wie die PiS und Politiker wie Salvini trauen sich etwas, wenn sie regieren.

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