Am Morgen des 18. August 1976 geht der Pfarrer Oskar Brüsewitz in seinen Garten und schneidet nahezu alle Rosen ab. Er verteilt sie im Haus, nimmt seine Frau Christa fest in den Arm und fragt, ob sie ihn noch liebe. So erzählt sie es jedenfalls in einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 1992. Gewundert habe sie sich nicht, sagt sie, ihr Mann mochte Überraschungen.

Sie frühstücken gemeinsam, er verlässt das Haus in Rippicha, Sachsen-Anhalt, fährt ins benachbarte Zeitz vor die Michaeliskirche, übergießt sich mit Benzin und zündet sich an. Brüsewitz stirbt vier Tage später an seinen schweren Verbrennungen im Krankenhaus.

Seine Familie darf nicht mehr von ihm Abschied nehmen. Brüsewitz war zum Staatsfeind der DDR geworden. Unmittelbar vor dem Suizid hatte er ein Transparent auf sein Auto montiert. Darauf stand: "Funkspruch an alle ... Funkspruch an alle ... Wir klagen den Kommunismus an: wegen: Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen!"

Für die DDR kam dieser spektakuläre Tod zu einer denkbar unpassenden Zeit. Weder nach außen noch nach innen wollte das Regime als religionsfeindlicher Staat dastehen. Nur ein Jahr zuvor hatte die SED-Regierung die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet und sich damit auch zur Einhaltung der Religionsfreiheit verpflichtet. Kirche und Staat in der DDR waren gerade dabei, sich anzunähern.

So begann, noch während Brüsewitz im Sterben lag, ein Kampf um die Deutungshoheit seines Suizids. Die SED-Presse machte aus Brüsewitz kurzerhand einen – wie sie es nannte – krankhaft veranlagten Menschen. Mit so jemandem musste man sich nicht politisch befassen.

Die Kirche zögerte erst, stellte sich dann vor ihren Pastor Brüsewitz, konnte aber keinen Selbstmord gutheißen. Dem Westen kam es gelegen, Brüsewitz als politischen Märtyrer zu bezeichnen: ein Pfarrer, der sein Leben gibt, um auf die Unterdrückung der Christen im SED-Unrechtsstaat aufmerksam zu machen.

Am 30. Mai wäre Brüsewitz 90 Jahre alt geworden. 43 Jahre nach seinem Tod ist nun erneut eine Debatte darüber losgebrochen, was die genauen Umstände des Pfarrer-Suizids waren. War die Selbstverbrennung ein politischer Akt oder die Verzweiflungstat eines psychisch Belasteten? Und kann man seine Motive fragwürdig finden, ohne dass man damit auf die DDR-Propaganda hereinfällt?

Der Ostberliner Historiker und Schriftsteller Karsten Krampitz befasst sich seit vielen Jahren mit dem "Fall Oskar Brüsewitz", zugleich der Titel seiner 700 Seiten langen Promotionsschrift. Krampitz kommt darin zu dem Schluss, Brüsewitz müsse eine dissoziale Persönlichkeitsstörung gehabt haben. Eine Erkrankung, die das Einhalten sozialer Normen erschwert. Anders sei seine mangelnde Empathie, von der Zeitzeugen berichten, nicht zu erklären.

Kurz vor seinem Tod legte die Magdeburger Kirchenleitung Pfarrer Brüsewitz einen Wechsel der Pfarrgemeinde nahe. Die Gemeinde hatte sich von ihrem Pfarrer abgewandt. Er galt als Sonderling mit übertriebenem missionarischem Eifer. Immer weniger Menschen besuchten seine Gottesdienste.

In den Augen einiger Amtskollegen zeichnete Brüsewitz ein ausgesprochen apokalyptisches Denken aus. In der Brüsewitz-Rezeption kursieren auch Anekdoten etwa von einer Beerdigung, bei der er einen Menschenknochen aus dem Grab genommen und in die Höhe gereckt haben soll. Einen sterbenden Jungen hatte er offenbar nicht zu trösten vermocht, sondern ihm noch mehr Angst vor dem Sterben eingejagt. "Oskar Brüsewitz war einfach kein guter Seelsorger", sagt Karsten Krampitz im Gespräch mit Christ&Welt.