Nerds sehen anders aus. Die knapp zwanzigköpfige Runde, in der sich alle über ihre Laptops beugen, knobelt zwar fieberhaft an Kombinationen aus Variablen, Strings und Zahlen. Codes gelten hier als cool, Algorithmen als aufregend – doch die vergnügte Stimmung will nicht wirklich zum Klischee von der verstockten Computerfreak-Szene passen. Dazu kommt: In der Gruppe, die sich an einem Dienstagabend im Foyer eines Co-Working-Komplexes in Wien-Landstraße zu gemeinsamen Lektionen in der Programmiersprache JavaScript getroffen hat, sitzen Frauen. Ausschließlich Frauen.

Barbara Ondrisek, die den Kurs leitet, findet: Das solle nicht überraschen. "Programmieren ist der ideale Job für Frauen", sagt sie in einem Ton, als handle es sich um eine Binsenweisheit. Für Ondrisek selbst mag das zwar gelten: Die Wienerin, 39 Jahre, kurz geschnittener Pony und Katzensticker am Mobiltelefon, ist Software-Entwicklerin, IT-Gründerin, Expertin für E-Voting und gefragte Rednerin bei Technologiekonferenzen.

In ihrer Branche gehört sie als Frau aber nach wie vor einer Minderheit an. Nur 15,6 Prozent der IT-Fachkräfte in Österreich sind weiblich, und das, obwohl Nachwuchs händeringend gesucht wird. An den Unis dümpelt der Frauenanteil in Informatikstudien seit Jahren um die 20 Prozent.

"Wir wollen ein modernes Image von Programmiererinnen schaffen."
Barbara Ondrisek

Das ist immerhin deutlich mehr als im Jahr 1999, als Barbara Ondrisek zu ihrer ersten Informatik-Vorlesung an die TU Wien ging. Damals waren von den fast 800 Studienanfängern, die in den Saal des Wiener Audimax gekommen waren, mehr als 90 Prozent Männer. "Dabei waren Frauen die Pionierinnen der Informatik!", ruft Ondrisek und erzählt enthusiastisch von Wegbereiterinnen der Computertechnologie wie Ada Lovelace, Grace Hopper oder Adele Goldstine.

Mittlerweile ist Barbara Ondrisek selbst zum Rolemodel geworden. Im vergangenen Sommer hat sie gemeinsam mit der Software-Entwicklerin Eva Lettner die Non-Profit-Organisation Women And Code gegründet, die hinter dem Programmierkurs im Co-Working-Space steckt. Völlige Neueinsteigerinnen, aber auch Fortgeschrittene lernen in den kostenlosen, immer dienstags stattfindenden Einheiten nicht per Frontalunterricht, sondern üben in Kleingruppen eigenständig an Arbeitsmodulen. Das Konzept, das Ondrisek zu Beginn des Abends ausgibt, lautet: Versucht, Fehler zu machen, findet heraus, wie man sie wieder reparieren kann. Es gebe zwar auch Intensiv-Workshops für Fortgeschrittene, "aber wir bieten keine Ausbildung im engen Sinn an", sagt Ondrisek. Women And Code will Frauen ermutigen, den Schritt in die Branche der Bits und Bytes zu wagen, und anschließend neue Netzwerke schaffen.

Die drei Kursstunden über wird Englisch gesprochen, viele Teilnehmerinnen sind in ihren Zwanzigern, manche aber auch über 50, häufig melden sich Schwangere oder junge Mütter an. "Gerade Alleinerziehenden sage ich immer: Programmieren ist perfekt für euch. Man kann sich die Zeit oft frei einteilen oder im Homeoffice arbeiten, und die Jobs sind meistens überdurchschnittlich bezahlt", sagt Ondrisek. Doch statt um reines Karrierekalkül geht es bei den Kursen auch um Spaß und um nette gemeinsame Abende. "Wir wollen das Nerd-Klischee aufbrechen, fröhlich sein und inklusiv. Wir wollen ein modernes Image von Programmiererinnen schaffen."