Die glibberige Masse klatscht aufs Boot, das Fischernetz hat dünne Striemen auf dem Körper hinterlassen: eine Feuerqualle. Quallen gehören zu den ältesten Lebewesen im Tierreich, sie bestehen zu 99 Prozent aus Wasser, und für Björn Mahrt sind sie vor allem eins: nervtötend. Das Gift der Qualle macht dem Fischer zu schaffen. Ein orangener Overall und blaue Handschuhe schützen seinen Körper, während er den Fang aus dem Netz friemelt. Dabei muss er vorsichtig sein. Wenn die Fische zappeln, fliegt ihm Quallenschleim "manchmal direkt ins Gesicht", sagt Mahrt. "Es gibt Tage, an denen stehst du abends unter der Dusche und alles brennt."

Seit mehr als 20 Jahren wirft Mahrt seine Netze in der Ostsee aus. Quallen, die er als ungewollten Beifang an Deck zieht, waren für ihn schon immer ein Problem. In den vergangenen Jahren jedoch scheint es sich verschärft zu haben – nicht nur in Nord- und Ostsee. Es wird berichtet, dass sich die Plagegeister auch an den Küsten des Mittelmeers, Südostasiens, der USA oder des arabischen Meers stark vermehrt haben. "Killer-Quallen vor Malle", "Angriff der Schwabbelmonster" titelten Zeitungen.

Die Nesseltiere profitieren vom Wandel der Ozeane. Unter anderem Dünger und Abwässer lassen die Meere versauern, es entstehen sogenannte tote Zonen. Hier können die meisten Lebewesen nicht überleben – außer die Quallen. Sie vermehren sich ungestört und dominieren schrittweise mehr und mehr maritime Regionen.

Björn Mahrt bescheren die Tiere nicht nur häufig brennende Schmerzen. Sie schränken auch seinen Fang ein, vermutet der Ostsee-Fischer. Gelangen sie in Massen in seine Netze, würden die Quallen diese vom Meeresboden abheben – und die Schollen könnten einfach unten durchschwimmen. Bis zur Hälfte der Fische würden ihm an manchen Tagen entgehen, glaubt Mahrt.

In jedem Fall machen die Tiere den Fischern Arbeit, sie verkleben ihre Netze oder lassen diese so schwer werden, dass sie reißen. In Japan, wo es 200 Kilo schwere Exemplare gibt, kenterte ein Kutter 2009 wegen der Quallenlast. Zudem konkurrieren die Tiere vor allem mit kleineren Fischen um Nahrung. Da die großen Fische die kleinen fressen, wirkt sich der Quallenbestand auf die Fangquoten aus, mitunter in drastischer Weise. So kollabierten vor 30 Jahren die Sardellenbestände im Schwarzen Meer – die Fische waren von invasiven Quallenarten verdrängt worden. Im Lurefjord in Norwegen fingen Fischer in den 1970er-Jahren nur noch Tonnen von Glibberwesen, die Medusen dominieren die dortigen Gewässer bis heute. Insgesamt können sich die Schäden einer Invasion je nach Region auf Hunderttausende oder im Extremfall gar eine Milliarde Dollar belaufen, schrieben Forscher 2014 im Fachmagazin Oceanography. Längst sind die Quallen zum Feindbild geworden: Sie sind angeblich schuld an schlechten Fängen, veränderten Fischbeständen – an fast allen Problemen einer ganzen Branche.

Es ist allerdings nicht sicher, ob die Quallen ein neues Problem darstellen oder vielmehr ein altes, das nur jetzt neu entdeckt worden ist. "Die Bedeutung der Qualle im maritimen Ökosystem war der Wissenschaft lange nicht bekannt", erklärt Jamileh Javidpour. Die Meeresbiologin, bis vor Kurzem am Kieler Geomar tätig, arbeitet heute an der Süddänischen Universität in Odense. Javidpour ist eine der wenigen, die seit Jahrzehnten Quallen erforschen. Ihre Disziplin habe sich lange eher für andere Meeresbewohner interessiert, berichtet sie. Auch die Fischerei-Forschung konzentrierte sich vor allem auf kommerziell genutzte Arten. Quallenbestände wurden auf den Forschungsfahrten, wenn überhaupt, nur nebenbei in den Blick genommen.

Das änderte sich spätestens 2009 mit der "Freudenfahrt der Qualle", einem Artikel in der Fachzeitschrift Trends in Ecology and Evolution. Ein internationales Forscherteam postulierte, dass Quallen immer mehr Regionen der Weltmeere beherrschen könnten. Ihre Theorie: Gibt es immer weniger Fische in den Ozeanen, können sie die Quallen nicht mehr in Schach halten. Irgendwann komme es zu einem Kipppunkt, an dem die Fische das Nachsehen haben, da ihnen die Quallen das Futter wegfressen. Ganze Ökosysteme könnten sich so zu "Monokulturen von Quallen" wandeln. Das Bild von der Quallendominanz der Meere schreckte viele auf. Seitdem werden international mehr Proben genommen.

Doch zehn Jahre sind zu kurz, um einen langfristigen Anstieg der Quallenpopulation tatsächlich nachzuweisen. Zudem scheuen die Forscher allgemeine Aussagen, da die Anzahl der Tiere selbst innerhalb eines Binnenmeers stark schwanken kann. In der Kieler Förde haben sich die Ohrenquallen in den letzten drei Jahrzehnten stark vermehrt, in der nördlichen Ostsee dürfte dies anders aussehen: Der Salzgehalt ist niedriger, daher überleben weniger marine Arten. Aber auch dort fehlen die Daten.