Fakt ist: Wo Quallen noch kein Problem sind, könnten sie eins werden. Der Mensch schafft für ihre Vermehrung die besten Bedingungen. Klimawandel, übermäßiger Nährstoffeintrag, kommerzielle Erschließung der Meere: All das dürfte der Qualle nützen. Denn sie kommt nicht nur in Gegenden wie den toten Zonen gut zurecht, sondern fast überall, wo andere Lebewesen Probleme haben. Auch übermäßige Fischerei verschafft den Quallen einen Vorteil. Je weniger Fische es gibt, desto mehr Plankton bleibt für die Quallen übrig. Dadurch vermehren sie sich stark, und die verbleibenden Fische finden kaum Futter. Das heißt, dass die Fischer einen Teil ihres Problems selbst verursacht haben.

Eine Lösung wäre es, die Quallen bewusst zu fangen, um aus ihnen Geld zu machen. Fischer wie Björn Mahrt wären sofort dabei. "Man müsste irgendwas erfinden, wofür man die Quallen brauchen könnte", meint Mahrt. "So was wie Chili con Qualle." Ganz so weit hergeholt ist das nicht: In anderen Ländern der Welt werden die gallertigen Tiere zu Essen verarbeitet. Die Chinesen mögen sie als Quallensalat, die Japaner als Sushi. Fischer in immer mehr Ländern widmen sich deswegen tatsächlich dem Quallenfang. In Thailand, Australien, China und Mexiko fahren sie meist in kleinen Booten raus. Es werden mindestens 750.000 Tonnen Qualle pro Jahr aus dem Meer gefischt, hat der kanadische Forscher Lucas Brotz errechnet.

In Deutschland hat sich noch keine "Quallenwirtschaft" etabliert, der potenzielle Nutzen der Tiere wird jedoch bereits untersucht. Etwa in Sandhagen, einem kleinen Ort bei Rostock. Während Baumaschinen kubikmeterweise Erde vor eine riesige Lagerhalle transportieren, wird im Gebäude nebenan experimentiert. Zur Hälfte gekachelt, zur anderen Hälfte gelb gestrichen, sieht das Labor wie eine Küche aus, nur dass auf der Arbeitsfläche kein Gemüse geschnitten wird, sondern kleine Pflänzchen in Kästen wachsen. Steffen Aldag hebt eine vertrocknete Feuerqualle aus einem Eimer, sie sieht aus wie ein verkrustetes Spiegelei. Aldag arbeitet bei der Kompostierfirma Hanseatische Umwelt, und er untersucht, wie die Stoffe aus den Quallen auf unterschiedliche Böden wirken. Unter anderem sollen die toten Tiere Substanzen enthalten, die Pflanzen vor Schädlingen schützen.

Der Umweltingenieur hat neun kleine Versuchsbeete angelegt. Einige Pflanzen wachsen in Gartenerde, andere in "Quallentorf" – einer Mischung aus Torf und Quallensuppe. Die Wirkstoffe der Qualle seien jedoch nur in "homöopathischen Dosen" enthalten, erzählt Aldag. Denn ein bisschen Qualle tue den Pflanzen nach ersten Beobachtungen gut, zu viel schade eher. Während die Feuerqualle vermutlich wie ein Fungizid wirkt, sollen andere Quallenarten dafür sorgen, dass sich Wasser leichter im Boden speichert und die Halme der Pflanzen in die Breite wachsen.

Jamileh Javidpour leitet das europäische Forschungsprojekt GoJelly. Auch sie will Wege finden, die Schwabbeltiere zu nutzen, ob in der Landwirtschaft, als Nahrungsmittel oder zur Filtration von Mikroplastik. Die Hanseatische Umwelt beteiligt sich an GoJelly und startet jetzt erste Versuche mit Fischern, um die Quallen aus den Meeren zu gewinnen. Allerdings müssten auch die Auswirkungen einer Entnahme erforscht werden, bevor es in die größere Produktion geht, mahnt Javidpour.

Denn genauso unberechenbar wie eine Zunahme der Quallen kann ihre Abnahme sein. Tiere wie Schildkröten, Mondfische oder Dorsche fressen die Nesseltiere. Und viele Quallenarten nehmen aus dem Oberflächenwasser CO₂ auf und transportieren beim schnellen Absinken nach ihrem Tod den gewonnenen Kohlenstoff in die Tiefe der Ozeane. Sie könnten also einerseits vom Klimawandel profitieren – andererseits sind sie ein Faktor bei dessen Regulierung.

Doch für die Quallen-Grundlagenforschung ist nur schwer Geld zu bekommen. Seit 15 Jahren untersuchen Javidpour und ihre Kollegen, wie häufig und warum die Tiere in der Ostsee bei Kiel auftauchen und ob sich diese Muster langfristig verändert haben. Forschungsförderer unterstützen solche Projekte jedoch meist nur für zwei bis vier Jahre. Die Wissenschaftler brauchen aber länger, um klare Aussagen über die Veränderung der Population und deren mögliche Auswirkungen zu treffen. Während das Problem also an vielen Orten der Welt immer drängender zu werden scheint, bleiben die Qualle und ihre Rolle im Ökosystem noch teilweise ein Rätsel.