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"Sich auf eine Beziehung mit einer Großmacht einzulassen, ist wie mit einem Bären ins Bett zu gehen", sagte der türkische Staatsmann Ismet Inönü einst. Erdoğan ließ sich mit dem Kauf russischer S-400-Raketen auf ein gefährliches Spiel mit den USA und Russland zugleich ein. Von welchem Bären er dabei welchen Hieb abbekommt, ist ungewiss.

Die Sache kam vor 7 Jahren auf: Als Syrien 2012 einen türkischen Kampfjet abschoss, plante Ankara einen Gegenschlag auf Damaskus’ Militäreinrichtungen. Doch die türkische Luftabwehr gegenüber Syrien war schwach. So forderte Erdoğan von der Nato Patriot-Luftabwehrraketen, bekam sie aber nicht. Also begab er sich auf die Suche, die dem Westen zugleich signalisieren sollte, er habe noch andere Alternativen. Erst klopfte er in Peking an, dann in Moskau. Das russische S-400 war das beste Raketenabwehrsystem auf dem Markt. Man einigte sich, Putin freute sich über die Anfrage eines Nato-Mitglieds, und Erdoğan war glücklich, für die Kooperation einen Partner gefunden zu haben, der ihn nicht nach Menschenrechten fragen würde. Vielleicht wollte er anfangs dem Westen gegenüber nur bluffen, dann eskalierte die S-400-Sache aber nach einer Reihe von Provokationen zur Krise. Nachdem die türkische und russische Führung 2017 in Sotschi ein S-400-Geschäft in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar abgeschlossen hatten, empörten sich die USA: Wie kann es sein, dass das Mitglied eines gegen die Bedrohung durch Russland gegründeten Bündnisses ein Abwehrsystem von dort erwirbt? Hals über Kopf reiste eine Delegation aus Ankara nach Washington und erklärte, nach der Abfuhr von den USA sei man auf Russland angewiesen gewesen. Das Pentagon machte geltend, mit dem Nato-System nicht kompatible militärische Ausrüstung würde zu Problemen im Bündnis führen, zudem könnte Moskau an Nato-Daten gelangen, wenn die jüngst von der Türkei gekauften amerikanischen F-35-Jets in der Nähe russischer Radare stationiert werden. Einen Rückzieher aber machte keiner von beiden. Daraufhin erklärte US-Vizepräsident Mike Pence es zur "ernsthaften Gefahr für die Nato", dass die Türkei bei "unseren Feinden" Waffen gekauft habe; darauf müsse reagiert werden. Als erste Reaktion setzte das Pentagon die Lieferung von F-35-Teilen aus.

Ankara gab versöhnliche Signale. Doch da begann Moskau, die nordsyrische Stadt Idlib zu bombardieren, es kam zum Flüchtlingsansturm auf die türkische Grenze. Erdoğan sah sich dieser Provokation Putins gegenüber. In dem selbst angezettelten Spiel steckte er plötzlich zwischen zwei Riesen.

Dennoch bekundete er, nicht vom Kauf der S-400-Raketen zurückzutreten, die Lieferung könne noch vor Juli erfolgen, später stehe die gemeinsame Produktion von S-500-Raketen mit Russland in Aussicht. Und der Verteidigungsminister verlautbarte, türkische Soldaten seien zur Ausbildung an den S-400 nach Russland gereist, und ergänzte: "Wir stellen uns auf eventuelle Sanktionen ein."

In Washington sind die Nerven angespannt. Die USA gaben der Türkei zwei Wochen Zeit, um vom Kauf zurückzutreten. Erdoğan könnte die Krise für eine antiamerikanische Kampagne im Wahlkampf benutzen. Die Folge könnten ernsthafte Sanktionen sein. Die erste wäre die Streichung Ankaras aus dem F-35-Programm. Anschließend könnten die Updates für US-Waffen in Ankaras Händen und die Lizenzen für Waffenverkäufe in die Türkei storniert werden.

Erdoğan hat die Bande der Türkei zum Westen nacheinander gekappt – allein das der Verteidigung blieb, entstanden aus der Notwendigkeit eines Bündnisses gegen Russland. Kann er auch dieses letzte Band noch zertrennen und den Westen, seinen wichtigsten Wirtschaftspartner, aufgeben? Das scheint unter den derzeitigen ökonomischen Bedingungen kaum denkbar. Deshalb ist jetzt die Rede von einer Alternative, die beide Seiten zufriedenstellen würde, ohne Erdoğans Image zu schaden: die S-400 von Moskau erwerben und an ein Drittland weiterverkaufen. Die Beziehung zu einem Bären ist riskant genug. Es gleich mit zweien zu versuchen, dürfte die Türkei teuer zu stehen kommen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe