Die Christen werden in Deutschland zur Minderheit und ihre Kirchen zu alternden, dauerhaft geschwächten, in einem schmerzhaften Strukturwandel begriffenen Verbänden. Das ist, brutal zusammengefasst, der Befund, den die Wissenschaftler des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge Anfang dieses Monats veröffentlicht haben.

Die Forscher um den Ökonomen Bernd Raffelhüschen haben die demografischen Daten der deutschen Christenheit in die Zukunft verlängert und zusätzlich angenommen, auch bei Kirchenaustritten und Taufen setze sich der aktuelle Trend fort. Ergebnis: 2060 haben die Kirchen halb so viel Geld und halb so viele Mitglieder wie heute.

Die Zukunft als Verwaltung des Mangels: Wer die öffentlichen Reaktionen auf diese Nachricht Revue passieren lässt, der muss sich fragen, ob sie verstanden worden ist. Dies war nicht irgendein Debattenbeitrag, nicht eine Stimme unter vielen. Sondern es war die nach dem Stand heutigen Wissens bestmögliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Kirchen, das Ergebnis einer Untersuchung, die diese selbst in Auftrag gegeben hatten.

Und jetzt? In der katholischen Kirche setzte eine kurze, lustlose Debatte über die Kirchensteuer ein, die mit dem Problem der schrumpfenden Kirche wenig zu tun hat. In den evangelischen Kirchen kam es nicht einmal dazu.

Wie sieht sie aus, die geschrumpfte, ärmere, ihrer kulturellen Vormachtstellung beraubte Kirche der Zukunft? Was wird aus ihren Gemeinden, ihren Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten? Zeichnet sich womöglich sogar ein theologischer Wandel ab? Und: Warum ist die Aufregung angesichts des dramatischen Befundes nicht größer? Auf dieser Seite versucht Christ&Welt einen kleinen Ausblick auf eine Debatte, die bislang vor allem hinter verschlossenen Türen geführt wird.

Was die Aufregung betrifft: Beide Kirchen hatten das Ergebnis geahnt und wohl Schlimmeres befürchtet. Schon 2006 hatte Raffelhüschen im Auftrag der katholischen Kirche deren Zukunft berechnet. Das Ergebnis behielt die Kirche damals für sich und will es auch im Nachhinein nicht veröffentlichen. Klar ist aber, dass sich die deutsche Wirtschaft seit 2006 ungewöhnlich gut entwickelt hat. Mit der Wirtschaft wuchs nicht nur das Steueraufkommen, Kirchensteuer inklusive. Zugleich erwarben die Arbeitnehmer höhere Rentenansprüche, sodass auch die Steuern und Kirchensteuern zunehmen, die sie als Rentner in Zukunft bezahlen werden.

Zum Zeitpunkt der älteren Untersuchung schien es noch, als müssten die Kirchen schon Ende der 2020er-Jahre, wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben ausscheiden, mit einem regelrechten Einbruch ihrer Einnahmen rechnen. Inzwischen erscheint diese Bedrohung etwas weniger dramatisch.

Wie groß die ursprünglichen Befürchtungen waren, lässt sich in einer alten Denkschrift der EKD noch nachlesen. Halbierte Einkünfte, nicht erst 2060, sondern bereits in den Dreißigerjahren dieses Jahrhunderts: Im Jahr 2006 erschien das realistisch. Anders als die Katholiken ging der Rat der EKD mit seinen Zahlen an die Öffentlichkeit. Seine Schlussfolgerungen allerdings lesen sich wie ein Entschluss zur Flucht aus der Wirklichkeit. Jetzt erst recht!, das ist der Tenor der Denkschrift "Kirche der Freiheit". Die "Antwort auf solche Prognosen kann nur darin bestehen, gegen den Trend wachsen zu wollen".

Benchmarking, Best Practice, lebenslanges Lernen – der neoliberale Zeitgeist hatte damals auch die Kirche erfasst. Eine McKinsey-artige Effizienzrevolution der Seelsorge, Tauf- und Trauquotenoptimierung inklusive, sollte ihre Zukunft sichern. Davon ist heute nicht mehr viel übrig.

Also erst mal abwarten? Die Protestanten können sich das womöglich noch ein paar Jahre lang leisten, die Katholiken können es nicht. Denn die katholische Kirche hat ein zusätzliches Problem: Sie findet keine Pfarrer mehr. So vollzieht sich unter dem Druck des Personalmangels in den Bistümern schon heute, was den evangelischen Landeskirchen erst noch bevorsteht.

Eine Fusionswelle schwappt durch die Gemeinden. Besonders radikal geht das älteste deutsche Bistum vor, die Diözese Trier: Mehr als 800 kleine Gemeinden sollen zu 35 Pfarreien der Zukunft fusionieren. Die Pfarrämter schrumpfen zu Filialen, "Orte von Kirche" genannt. Es sind, technisch gesprochen, keine Grundversorger mehr, sondern Spezialitätengeschäfte: hier etwas für das intellektuelle Großstadtpublikum in der Citykirche, dort eine "Kirche der Jugend".

Wird das die Kirchen retten? Womöglich belebt es die Gemeinden, wenn engagierte Laien sich einbringen können, ohne auf ein Zeichen der geweihten Männer zu warten. Andererseits braucht gerade die individualisierte Gesellschaft Verlässlichkeit. Wenn Pfarrheime nur noch selten geöffnet werden und die Kirche als guter Nachbar ausfällt, löst sich das kirchliche Leben womöglich schneller auf, als ihm das Geld ausgeht.

Auch bei den sozialen Einrichtungen ist die katholische Kirche die Avantgarde des Rückzugs. Im Erzbistum Hamburg schließt sie gerade sechs katholische Schulen; zwei weitere sollen nur erhalten werden, wenn sich private Geldgeber finden. Dies ist eine überraschende Entwicklung in einem wachsenden Stadtstaat, dessen Regierung gerade ein großes Schulbauprogramm auflegt. Auch Landesregierungen müssen aber haushalten und springen nicht immer ein, wo die Kirchen als Betreiber ausfallen.