Ungläubig musste die Welt vor einem Jahr mit ansehen, wie die älteste und ehrwürdigste literarische Institution Nordeuropas, die Schwedische Akademie, sich selbst zerlegte, unter anderem mit der Folge, dass man sich nicht einmal mehr dazu imstande sah, den vornehmsten Preis des Hauses zu verleihen, den Literaturnobelpreis.

Die verschlungenen Wendungen dieser höchst bemerkenswerten Geschichte sind das reinste Filmmaterial. Eine Tragödie war das alles nicht zuletzt für das frühere Akademiemitglied Katarina Frostenson (66). Ihr Mann Jean-Claude Arnault (72) wurde der sexuellen Belästigung beschuldigt, später wegen Vergewaltigung in zwei Fällen angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er inzwischen absitzt. Frostenson selbst wurde vorgeworfen, ihre Verschwiegenheitspflicht verletzt zu haben sowie Finanzen der Akademie und eigene wirtschaftliche Interessen miteinander vermischt und sich selbst Fördergelder bewilligt zu haben. In diesem Jahr gab nicht nur Frostensons Widersacherin, die Ständige Sekretärin Sara Danius, sondern auch Frostenson selbst ihren Sitz in der Schwedischen Akademie auf.

Nun bringt der Stockholmer Verlag Polaris unter dem Titel K ihr persönliches und literarisches Zeugnis über die Affäre heraus, an der die Schwedische Akademie zerbrach. Das Buch ist eine literarische Verteidigungsschrift und damit ein nobles, allerdings auch heikles Genre, ganz egal, wie brillant man schreibt. Das erkennt auch Frostenson und zitiert unter anderem Ovid als Gewährsmann für die Einsicht: Verteidigung ist sinnlos. Doch Schweigen bedeutet Zustimmung. Unschwer zu verstehen also, dass Frostenson die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen will. Das tut sie eindringlich und mit beträchtlicher literarischer Kraft. Die schwedische Lyrikerin, Trägerin des Literaturpreises des Nordischen Rats, ist nämlich nicht nur eine bedeutende Stilistin, sie kennt sich auch in der Weltliteratur aus wie in ihrem Küchengarten. Die großen Dichter sind ihre vertrauten Gesprächspartner, auch in dieser besonderen Situation. In ihrer Verteidigungsschrift verschwindet Frostenson geradezu hinter einem Gebirge weltliterarischer Zitate, durchschnittlich kaum weniger als drei pro Seite.

So viel literarische Souveränität ist die Stärke und das Dilemma ihres Verteidigungsbuchs. Allein schon der Titel. K – soll das etwa eine Anspielung auf Kafkas zu Unrecht angeklagten K sein? Die Liste grundlos verfolgter Schriftsteller und landesflüchtiger Künstler ist bekanntlich traurig lang, und in ihrem Pariser Exil fühlt Frostenson sich ihnen allen verwandt.

Doch hat sie damit recht? Sind Katarina Frostenson und ihr Mann tatsächlich zu Unrecht angeklagt? Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten, die sich gegenseitig ausschließen. Entweder – die erste Möglichkeit – ist Katarina Frostensons Mann unschuldig an dem, wofür er angeklagt und verurteilt wurde. In diesem Fall hätte eine Art Justizmord stattgefunden, einer, der auf eine Verschwörung unerhörter Dimension innerhalb des schwedischen Establishments hinausliefe. Nicht nur die Frauen, die Arnault beschuldigt haben, würden dazugehören, sondern ebenso Zeitungs- und Verlagsredaktionen, die Schwedische Akademie selbst und ihre Anwälte, unterstützt von einigen eher hysterischen Ausschlägen der #MeToo-Bewegung. Die Existenz einer solchen konspirativen Front wird von Frostenson für mehr als nur wahrscheinlich gehalten. Die Dichterin stellt sich und ihren Ehemann wie fremde Vögel dar, die im engen, kalten und eindimensionalen Schweden an den Pranger gestellt wurden. Gerade ihr Mann sei fremd, als Franzose jüdischer Abstammung, und damit leicht als Sündenbock verwendbar.

Oder – die zweite Möglichkeit – Katarina Frostensons Mann ist schuldig im Sinne der Anklage, der zufolge er sich nicht nur ein wenig schlüpfrig verhalten, sondern eine sexuelle Straftat begangen hat. Dann ist dieses Buch möglicherweise die Rückseite einer ganz anderen Tragödie. Der Tragödie einer bedingungslosen Liebe.

Frostenson stands by her man und meint, er sei ebenso wie sie ein unschuldiges Opfer. Die Liebe und ein langes gemeinsames Leben, glaubt sie, machten nicht blind, sondern sehend. Wer liebe, sehe im Geliebten etwas, das die Umgebung nicht erkenne. Ihr Buch ist ein zornbebendes Zeugnis dieser Kraft. Es behauptet das Recht, jemanden zu lieben, egal, was wahr oder unwahr ist. Und ebenso das Recht, jemanden zu verteidigen, ein Bild mit Details zu versehen, es zu vertiefen.

Dennoch ist K zuvorderst eine Verteidigungsschrift für Frostenson selbst. Sie fühlt sich in ihrem Handeln sowohl von der Schwedischen Akademie als auch von der Presse ungerecht beurteilt, und es ist durchaus möglich, dass sie in einigen Punkten recht haben könnte. Vor allem ist die Akademie – eine Gruppe wirklichkeitsferner Menschen, die absolut nicht daran gewöhnt sind, im Mittelpunkt eines Mediensturms zu stehen – mit dem Skandal im vergangenen Jahr grob ungeschickt verfahren. Für die kategorische Sprache der Presse hatte sie nur Verachtung übrig. Mehrmals traf sie aus Arroganz falsche Entscheidungen und bewies nur zu deutlich, dass literarischer Verstand nicht zwingend mit der Fähigkeit zu differenziertem Denken einhergeht.

Das differenzierte Denken fällt auch Katarina Frostenson schwer. Sie und ihr von der schwedischen Justiz verurteilter Mann, schreibt sie, seien ausschließlich Opfer von "Verleumdungen", "Neid", "Eifersucht", "Intrigen" und Versuchen, sie "zu verdrängen". Worauf diese Versuche, das Ehepaar zu verfolgen, faktisch beruhen sollen, bleibt unerklärt. Sie selbst und auch ihr französischer Mann, suggeriert sie immer wieder, seien für das enge und provinzielle Schweden intellektuell einfach zu souverän. Ihre Ankläger werden als oberflächlich, gierig, dumm, kleinlich und verlogen, ungebildete Mobber und gedankenloser Jammerchor charakterisiert. Die latenten Konflikte intellektueller oder persönlicher Art, die es gegeben haben mag, bevor der Skandal ins Rollen kam, werden nicht erläutert. Auf diese Weise legt Frostenson ebendenselben Mangel an Nuancierung und dieselbe beengte Sicht an den Tag, die sie ihren Verfolgern vorwirft.

Das ist eine beträchtliche Schwäche dieser literarisch gesehen sonst teilweise bewegenden Verteidigungsschrift. Aber Frostensons Behauptung, es handele sich reinweg um Justizmord und Konspiration, ist schlicht und einfach nicht besonders überzeugend. Ganz egal, mit wie vielen Zitaten der Weltliteratur sie sie zu belegen versucht.

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel