Außer Kontrolle

Ein Video-Standbild zeigt den taumelnden Körper eines Mannes. Wenn man zurückspult, sieht man, wie der hilflos erstarrte Lehrer von johlenden Burschen umringt wird. Bis er irgendwann aus dieser Erstarrung erwacht und einen der Schüler anspuckt. Und daraufhin gegen die Tafel gestoßen wird.

Das Video aus der HTL Ottakring ist abstoßend und mitleiderregend zugleich, es ist ein Festhalten gleich mehrfachen Versagens – und es wurde tausendfach geteilt und instrumentalisiert.

Medien konstruierten schnell eine Art Horrorhaus, in dem außer Kontrolle geratene minderjährige Halbstarke einander und die Lehrenden tyrannisiert haben sollen. Und natürlich spielte dabei auch die Tatsache eine Rolle, dass die Schule einen hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund hat.

Nach diesem Taumeln taumelte die gesamte Schule. Journalisten sollen Minderjährige belagert und bedrängt haben. Im Sekretariat der Schule sollen Angestellte am Telefon wüst beschimpft worden sein. Die Aggression der Halbwüchsigen führte direkt zu überbordender Aggression von unbeteiligten Erwachsenen. Das allerdings war kein Thema. Thema war auch nicht der betroffene Lehrer, der zuvor alle Lösungen zu seiner Entlastung offenbar abgelehnt hatte. Die tagelange, politisch motivierte Instrumentalisierung des Themas machte eine neutrale Sicht auf den Vorfall mehr oder minder unmöglich. Der bisherige Bildungsminister Heinz Fassmann schaltete sich ein. Und die Time-out-Klassen, in denen Problemschüler für eine Zeit separiert werden, wurden geboren. An ihnen scheiden sich bis jetzt die Geister. Denn dort, wo das Bildungsministerium günstige Schlagzeilen wittert, wittern Lehrkräfte und Experten wiederum eine fatale Ghettoisierung statt der eingeforderten Nachhaltigkeit.

Das Schulwesen ist in seiner Entwicklung immer auch den politischen Wünschen der zuständigen Entscheidungsträger unterworfen. Was aber ebenfalls ein Faktum ist: die veränderte Lebensrealität vieler Jugendlicher und Kinder. Sie sind einem beständigem Strom an Ablenkung und Unterhaltung ausgesetzt, während familiäre Strukturen sich wandeln und viele Lebensrealitäten keine Sicherheit und keinen Halt mehr bieten. Es gibt neue Schüler und Schülerinnen, die gerade Krieg erlebt haben und nun versuchen, sich zurechtzufinden und ihre Traumata zu bewältigen. Andere sind Scheidungskinder, was mittlerweile völlig durchschnittliche Lebensrealität ist und keine große Ausnahme mehr. Die Aussichten auf sichere Jobs sind nicht unbedingt rosig, denn auch die Arbeitswelt ist im Umbruch. Es gibt also vieles, das verunsichert, und einiges, das belastet.

"Wer Probleme hat, macht Probleme", sagt eine Lehrerin an einer Brennpunktschule

Leistung wird gleichzeitig vergöttert. Die Kreativität hinkt hinterher. Bestenfalls ist sie als Beiwaage geduldet – und sicherlich kein Schwerpunkt, der im Lehrplan bevorzugt werden würde. Musik, Literatur, Schauspiel: Fast hat das alles keinen Platz mehr. Und auch wenig Wert. Alles, was Selbsterfahrung, Empathie und Persönlichkeitsentwicklung fördert, ist somit potenziell unerwünscht. Die Jugendlichen sollen liefern. In kleinen, übersichtlichen Häppchen. Und sie sollen funktionieren. Für Auffälligkeiten bleibt wenig Raum. Für Probleme kaum Zeit.

Entwicklung von Kindern und Jugendlichen verläuft aber nicht linear nach Lehrplan. Hier gibt es Phasen des Strauchelns, der Regression, der Rebellion, der Verzweiflung. Hat der betroffene Schüler das Glück, eine Familie hinter sich zu haben, die genügend Ressourcen und Zeit hat, um sich liebevoll um ihn zu kümmern, ihm Sicherheit zu geben, Nachhilfe oder psychotherapeutische Behandlung zu gewährleisten, dann genießt der Schüler die Gnade der privilegierten Geburt. Was aber, wenn man diese Hilfestellungen privat nicht bekommt? Was, wenn man in einer sogenannten Brennpunktschule landet? Was, wenn man seelischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt ist – zu Hause oder eben in der Schule? Was, wenn man auffällig wird und wegen ausbleibender Hilfe auch auffällig bleibt? Was, wenn alles eskaliert?

Wie mit solchen Ausnahmesituationen umzugehen ist, stellt eine gesellschaftlich drängende, aber noch immer unbeantwortete Frage dar. Die vorgeschlagenen Time-out-Klassen sollen also Linderung bringen. Können sie das auch?

Time-out, das klingt doch ein wenig nach Auszeit. Nach Sabbatical. Nach etwas Nettem, Erholsamem, Positivem. Der Klang trügt. Es mehren sich kritische Expertenstimmen, die dieses Modell ablehnen.

"Wer soll denn in einer solchen Klasse unterrichten?"

"Was sollen diese Time-out-Klassen sein?", fragt eine Lehrkraft an der HTL, in der sich der Fall, der alles ins Rollen brachte, ereignete. "Hängt man da ein Schild an eine Klassentür? Und dann ist eine schwierige Klasse einfach die Time-out-Klasse?" Das Konzept wirkt insgesamt unausgegoren. Es ist nicht klar geregelt, wie lange man überhaupt in einer solchen Time-out-Klasse bleiben müsste. "Möglichst kurz", lautet die beunruhigend schwammige Auskunft.

Es ist auch nicht definiert, welche Schüler sich für eine dieser Time-out-Klassen qualifizieren. Genügt gehäuftes Stören des Unterrichts? Oder ein tätlicher Übergriff? Wird die Sanktion schon bei einer verbalen Drohung fällig? Auch ist nicht geklärt, wo sich diese Klassen befinden sollen. An der gleichen Schule? Oder als eine Art Fegefeuer in einem eigenen Gebäude, voll von Time-out-Klassen mit lauter schwierigen Jugendlichen aus verschiedenen Schulen, die mit ebenso schwierigen weiteren Jugendlichen zusammengepfercht werden sollen?

Das Konzept sieht unter anderem das Erlernen von Reflexion eigener Taten und Anti-Aggressionstraining vor. Das klingt gut. Aber wer soll das durchführen, in welchem Ausmaß, mit wie vielen Schülern? Wie soll vermieden werden, dass die Problembären unterschiedlicher Ausprägung einander nur weiter radikalisieren, ein Phänomen, das bereits aus dem Strafvollzug bekannt ist? Wie schützt man Schüler vor öffentlich entladenen Eskalationen wie jener in der betroffenen HTL?

"Wer soll denn in einer solchen Klasse unterrichten?", gibt eine Lehrerin, die anonym bleiben möchte und an einer sogenannten Brennpunktschule arbeitet, zu bedenken: "Wem will man das antun? Einer Lehrkraft? Oder Psychologen? Oder Ärzten?"

Wo beginnt die Anlassgesetzgebung, die nur dem Anlass und dem Gesetzgeber, nicht aber den Betroffenen Genüge tut? Und wo findet sich eine konkrete, notwendige Reform?

"Ich bin als Lehrerin Anwältin und Coach meiner Schüler", sagt die Pädagogin: "Ich bin ihre Vertrauensperson. Ich kann einem rückwärtsgewandten System, das auf Strafe und auf Methoden der Vergangenheit setzt, nichts abgewinnen." Deeskalation sei zwar in überbordenden Situationen wichtig. Man könne tatsächlich sogar die vorübergehende Entfernung aus der Klasse andenken: "Wer Probleme hat, macht Probleme." Das, was sogenannte Problemjugendliche bräuchten, seien aber Kontinuität und eine intensive Betreuung mit dem Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Und einen kleinen Rahmen für diese Betreuung. Das Ganze funktioniere aber nur, wenn genug Fachkräfte und genug Ressourcen vorhanden seien. "Für eine solche Betreuung muss man eben auch Geld in die Hand nehmen."

An öffentlichen Schulen wird jedoch an allen Ecken und Enden gespart und die psychologische Betreuung nicht eben reichhaltig ausgebaut. Sondern eher ganz im Gegenteil zurückgefahren. In Fällen von schweren Vergehen sei ohnehin der Strafvollzug der passendere Rahmen, sagt der Soziologe Kenan Güngör, der den Time-out Klassen ebenfalls kritisch gegenübersteht und derzeit ein Anti-Mobbing-Pilotprojekt im Auftrag der Stadt Wien durchführt.

Ghetto-Klassen liefern nützliche Schlagzeilen, aber keinen dauerhaften Erfolg

Die Gefahr ist durchaus gegeben, dass die Time-out-Klassen nur zu hübsch betitelten Ghettos für missliebige Schüler werden, für die sich in dieser Betreuung nichts bessere, aber noch einiges verschlimmern könne – und in Folge auch für ihre Umwelt. Ghettos, die nicht den dauerhaften Erfolg, aber jene Schlagzeile liefern, die kurzfristig nützt. Es riecht nach oberflächlicher Fassadenbehübschung und Parteipolitik auf Zuruf, anstatt ein tiefer wurzelndes Problems anzugehen. Mit den aktuellen Vorschlägen macht man es sich schlicht zu einfach. Jugendliche entwickeln sich nicht linear und nicht gleich schnell. Sie brauchen Vorbilder, Vertrauenspersonen und Reibebäume. Sie sind nicht alle in gleicher sozial abgesicherter Lage. Sie können straucheln, sogar fallen.

Die Aufgaben der Erziehung werden immer öfter an Schulen ausgelagert, und die Schulen werden mit dieser Verantwortung überfordert. Moderne Lösungen werden aber offenbar nicht flächendeckend eingesetzt. Nicht einmal angedacht. Dabei wäre ein vorbeugender Ausbau weitaus wichtiger als eine Bestrafung nach erfolgter Eskalation. Ja, all das verursacht Kosten. Das ist aber keine taugliche Ausrede für die Verweigerung solcher Methoden. Eine Gesellschaft, die in die Zukunft blickt statt in die Vergangenheit, darf nicht dort sparen, wo diese Zukunft entspringt.