Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Friedlich fließt der Rufiji durch die Ebene. Auf einer Sandbank tanken zwei Krokodile Wärme. Flusspferde prusten Fontänen in die Abendluft, und über dem trägen Wasser segeln Scharlach- und Blauwangenspinte in psychedelischer Farbenpracht auf der Jagd nach Insekten. Doch nicht weit von hier haben Planierraupen erste sportplatzgroße Flächen platt gewalzt. Auf einer Zufahrtstraße zur Stiegler-Schlucht sind Dutzende Baufahrzeuge dabei, Platz zu schaffen für größere Bulldozer. Die Staubwolken sind von Weitem zu sehen.

Mehr als 100 Meter hoch ist die Betonmauer geplant, die an dieser Stelle des Selous-Wildreservats die riesige Auenlandschaft durchschneiden soll. Mit der 700 Meter breiten Talsperre will die tansanische Regierung einen der mächtigsten Ströme Ostafrikas für ein gigantisches Wasserkraftwerk nutzen. Über die Inselchen und verzweigten Arme des Rufiji hinaus wird das Bauwerk ragen, inmitten eines der größten Schutzgebiete der Erde. Selous ist Unesco-Weltnaturerbe seit 1982, wer in die Landschaft hinausblickt, sieht Heerscharen von Wasservögeln. Und Hunderte von Wildtieren, die mit dem Abendwind zur Tränke gekommen sind.

Kathryn Doody schaut auf den Fluss. Die 45-jährige Britin koordiniert im Selous-Wildreservat die Schutzprojekte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Doch über den Staudamm äußert sie sich nicht. "Wer sich dem Projekt widersetzt, kommt ins Gefängnis", hatte der für Umweltthemen zuständige Minister Kangi Lugola im vergangenen Jahr im Parlament gefordert. Seitdem stößt jeder, der in Tansania zum geplanten Damm recherchiert, auf eine Mauer des Schweigens.

Schutzlose Artenschützer

© ZEIT-Grafik

Der Stausee soll die Savanne hinter der Stiegler-Schlucht überfluten und mit etwa 1200 Quadratkilometern mehr als die doppelte Größe des Bodensees umfassen. Wie der stark umstrittene, in den 1970ern fertiggestellte Assuan-Staudamm für Ägypten soll der Stiegler-Damm für einen bedeutenden Teil Tansanias die Stromversorgung sicherstellen. 3,5 Millionen Kubikmeter Holz wurden im geplanten Überschwemmungsgebiet bereits zur Rodung ausgeschrieben. Die ersten Bäume sind gefällt. Welche Auswirkungen der Bau auf die zahllosen Feuchtgebiete hat, die Altwasserseen etwa oder die Mangrovenwälder in der Deltamündung am Indischen Ozean, ist weitgehend unklar. Und wie sehr werden Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus in Mitleidenschaft gezogen?

Der Rufiji ist der Fluss, den alle begehren. Für die Wildtiere ist er eine Lebensader in der Trockenzeit, für die Naturschützer der Taktgeber des Unesco-Welterbes, für die Safari-Veranstalter eine magische Kulisse während der Bootsfahrten zu planschenden Elefanten und Flusspferden. Für John Magufuli, den autokratisch herrschenden Präsidenten des Landes, ist der Rufiji der zukünftige Motor eines Prestige-Projekts mit Dimensionen, wie sie Tansania bislang nie gesehen hat.

Die Unesco sowie Deutschland (als eines der wichtigsten Geberländer für den Naturschutz in Tansania) haben den Bau mehrfach kritisiert. Der Bundestag entschied im Januar, das ostafrikanische Land dabei zu unterstützen, Alternativen zum Bau des gigantischen Wasserkraftwerks zu suchen. Tansania braucht dringend Energie für seine schnell wachsende Bevölkerung, darin sind sich alle einig. Wind- und Sonnenkraft wurden von mehreren Parteien als Energiequelle genannt. Die AfD wünschte sich ein Gasturbinenkraftwerk. Seither ist aus Berlin nicht mehr viel zu hören.

Als die Dunkelheit über dem Fluss hereinbricht, macht sich Doody auf den Rückweg nach Matambwe. Am Nordeingang des Reservats hat die Zoologische Gesellschaft ihr Quartier. Im Scheinwerferlicht ihres Geländewagens sieht Doody eine Hyäne vorbeihuschen. Eine Gruppe Giraffen trabt davon. Vier Kudus flüchten ins Dickicht. "Sie sollten sich vor den Löwen in Acht nehmen", sagt die Zoologin.

Das Selous-Wildreservat beheimatet einige der wichtigsten Tierbestände Afrikas. "Die großen unberührten Wildnisregionen werden weltweit immer weniger", sagt Doody, "wir müssen die Gebiete, in denen noch Elefantenherden und Löwenrudel umherstreifen, dringend erhalten." Zuletzt zeigte der große UN-Bericht des Weltbiodiversitätsrats Anfang Mai, dass die Menschheit mit der Ausrottung zahlloser Arten die Natur auf ewig verändert und so ihre eigene Lebensgrundlage zerstört.