Doody arbeitet seit mehr als 20 Jahren in Tansania, seit 2005 für die ZGF. Hier hat sie sich ihren Lebenstraum erfüllt. Im Mahale-Mountains-Nationalpark setzte sie sich für den Schutz der Schimpansen am Tanganjika-See ein, seit 2015 arbeitet sie im Selous. "Es ist seine enorme Größe, die das Reservat für den Artenschutz so wertvoll macht", sagt sie.

Das Selous ist eines der ältesten Schutzgebiete des Kontinents. Seine Fläche umfasst mehr als dreimal die des berühmten Serengeti-Nationalparks. Mehr als 450 Vogel- und 50 Säugetierarten haben Zoologen im Selous verzeichnet. Die größte Population der Afrikanischen Wildhunde hat hier einen Rückzugsort gefunden. Noch immer gibt es große Herden von Büffeln, Elefanten und Antilopen. Bis vor wenigen Jahren geriet das Wildreservat jedoch immer wieder wegen Elfenbein-Jägern in die Schlagzeilen. Etwa 90 Prozent der Elefanten-Bestände sollen laut WWF seit 1982 Wilderern zum Opfer gefallen sein. Zudem sorgten Pläne zur Förderung des Uran-Bergbaus für Proteste von Umweltschützern. Immerhin scheint die Wilderei zunehmend unter Kontrolle zu sein. "In den letzten Monaten wurden kaum noch Kadaver gefunden", sagt Tierschützerin Doody.

Wer aber protestiert gegen den Stiegler-Damm, wenn nicht die Umweltschutzorganisationen vor Ort? "Wir sind keine Aktivisten, unsere Arbeit für den Naturschutz muss weitergehen", sagt Doody. "Es ist ein Regierungsprojekt", versucht Grace Wairima vom Pressebüro der ZGF in Tansania das Schweigen ihrer Mitarbeiter zu erklären. "Wir sind sehr beunruhigt, aber es gibt leider keinen Spielraum mehr. Eine Diskussion brächte nichts mehr." Die Bewahrer der Wildnis haben den Kampf gegen den Staudamm aufgegeben.

Matambwe, 30 Kilometer vom Ufer des Rufiji entfernt, ist die Anlaufstelle der ZGF für Forscher und Naturschützer. Hier organisiert die Zoologische Gesellschaft – unterstützt von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) – Fortbildungsseminare für Wildhüter und rüstet die Anti-Wilderer-Einheiten mit Material aus. Ihre Mechaniker reparieren die Geländewagen der Ranger und betreuen die beiden Buschflieger, die von Matambwe aus starten, um die Tierherden zu überwachen und verdächtige Personen sowie illegal weidendes Vieh an die Funkzentrale zu melden.

Es war Bernhard Grzimeks Schlachtruf Serengeti darf nicht sterben, der die Naturschätze Tansanias in aller Welt bekannt machte. Die berühmte Tierdokumentation von 1959 erhielt als erster deutscher Film den Oscar. Sie war der wichtigste Anlass, das komplette Ökosystem im Norden des Landes unter Schutz zu stellen. Damalige Pläne, die Fläche des Parks mehr als zu halbieren, wurden aufgegeben. Die Serengeti lebt weiter. Was aber wird aus dem Selous?

Auch der World Wide Fund For Nature (WWF) arbeitet seit 1990 in Tansania und hat in der Vergangenheit immer wieder vor den ökologischen Folgen des Damms gewarnt. Doch in den letzten Monaten ist auch die Zentrale der Organisation in Daressalam merkwürdig still geworden. Kritische Pressemitteilungen wurden lediglich im Ausland verschickt. Auf der Internetseite des WWF in Tansania sucht man vergeblich nach Neuigkeiten über den Stiegler-Damm. Stattdessen wird stolz auf 20.000 Bäume verwiesen, die bei Daressalam gepflanzt wurden – unerwähnt bleibt, dass im Selous 2,6 Millionen Bäume für den Stausee Platz machen sollen.

Julian Easton, WWF-Projektleiter des Selous-Ökosystem-Programms zur Konservierung und Entwicklung (Secad), äußert sich am Telefon verhalten. "Meine Arbeit betrifft den Wildtier-Korridor nach Mosambik in der Pufferzone im Süden", sagt der Zoologe, "das ist weit weg." Doch müsste ihn nicht die Frage umtreiben, in welche Richtungen verschiedene Wildtiere abwandern, wenn sie einen wichtigen Teil ihres Lebensraums verlieren? Elefanten und Wildhunde etwa legen auf Nahrungssuche enorme Strecken zurück. "Ich glaube, das Thema hat auf unser Projekt keinen direkten Einfluss – nicht im Moment", sagt Easton.

Kathryn Doody betrachtet die aktuelle Entwicklung sehr viel sorgenvoller. In den Siebzigerjahren gab es schon einmal Pläne für einen Damm, ein norwegisches Unternehmen sollte ihn bauen. Mit der Errichtung der ersten Arbeitersiedlungen soll auch die Nashornwilderei im Selous begonnen haben. Das in Fernost begehrte Horn, so vermuten die Tierschützer, wurde zum lukrativen Nebengeschäft für einige im Reservat ansässige Bauarbeiter.