DIE ZEIT: Herr Muschg, wie kamen Sie eigentlich zu Gottfried Keller, der heuer 200 Jahre alt würde?

Adolf Muschg: (schweigt lange) Das ist eine intime Geschichte, wenn man so will, verbunden mit einer Parallele, die nicht überheblich gemeint ist: Ich bin ein Witwensohn wie Keller, und ich wusste auch nicht, was aus mir werden sollte. Als meine Mutter schwer krank wurde, mein Vater war bereits gestorben, wollte man mich in eine Schneiderlehre stecken. Er wie ich hatten diese lange Unsicherheit, wo wir in dieser bürgerlichen Gesellschaft eigentlich hingehörten. Wenn man als Einzelkind und Lehrerbub in Zollikon aufwächst, dann fühlt man sich sozial klein. Man kompensiert zwar, indem man zu den Pfadfindern geht und später Offizier wird. Das war sozusagen die Laufbahn, die sich ein Normalzolliker schuldig gewesen wäre, aber so einer war oder blieb ich nicht. Mit vielen Abweichungen finde ich eine vergleichbare Struktur in unseren beiden Lebensläufen.

ZEIT: Ist Ihnen das erst rückblickend aufgefallen?

Muschg: Das wurde mir Anfang der Siebzigerjahre bewusst, als ich an die ETH berufen wurde. Das wäre beinahe auch Keller passiert.

ZEIT: Wie das?

Muschg: Nach der Gründung des Bundesstaates 1848 sollte das dominante Zürich nicht auch noch eine nationale Universität bekommen, nur ein unverfängliches Polytechnikum. Keller war damals mit einem Stipendium seiner arrivierten Altersgenossen – mit Alfred Escher an der Spitze – in Deutschland unterwegs. In Heidelberg hörte er Feuerbach und sagte jedem Jenseitsglauben ab, und in Berlin sollte er sein Glück als Bühnendichter machen. Daraus wurde nichts als die große Rechenschaft seines Scheiterns, der Grüne Heinrich.

ZEIT: Wurde er wegen dieses Romans, der 1854 in einer ersten Fassung erschien, ans Polytechnikum, die spätere ETH, gerufen?

Muschg: Wohl nicht, vom Grünen Heinrich haben seine Zürcher Patrone kaum Notiz genommen. Aber sie erinnerten sich an seine Kampfdichtungen aus der Zeit des Sonderbundskriegs 1847 und glaubten, sich auch politisch auf ihn verlassen zu können, da er ihnen ja viel schuldig geworden war. Schon sein Vater, ein Handwerker, war ein Mann des Fortschritts gewesen. Aber der Sohn hatte auch gegenüber seiner Mutter eine Schuld, die sich nicht mit unverdienter Förderung begleichen ließ.

ZEIT: Darum folgte er dem Ruf nicht?

Muschg: Ja, in seiner ganz eigenen Mischung von Ehrgefühl, Hochmut und Selbstkritik. Dabei wäre er in eine absolute Topgesellschaft geraten. An der allgemeinbildenden Abteilung lehrten De Sanctis, der bedeutende italienische Literaturkritiker, Challemel-Lacour, später französischer Bildungsminister, aus Deutschland kamen Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Kinkel, beides gelehrte Schriftsteller, und auch der Architekt des Hauses, Gottfried Semper. Da war zwar nur ein einziger Schweizer, aber was für einer! Jacob Burckhardt! Kellers Mutter, die ihren Sohn in Berlin durchfüttern musste, rang die Hände, als er meldete: Er nehme nur einen Posten an, den er sich ehrlich verdient habe und der "nicht viel zu denken gibt".

ZEIT: Bitte?

Muschg: Keller fühlte sich als Autodidakt. Er war als Schüler aus der neu gegründeten Industrieschule geworfen worden, einem Projekt seines eigenen Vaters. Er hatte – noch eine tragische Ironie – den Saubannerzug von Herrensöhnchen gegen einen ungeliebten Lehrer angeführt, der nebenbei ein guter Demokrat gewesen war. Im Grünen Heinrich hat Keller das Schultrauma als Enthauptung beschrieben. Es war der Anfang langen Elends – und seiner literarischen Kompensation. Aber, wie gesagt: gewürdigt hat diesen Grünen Heinrich vor allem sein Braunschweiger Verleger Vieweg, der ihn Keller Stück für Stück aus der Hand riss. Für seine Landsleute begann er erst als Verfasser der Züricher Novellen, vor allem des Fähnleins der sieben Aufrechten von 1861 ehrenhaft zu existieren.

ZEIT: Also erst eine gute Zeit später.

Muschg: Keller kam 1855 nach Zürich zurück. Seine Mutter hatte, um seine Schulden zu bezahlen, das Vaterhaus am Rindermarkt verkauft und zog in die Platte. Da war Sohn Gottfried, als politischer Journalist, etwas wie der Vorstand des Haushalts, den Mutter und Schwester besorgten.

ZEIT: Sie selber kamen 1969 aus Amerika in die Schweiz zurück und an die ETH.

Muschg: Zuerst an die Uni Genf, wo ich mir eine Monografie über Keller vorgenommen hatte. Sie sollte, als ich sozusagen auf Probe an die ETH gewählt wurde, als Habilitationsschrift nachgeliefert werden; dafür hatte sich der eigentliche Lehrstuhlinhaber Karl Schmid verbürgt. Er war zum Präsidenten des Schweizerischen Wissenschaftsrates gewählt worden und bedurfte der Entlastung. In einem für unser Verhältnis wichtigen Punkt konnte ich sie ihm nicht bringen, auch wenn ich nicht, wie Keller in Berlin, an meiner Stelle "träumte" und "säumte" – denn Schmid starb leider früher, als ich mit meinem Keller-Buch fertig wurde.

ZEIT: Es erschien erst 1977.

Muschg: Eben. Ich glaube, es ist kein schlechtes Buch, aber für mich hängt ein Makel daran. Nach Schmids Tod zitierte mich ein älterer Kollege und fragte, ob ich eigentlich wisse, dass ich an seinem Tod mitschuldig sei.

ZEIT: Was passierte dann?

Muschg: Ich fühlte mich wie in einem schlechten Keller-Film. Wahr ist: Nachdem sich mein ödipaler Clinch gelöst hatte, hatte die Mühe, ein Keller-Buch zu schreiben, plötzlich viel mit Keller und mit mir selber zu tun. Es war ein Buch über Keller mit einer versteckten Autobiografie.

ZEIT: Max Frisch hat Ihren Gottfried Keller damals im Spiegel besprochen. Die Rezension fiel sehr wohlwollend aus, hatte aber einen eigenartigen Unterton: Wieso beschäftigt sich da einer mit Gottfried Keller, diesem Unzeitgemäßen?