In hundert Jahren und 91 Tagen kann einiges passieren. Damals, am 4. März 1919, zogen die ersten weiblichen Abgeordneten in das Parlament am Wiener Ring ein. Sie wurden wenige mehr mit der Zeit, bekleideten vereinzelt, aber immer öfter auch höhere politische Ämter. Nun, seit dem 3. Juni 2019, steht mit der Juristin Brigitte Bierlein erstmals eine Frau an der Spitze der österreichischen Regierung.

Dazu kann man nur sagen: endlich. Dabei wären ohne die durch das Ibiza-Video ausgelöste Krise mitsamt Misstrauensvotum gegen die türkis-blaue Regierung möglicherweise noch viele lange Jahre vergangen, bis Österreich von einer Bundeskanzlerin regiert worden wäre.

Vorschusslorbeeren für die Kanzlerin kommen von vielen Seiten – nicht allein ihres Geschlechts wegen, aber auch deswegen. "Der Bundespräsident hat mit ihrer Bestellung eine Tür geöffnet", sagt die frühere SPÖ-Staatssekretärin und Managerin Brigitte Ederer. "Die Frage, ob eine Frau Bundeskanzlerin sein kann, die ist erledigt. Das hat lange genug gedauert."

Allerdings zeigt die jüngere Geschichte: Eine Frau allein macht das politische System noch lange nicht weiblich oder gar frauenfreundlich. Politikerinnen haben es schwerer als ihre männlichen Kollegen, das gilt bis heute. Liegt es daran, dass sie oft erst dann in eine höhere Position gelangen, wenn Männer es verbockt haben?

Glass cliff nannten britische Forscher dieses Phänomen, "gläserne Klippe": Demnach kommen Frauen als Krisenmanagerinnen zum Zug, wenn sich kein Mann mehr findet, der sich den Job antun möchte. Beispiele dafür lassen sich viele aufzählen. Als das Brexit-Votum Großbritannien erschütterte, übernahm Theresa May das Ruder als Premierministerin. Angela Merkel kam zum Zug, nachdem die CDU-Spendenaffäre die halbe Partei in den Abgrund gerissen hatte. Die politischen Trümmerfrauen gibt es nicht nur im demokratischen Geschäft. Als der Internetkonzern Yahoo knapp vor dem Aus stand, wurde Marissa Mayer mit der erhofften Rettung beauftragt. Infolge der globalen Finanzkrise gelangte mit Mary Schapiro die erste Frau an die Spitze der amerikanischen Börsenaufsicht.

Ähnliche Muster lassen sich auch in Österreich erkennen. Waltraud Klasnic, die im Jahr 1996 als Erste von bislang gerade einmal drei weiblichen Landeshauptleuten gewählt wurde, war anfangs nur eine Notlösung. Gerhard Hirschmann, der vorgesehene Thronfolger des langjährigen Landeshauptmanns Josef Krainer, hatte überraschend abgesagt. "Der Landeshauptmann kam herein, nahm mich auf die Seite und sagte: ›Hirschmann macht es nicht. Du musst es machen‹", erzählt die ÖVP-Politikerin Klasnic in dem Interviewband der ORF-Journalistin Lou Lorenz-Dittlbacher Der Preis der Macht. "Ich wusste natürlich: Wenn ich jetzt Nein sage, hat eine Frau lange keine Chance mehr."

Auch Susanne Riess war als erste Vizekanzlerin im Jahr 2000 eine Premiere in Österreich. Dass Frauen immer dann geholt werden, wenn Situationen verfahren sind, steht für Riess außer Frage. Ihre Erklärung dafür: "Wir haben eine größere Leidensfähigkeit, sind mehr an der Sache orientiert und überlegen nicht sofort, welcher Vorteil sich ziehen lässt und welche Story man für sich selbst daraus entwickeln kann."

Der Nachteil: Das Risiko des Absturzes von der gläsernen Klippe ist groß. Wissenschaftlich lässt sich das zwar nicht eindeutig belegen, wie Forscher in ihren Studien immer wieder betonen: Es gebe schlicht immer noch zu wenig Frauen in Spitzenpositionen, um aus den Daten stichhaltige Muster abzuleiten. Die vergangenen Tage und Wochen hatten dennoch prominente Beispiele für die Schleudersitztheorie parat: das Scheitern von Theresa May in Großbritannien oder der Rücktritt von Andrea Nahles, die 2017 die SPD nach einer historischen Wahlschlappe übernommen hatte.