Wann kommt es schon mal vor, dass ein Film abhebt, wirklich abhebt, sich löst von der Schwerkraft des Bedeutens und Erzählens und mitsamt seinen Bildern davondriftet?

In dem Film Burning des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang Dong gibt es eine erhebende Einstellung: Im letzten Licht der schon entschwundenen Sonne bewegt sich eine junge Frau bekifft zu Trompetenklängen von Miles Davis (aus dem Soundtrack von Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott). Entrückt zieht sie sich ihr Oberteil aus, dreht, wendet sich und formt ihre Hände pantomimisch zur Flugbewegung eines Vogels. Die Berge, vor deren Umrissen sich ihre Silhouette abzeichnet, befinden sich in Nordkorea, dessen Lautsprecher Propagandaparolen über die Felder des Nachbarlandes schicken. Im Rücken der Tanzenden sitzen zwei junge Männer, Jongsu und Ben. Gemeinsam haben die drei auf einer Farm in der Nähe von Seoul einen Joint geraucht. Ihr Rausch springt auf die Kamera über, versetzt Bilder und Betrachter in Trance.

Krimi? Gesellschaftskritik? Dreiecksgeschichte?

Es ist eine der letzten Szenen, in denen Hae Mi, die junge Frau, zu sehen ist. Danach wird sie spurlos verschwinden. Ist sie abgetaucht, oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Und was weiß Ben, der reiche Snob, mit dem sie zusammen war, darüber? Die Antworten auf diese Fragen könnten darüber entscheiden, ob der Film ein Krimi ist, ein gesellschaftskritischer Film noir oder eine Dreiecksgeschichte à la Jules und Jim. Er wird sich nicht festlegen lassen. Er bleibt in der Schwebe, so wie die Bilder des bekifften Tanzes. Und so wie die Kurzgeschichte Scheunenabbrennen des japanischen Autors Haruki Murakami, auf der er beruht.

Im vergangenen Jahr lief Burning im Wettbewerb des Festivals von Cannes und erhielt in der Kritikerwertung der Branchenzeitung Screen International die höchste Punktzahl aller Zeiten. Die einhellige Bewunderung der internationalen Kritik gilt einem Regisseur, der seit 20 Jahren komplexe, vielschichtige Erzählungen und Figuren auf die Leinwand bringt, in denen er auch sein Land porträtiert. Sie handeln von Außenseitern, Randfiguren in politischen und sozialen Kräftefeldern. Letztlich wissen sie nicht, wie ihnen geschieht. Und bei genauerer Betrachtung bleibt es in den Filmen von Lee Chang Dong immer wieder auf erstaunliche Weise offen, aus wessen Perspektive eine Einstellung eigentlich gefilmt oder erzählt wird.

Peppermint Candy aus dem Jahr 2000 zum Beispiel: Ein Picknick ehemaliger Klassenkameraden endet mit dem Suizid eines Mannes. Der Film springt in verschiedene Lebenssituationen des Selbstmörders Yongho, erzählt von seiner unglücklichen Ehe, von seiner großen Liebe, von der entsetzlichen Polizeigewalt, die er unter der Diktatur ausgeübt hat. Die letzte Szene zeigt wieder den Ort des Picknicks, 20 Jahre zuvor. Als junger Mann steht Yongho am Ufer des Flusses, spricht von seinem Traum, Fotograf zu werden. Sein Blick schweift übers Wasser, richtet sich in eine ungewisse Zukunft – die wir schon kennen.

Oder Poetry von 2010. Im Frühstadium von Alzheimer beginnen der 66-jährigen Yang Mi Ja die Worte zu entgleiten – während sie sich in einem spontan belegten Poesie-Kurs ihrer Erinnerung nähert. Als ihr halbwüchsiger Enkel in den Selbstmord einer Klassenkameradin verwickelt ist, steht sie vor einer Entscheidung: Vertuschung oder Sühne? Und dann diese Szene: An einem Sommertag fährt Yang Mi Ja aufs Land, zur Mutter des Opfers. Doch sie gibt sich nicht zu erkennen. Ein unverbindliches Gespräch findet statt, über den Geschmack von Früchten, über das Wetter, über die Landschaft. In dem Moment wissen auch die beiden Frauen nicht, wie oder was ihnen geschieht. Aber die Einstellung erzählt, was sie nicht zeigt. Man muss sich diese Momente vor Augen führen, um zu verstehen, dass sich die Filme des südkoreanischen Großmeisters immer in just jenem Moment entziehen, in dem man glaubt, sie erfasst zu haben.