Lee Chang Dongs neuer Film Burning beginnt wie eine Liebesgeschichte. Zufällig begegnet der aus einer einfachen Bauernfamilie stammende Jongsu in Seoul seiner ehemaligen Mitschülerin Hae Mi. Nach einem durchzechten Abend kommt es zum Sex. Da sie vor einer Reise nach Afrika steht, bittet sie ihn, ihre Katze zu füttern. Doch aus dem Urlaub kehrt Hae Mi am Arm des reichen Schnösels Ben zurück. Das irrlichternde Mädchen, das ohne Geld in den Tag hineinlebt. Der gelangweilte große Gatsby mit dem Sportwagen und dem sterilen Luxusapartment. Und Jongsu, der Junge aus einfachen Verhältnissen, studiert, aber ohne Job, angehender Schriftsteller, aber ohne Romanidee. Dass seine Chancen bei Hae Mi mit dem Auftauchen des reichen Gegenbildes zerstoben sind, muss nicht erzählt werden.

Auch dieser Film sät Zweifel, Irritationen, sobald man glaubt, sich darin eingerichtet zu haben. Und obwohl er linear erzählt ist, scheint er langsam den Realitätssinn des Betrachters aufzulösen. Wer ist hier wessen Phantasma? Geht Ben wirklich einem perversen Zeitvertreib nach: dem Abbrennen von einsamen Treibhäusern? Weshalb befindet sich nach Hae Mis Verschwinden deren Katze in seiner Wohnung? Oder ist das alles Teil eines in Jongsus Kopf entstehenden Romans?

Die Kunst der Pantomime

Einmal legt Lee Chang Dong eine Fährte, die auch in Murakamis Geschichte vorkommt: Beim ersten Rendezvous in der Bar erzählt Hae Mi, dass sie einen Pantomime-Workshop besucht habe. Hingebungsvoll demonstriert sie vor Jongsu das Schälen einer unsichtbaren Mandarine. Der Trick, sagt sie, bestehe nicht darin, zu glauben, dass hier Mandarinen seien: "Stattdessen muss man daran glauben, dass hier keine sind."

Womöglich verhandelt Burning die Essenz der Fiktion selbst. Die Verwandlung der Wirklichkeit in etwas, von dem wir nur glauben müssen, dass es nicht da ist. Damit es uns zum Abheben bringen kann.