"Die Kirche sollte sich bei den Frauen entschuldigen"

Frage: Christiane, wir duzen uns in diesem Gespräch. Wir sollten unseren Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten, dass wir langjährige Kollegen beim Rheinischen Merkur und bei Christ&Welt waren.

Christiane Florin: Ich finde auch, wir haben uns das Du hart erarbeitet.

Frage: Kaum warst du weg, wurdest du militant. Vor zwei Jahren erschien deine Streitschrift Der Weiberaufstand. Warum Frauen in der Kirche mehr Macht brauchen. Nun haben gerade Tausende Katholikinnen in Deutschland eine Woche lang gestreikt für Gleichberechtigung der Frau und ein Ende des Machtmissbrauchs. Das Drehbuch dazu stammt doch von dir!

Florin: Der Streik wird in meinem Buch jedenfalls thematisiert. Die Frauen in Münster, die "Maria 2.0" als Protestaktion initiierten, haben den Weiberaufstand vorher in ihrem Lesekreis gelesen und mich zur Diskussion eingeladen. Es wäre aber vermessen, zu sagen, dass sie nur das eine Werk lasen und sagten: "Jetzt geht’s los."

Frage: Hast du diesen Weiberaufstand gecoacht?

Florin: Nein. Meine Beratung hatten sie gar nicht nötig. Aber die Grundthese meines Buches stimmt mit der von "Maria 2.0" überein: Frauen müssen nicht dankbar dafür sein, dass sie Messdienerinnen sein dürfen, Theologieprofessorinnen oder Pastoralreferentinnen. Es geht darum, diesen Demuts- und Dankbarkeitsgestus aufzugeben und klarzumachen, dass Frauen vorenthalten wird, worauf sie Anspruch haben: gleiche Rechte.

Frage: Du forderst Macht für die Frauen in der Kirche. Ist die katholische Kirche nicht schon Machtapparat genug? Träumten wir nicht mal von einem "herrschaftsfreien Diskurs"?

Florin: Ich bin Politikwissenschaftlerin, der Begriff "Macht" ist für mich erst mal wertneutral und nicht negativ konnotiert. Wer das Fach studiert, lernt, wie Macht legitimiert wird, wie sie kontrolliert wird, wer Macht aus welchen Gründen will oder verliert. In der katholischen Kirche ist das anders. Es gibt dort Macht, aber sie wird getarnt als Dienst in Demut, als Gehorsam gegenüber Jesus. Dieser verschämte Umgang mit Macht ist das Unverschämte.

Frage: Macht als göttliche Vollmacht?

Florin: Auf Kosten der Frauen. Ich habe all die einschlägigen Dokumente, die begründen, warum sie in der Kirche nicht gleichberechtigt sein dürfen, durchgearbeitet. Man spürt schon beim Lesen die Exekution von Macht, speziell als Frau. Dass dir von einem Papst oder einem Kardinal gesagt wird, welchen Platz du einzunehmen hast – entweder Jungfrau oder Mutter –, ist ein autoritärer Gestus. Dieses Platzanweiserverhalten hatten viele Leserinnen schon verinnerlicht. Da hat mein Buch sicher dazu beigetragen, das klarer als Unrecht zu erkennen.

Frage: Du bist keine Theologin. Entstehen dadurch nicht Schwachstellen in deiner Argumentation?

Florin: Ich gebe nicht vor, Theologin zu sein. Ich schaue mir die theologische Diskussion von außen an und beschreibe, wie eine Kontroverse entschieden wird. Nämlich mit einem Machtwort. In keiner der kritischen Zuschriften zum "Weiberaufstand" wurde der Vorwurf laut, ich hätte ein Dokument nicht gekannt oder sachliche Fehler gemacht. Die Kritik war stets: Uns passt die Richtung nicht; wer tief glaubt, akzeptiert, dass Frauen vom Ämtern ausgeschlossen sind. Da ich immer noch Mitglied der katholischen Kirche bin, habe ich natürlich auch noch einen Blick von innen. Aber ich bin nicht betriebsblind und nenne Benachteiligung "wahre Gleichheit". Mach dir das einmal klar: Ein männlicher Klerus schließt Frauen vom Klerikerstand aus. Sie können sich weder durch ein Studium noch durch spirituelle Übungen qualifizieren, sie sind per se unqualifiziert. Das ist zweifelsfrei Diskriminierung.

"Auf manchen Irrsinn war ich nicht vorbereitet"

Frage: Aber um zu dieser rebellischen Erkenntnis zu gelangen, muss man sich ja schon ziemlich weit emanzipiert haben vom göttlich gelenkten männlichen Machtwort dieser Autoritätspersonen. Wer traut sich das schon?

Florin: So gottgesandt die Argumente der Kirche auch daherkommen, man muss sie dennoch einer Prüfung durch die Vernunft unterziehen. Ich wundere mich immer wieder, wie man mit so schwachen Argumenten ein so stabiles Herrschaftssystem aufbauen kann. Das funktioniert, indem lehramtskritische Argumente abgeblockt und mit Strafen belegt werden. Es wird also autoritär über sie entschieden.

Frage: Aber die katholische Kirche war doch nie anders! Soll sie sich jeder zeitgeistigen Tagesforderung öffnen?

Florin: Auf das Zeitgeist-Argument reagiere ich allergisch. Weil Frauen, das glaube ich in knallharten Recherchen nachgewiesen zu haben, keine Zeitgeisterscheinungen sind. Es gibt Frauen, so lange es Männer gibt, und es gibt Frauen auch schon etwas länger, als es Bischöfe gibt. In der Nicht-Gleichberechtigung von Frauen steckt eine Anpassung an den Zeitgeist. Aus dem Neuen Testament lässt sich diese Diskriminierung nicht herleiten. Die Kirche hat sich vielmehr den sie umgebenden Gesellschaften angepasst, und das waren patriarchale Systeme.

Frage: Aber der Vatikan sah sich doch immer als der Felsen Petri in der Brandung einer sündigen Welt.

Florin: Es gibt die Tendenz in der katholischen Kirche, eine Gegenwelt zu errichten. Als sich im 19. Jahrhundert die absoluten in konstitutionelle Monarchien verwandelten, also demokratisierten, nahm die katholische Kirche den umgekehrten Weg und wurde zu einer absoluten Monarchie. Das Prinzip ist: Je mehr sich die Gesellschaft für Gleichberechtigung einsetzt, desto mehr verweigert sich die Kirche ihr.

Frage: Ein Teufelskreis. Wie lässt er sich durchbrechen?

Florin: Zum Beispiel durch das Eingeständnis der Kirchenleitung, dass Institution und Lehre vielen Frauen Leid zugefügt haben. Das bezieht sich vor allem auf die Generation vor mir, auf unsere Mütter und Großmütter, die unter diesem Rollenverständnis sehr gelitten haben. Die katholische Kirche sollte sich bei den Frauen dafür entschuldigen, dass sie Diskriminierung über Jahrhunderte gestützt und ideologisch überhöht hat. Eine weitere Reaktion könnte sein: Wir müssen unsere Lehre verändern.

Frage: Die Kirche wird von einem Missbrauchsskandal gebeutelt. Der jetzige Papst scheint offener für die Wirklichkeit zu sein: Stehen die Zeiten günstig für eine Veränderung?

Florin: Gebeutelt? Es wurden Straftaten begangen, aber kaum einer übernimmt Verantwortung. Ich würde auf deine Frage gerne mit Ja antworten, weil es ja Beispiele dafür gibt, dass Menschen fähig sind, aus Krisen zu lernen. Aber ich bin bei der katholischen Kirche skeptisch. Sie kann immer die machtfixierte Option wählen – und so weitermachen wie bisher.

Frage: Dennoch: Es wird für dich doch einen konkreten Auslöser gegeben haben, diese Streitschrift zu verfassen ...

Florin: Ja. Der Anlass liegt neun Jahre zurück. Damals hatte ich ein Gespräch mit einem Priesteramtskandidaten in einem Kloster, der mir sagte: Wenn Frauen Priesterinnen werden könnten, wäre das ein Verrat an der katholischen Kirche. Er war mit dieser Meinung nicht allein. Ich habe dann nachgeforscht, wie tief diese Auffassung in der Kirche verankert ist – sehr tief – und wie sie lehramtlich begründet wird. Es gibt Lehrschreiben neueren Datums, bei denen man denken könnte, Frauen seien entweder gerade erst erfunden worden oder radioaktiv belastet.

Dauernd werden Prüfkommissionen gebildet, die das ›wahre Wesen‹ der Frau ergründen sollen. Das ist alles Show!

Frage: Meldeten sich auch solche Stimmen auf dein Buch?

Florin: Auf manchen Irrsinn war ich nicht vorbereitet. Es gab Kommentare wie: Da könnte man genauso gut auch ein Stück Holz weihen oder einen Goldfisch. Oder es wurde ein mittlerweile verstorbener Bischof zitiert: "Eher lernen Schweine fliegen, als dass Frauen Priesterinnen werden können."

Frage: Wie hast du die Frauen in der Kirche vor und nach Erscheinen deines Buches erlebt?

Florin: Bei den ersten Lesungen 2017 war das Publikum deutlich braver. Da kamen häufig Bemerkungen wie: "Ja, aber wir dürfen doch schon einiges" oder "Frauen können jetzt in Leitungspositionen aufsteigen, was wollen Sie eigentlich?" Mittlerweile ist aber der eingangs beschriebene Perspektivwechsel – dass ein Recht vorenthalten wird – deutlich weiter verbreitet. Viele haben das Gefühl: Jetzt reicht’s. Es melden sich auch Priester bei mir, die schreiben, dass sie größte Konflikte haben mit ihrer inneren Loyalität, weil nicht frei diskutiert werden kann.

Frage: Nimmst du auch etwas mit von deinen Zuhörerinnen und Zuhörern?

Florin: Der interessanteste Teil ist, wenn Frauen im Publikum zu erzählen beginnen, was sie erlebt haben und wie ihnen immer das Gefühl gegeben wurde, mit ihnen sei etwas falsch. Wenn sie dem Pfarrer widersprochen haben, dann hat der ihnen vermittelt, das Problem seien sie. Die katholische Konditionierung führt dazu, dass gerade hoch engagierte Frauen nur schwer ertragen können, wenn sie der Priester böse anblickt. Aber das ändert sich langsam.

"Die Reaktion war klassisch autoritär"

Frage: Wie gehen denn die Bischöfe mit diesem Phänomen um?

Florin: Es gibt drei Arten von Klerikern in dieser Hinsicht – diejenigen, die sagen: "Nein, Gleichberechtigung geht nicht, Wahrheit meint etwas anderes, ich vollstrecke hier nur den Willen Gottes." Dann gibt es die Gönnerhaften, die bekunden: "Oh, darüber muss ich nachdenken", und dann über dieses Stadium nicht hinauskommen. Schließlich gibt es noch diejenigen, die das Anliegen des Weiberaufstands "Maria 2.0" unterstützen. Die werden allerdings nicht Bischof.

Frage: Bist du enttäuscht über die Reaktion der Kirchenoberen auf "Maria 2.0"?

Florin: Mich überraschte nicht, dass die Reaktion so ausfiel, wie sie ausfiel. Sie war klassisch autoritär. Selbst Bischöfe, die von sich selber denken, sie seien liberal, haben von oben herab reagiert, wenn sie befinden: "Diese Aktion war jetzt nicht hilfreich." Oder Marias Name würde hier missbraucht werden.

Frage: Welche Rolle spielen denn die Theologinnen und Theologen in diesem Konflikt? Erwartest du da mehr Courage?

Florin: Wenn Theologinnen und Theologen dem Lehramt widersprechen, speziell in der "Frauenfrage", kriegen sie Ärger. Johannes Paul II. hat vor ziemlich genau 25 Jahren erklärt, die Kirche sei nicht befugt, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Widerspruch kann den Entzug der kirchlichen Unbedenklichkeitserlaubnis, des Nihil obstat, zur Folge haben. Wer frei denkt, ist eben nicht unbedenklich.

Frage: Dennoch tut sich jetzt etwas. Wie erklärst du dir das?

Florin: Die Kirche hat nicht mehr die Macht über das Gewissen der Gläubigen. Aber sie hat noch Macht über diejenigen, die von ihr abhängig sind, über ihre Beschäftigten und eben auch über ihre Lehrkräfte. Leider gibt es da zu wenig Solidarisierungseffekte. Wenn Theologinnen und Theologen Ärger bekommen mit der Glaubenskongregation, dann müssen sie die Sache meistens alleine durchstehen.

Frage: Aber es gab doch auch immer wieder Versuche, die Frauenweihe theologisch zu legitimieren.

Florin: Die gab es, ein Beispiel aus jüngerer Zeit sind die Schriften der Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel. Andere nenne ich in meinem Buch. Doch die Glaubenskongregation hat das Nein von Johannes Paul II. vor einem Jahr noch einmal bekräftigt. Übrigens: Es gab eine päpstliche Bibelkommission Mitte der 1970er-Jahre. Deren Mehrheit hat entschieden, dass im Neuen Testaments nichts gegen Weiheämter für Frauen spricht. Aber der damalige Papst Paul VI. hat sich an die Empfehlung der Kommission nicht gehalten. Er war auch nicht dazu verpflichtet.

Frage: Wenn die Argumente gegen die Frauenweihe weder theologisch noch politisch standhalten, wo liegen dann letztlich die Gründe, dass die Kirche daran festhält?

Florin: Sicher sind das auch psychologische Gründe. Frauen werden in diesem System als Bedrohung empfunden. Man muss sie unter Kontrolle halten.

Frage: Ein katholisches Symptom oder doch eher ein männerbündisches? Der Protestantismus hat auch sehr lange gebraucht, bis er weibliche Pfarrer zugelassen hat ...

Florin: In der evangelischen Kirche waren die Argumente gegen die Frauenordination zunächst dieselben wie in der katholischen Kirche – die angebliche Minderwertigkeit, sie seien für dieses Amt weder geistig noch körperlich in der Lage, hieß es. Aber einen entscheidenden Unterschied gibt es doch.

Frage: Und der wäre?

Florin: In der evangelischen Kirche war immer klar: Das Recht, das hier angewandt wird, ist menschengemacht. In der katholischen Kirche aber gilt es spätestens seit 1994 als göttliches Recht, dass Frauen sich damit abzufinden haben, kein Weiheamt ausüben zu können. Zugegeben: Die Protestanten haben bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gebraucht, manche Landeskirchen bis in die Neunzigerjahre. Aber die evangelische Kirche hat die grundsätzliche Entscheidung getroffen, dass Frauenordination möglich ist.

Frage: Die protestantische Kirche gibt gern auf gesellschaftliche Kritik politische Antworten, während die katholische Kirche theologisch argumentiert. Wechselt man hier die Funkfrequenz, wenn es brenzlig wird?

Florin: Nein. Wenn dem so wäre, dann hätte die katholische Kirche gar keine Argumente ins Feld führen müssen. Aber sie hat in den 1970er-Jahren versucht, argumentativ zu begründen, warum Frauen nicht Priesterinnen werden können. So ist bei Theologinnen und Theologen die Illusion entstanden, man könnte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen etwas bewirken. Das Verhängnis der Kirche ist, dass sie damals so getan hat, als sei sie ein diskursiver Verein. Aber anstatt nun zu offen sagen: Wir bleiben der Herrenklub und ihr Frauen haltet die Klappe, wird so getan, als müsste man noch Argumente hin und her wägen. Dauernd werden Prüfkommissionen gebildet, die das "wahre Wesen" der Frau ergründen sollen. Das ist alles Show!

"Maria ist eine gigantische Projektionsfläche"

Frage: Zwei zentrale Begriffe in der kirchlichen Lehre sind Gleichwertigkeit und die Gleichartigkeit. Was hat es damit auf sich?

Florin: In der Schöpfungsordnung kommt dem Mann eine bestimmte Rolle zu und der Frau ebenso. Die beiden ergänzen einander. Wenn Frauen sagen, wir möchten dürfen, was Männer dürfen, dann kommt da Unordnung hinein. Das Schreckbild lautet: Das verwirrt die Gläubigen.

Frage: Was passiert erst, wenn in Zukunft noch andere Geschlechtsidentitäten ausgelebt werden in der Kirche ...

Florin: Es ist interessant, dass Joseph Ratzinger in einem Papier von 2004, dem "Schreiben an die Bischöfe über die Zusammenarbeit von Mann und Frau", vor Gender warnte, als noch niemand sonst in der Kirche von Gender geredet hatte. Er hat sofort gesehen, dass dieser Ansatz die schöne männliche Kirchenordnung zum Einsturz bringt.

Frage: Apropos Unordnung und Einsturz – wie argumentieren denn die Kritiker deines Buches zu dieser Frage?

Florin: Kritiker aus dem rechtskatholischen Milieu lassen das Buch von einer Frau rezensieren. Wenn eine Frau, so glauben sie, den "Weiberaufstand" verreißt, dann seien meine Thesen schon widerlegt. Was für ein Quatsch! Nur weil man dasselbe Geschlecht hat, hat man ja nicht dieselbe Meinung! Daran erkennst du den Irrglauben, dass das Geschlecht die Identität nahezu vollständig bestimmt.

Frage: Ich stutze bei zwei Sätzen in deinem Buch: "Es wäre gut, wenn Frauen genauso amtsfixiert sein dürften wie Männer. Und wenn sie dieselben Fehler machen dürften wie Männer." Ist es nicht ein feministischer Mythos, die Kirche wäre eine bessere und weniger reaktionär, wenn Frauen an der Macht teilhätten?

Florin: Ja, das ist ein feministischer Mythos, dem auch viele Theologinnen aufgesessen sind. Indem sie sich auf die – wie es dann immer heißt – starken Frauen in der Kirchengeschichte konzentriert haben. Mein Ansatz ist das nicht. Frauen sind nicht die besseren Menschen, aber sie sind Menschen. Und das muss reichen. Diese Kirche wäre eine gerechtere und menschenfreundlichere, wenn sie Frauen gleichberechtigen würde. Frauenverächter – und aus den kirchlichen Dokumenten spricht ja tiefe Frauenverachtung – sind nun mal keine Menschenfreunde.

Frage: Wie sähe diese menschenfreundlichere Kirche in der Praxis aus? Wären die Dogmen weniger restriktiv?

Florin: Man weiß aus anderen Organisationen, dass gemischte Gruppen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und sozialer Herkunft weniger anfällig sind für Machtmissbrauch. Männliche Monokulturen dagegen schon. Und weibliche auch, wie Frauenorden zeigen.

Frage: Die streikenden Frauen von "Maria 2.0" benannten sich nach der Muttergottes. Sie erfüllt aber nun als Schmerzensmutter und Schutzmantelmadonna das Frauenbild genau jener Männer, die die Frauen von der Macht in der Kirche fernhalten wollen ...

Florin: Maria und Marias Mantel sind gigantische Projektionsflächen in der Kirchengeschichte. Das funktioniert auch deshalb, weil man über die historische Maria recht wenig weiß. Dadurch eröffnet sie den Raum für allerlei Fantasien. Dass sie allerdings in der Volksfrömmigkeit eine solche Karriere als Trösterin machen konnte, hat auch damit zu tun, dass lebende Frauen in der real existierenden Kirche nichts zu melden hatten. Für meine Großmutter beispielsweise war Maria nicht die reine Jungfrau, sondern die Freundin, die einfach zugehört hat, die Schmerzensmutter, die ihren Sohn verloren hat, die Schwester, die es gut meint. Darüber will ich mich gar nicht erheben. Das ist aber nur die eine Facette. Dann gibt es die andere, eher feministische Lesart, die Maria des Magnificats, die sagt: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron." Und dann gibt es schließlich die amtskirchliche Maria, bei der Jungfräulichkeit und Demut betont werden – das ist für mich eine Figur, die auch als Machtinstrument eingesetzt wird, um Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen. Denn dagegen kann sich eine reale Frau nur defizitär fühlen.

Ich wundere mich immer wieder, wie man mit so schwachen Argumenten ein so stabiles Herrschaftssystem aufbauen kann.

Frage: Konservative Bischöfe warfen den protestierenden Frauen vor, sie hätten den Namen Marias missbraucht. Gleichzeitig begrüßten dieselben Kleriker die konservative Gegenbewegung "Maria 1.0" einer bayerischen Ordensfrau, die den Status quo verteidigt.

Florin: Das ist schon dreist, wenn ein Bischof sagt, dass der Name Marias missbraucht würde. Da würde ich mich an seiner Stelle erst einmal in der Kirchengeschichte umsehen und anprangern, dass Amtsbrüder Maria instrumentalisiert haben, um Frauen einzuschüchtern und in eine dauerdemütige, gebückte Haltung zu zwingen.

"Machtmissbrauch lässt sich nicht wegbeten"

Frage: Wie erklärst du dir, dass "Maria 2.0" so wenige jüngere Frauen mobilisierte?

Florin: Für Kirche interessieren sich nur wenige junge Leute. Nicht der Feminismus ist unwichtiger geworden, sondern die katholische Kirche. Aber ich halte es ohnehin für falsch, auf diesen Gegensatz Alt/Jung zu setzen und zu behaupten, Gleichberechtigung sei für Jüngere kein Thema mehr.

Frage: Stimmt das denn nicht?

Florin: Für einen Teil stimmt es, für einen Teil nicht. In meine Lesungen kommen auch Frauen zwischen 30 und 50, Hochschulgemeinden laden zum Gespräch ein. Auf der Jugendsynode im Vatikan wurde Gleichberechtigung gefordert. Den BDKJ beschäftigt es. Viele junge Leute sagen: Eine Institution, in der ich als Frau nicht gleichberechtigt bin, kann ich nicht ernst nehmen. Dass sich bei "Maria 2.0" so viele ältere Frauen gemeldet haben, liegt auch daran, dass sie das Gefühl haben, endlich gehört zu werden mit ihren Verletzungsgeschichten und Leiderfahrungen, die sie mit der Kirche haben.

Frage: Der Klerus könnte doch nun listig sagen: Die politischen Revolutionen lassen wir hinter uns und richten unsere Kraft lieber auf die spirituelle Revolution. Und dafür seid ihr als die Meisterinnen in intuitiver Glaubenserfahrung von Gott gemacht.

Florin: Auch auf diesen Gegensatz würde ich mich nicht einlassen. Warum Kritik an der Institution gegen Glaubenserfahrung ausspielen? Im Übrigen halte ich die weibliche Spiritualität für einen Mythos. Für jene, die alles so lassen wollen, wie es ist, ist die Spiritualität eine bequeme Ausflucht. Machtmissbrauch lässt sich nicht wegbeten.

Frage: Würdest du heute in deinem Buch etwas anders schreiben, zurücknehmen, korrigieren?

Florin: Ich würde es heute noch schärfer schreiben.

Frage: Hast du denn auch eine Utopie die Kirche betreffend? Hoffst du auf Franziskus?

Florin: Was wäre das für ein Zeichen, wenn die katholische Kirche als Weltkirche sagen würde: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Und das leben wir jetzt vor." Das hätte eine ungeheure Wirkung in die Länder hinein, in denen Frauen unterdrückt sind. Diese Auseinandersetzung könnte Franziskus wagen, das macht er aber nicht. Er geht für die Gleichberechtigung kein Risiko ein. Da wird lieber noch eine vatikanische Museumsdirektorin ernannt oder eine Synoden-Beraterin zugelassen, aber es geschieht nichts Substanzielles.

Frage: Da packt einen ja die Schwermut bei einem solchen Ausblick ...

Florin: Vielleicht erheitert dich das: Ich habe neulich von einem psychologischen Experiment gehört, mit dem man Frauen die Spinnenangst abgewöhnen will. Es gibt mehrere Stufen. Die erste: Eine Spinne wird in ein Glas gesetzt, es ist verschlossen und die Frauen schauen sich das Glas an. Im nächsten Schritt wird das Glas aufgemacht. Im dritten Stadium kommt die Spinne raus und die Menschen fassen sie an. Später wird die Spinne auf den Handrücken gesetzt und krabbelt den Probandinnen den Arm hoch. Das passt auch zu dieser Kirche: Weibliche Wesen werden behandelt wie die Spinne im Glas. Die Kleriker – und dazu gehört auch Franziskus – sitzen um das Glas herum, es wird eine Kommission berufen, die guckt die Frau im Glas an. Man macht aber den Deckel nicht auf.

Frage: Wo steht die Kirche in 50 Jahren? Wird der Deckel geöffnet?

Florin: Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich die Hardliner in der Kirche durchsetzen werden, als heiliger, ordnungsfixierter Rest. Die, die jetzt noch aufbegehren und sich Veränderungen wünschen, werden der Kirche den Rücken kehren. Es kann aber auch sein, dass sich die Basis wie "Maria 2.0" selbst ermächtigt und Gottesdienste feiert ohne Priester und klassische Gemeinde.

Frage: Und wo siehst du dich dann?

Florin: Ich sehe mich sowieso schon auf dem Absprung. Im Moment bin ich mehr Beobachterin, mehr Religionsjournalistin als Katholikin.

Frage: Aus Zeitgründen oder aus politischen Gründen?

Florin: Aus politischen Gründen. Es bleibt reizvoll, die geballte Ignoranz an der Kirchenspitze zu beschreiben.

Frage: Aber das Buch hat ja nun doch etwas in Gang gesetzt. Hast du diese Resonanz erwartet?

Florin: Das Thema war jahrelang weg, und nun ist es zurückgekehrt. Das hat etwas mit meinem Buch zu tun, natürlich haben kämpferische Frauen früherer Jahre das Fundament gelegt. Ich habe Lesungsanfragen bis weit ins nächste Jahr hinein, obwohl mein Buch schon zwei Jahre alt ist. Man kann etwas bewegen, aber das dauert. Und man muss einiges aushalten. Aber ich bin strapazierfähig.

Frage: "Reisende in Sachen Protest" nannte das mal ein schwäbischer Ministerpräsident. Wirst du mit einer weiteren Streitschrift nachlegen?

Florin: Ja, ich schreibe ein nächstes Buch. Ich werde dieses männliche Machtkartell nicht mehr vom Haken lassen.