"Für Großstädter ist es so einfach, sich als Umweltschützer zu fühlen"

Wer gewinnt also? Wer verliert? Dazu haben die Forscher unterschiedliche deutsche Musterhaushalte untersucht, aber auch Rechnungen für konkrete Personen erstellt: für vier Mitglieder des ZEIT-Wirtschaftsrats der Leser.

Die Ergebnisse sind erstaunlich. Schon allein für die vier ZEIT-Wirtschaftsräte zeigen sie eine Umverteilung, die, anders als versprochen, nicht zugunsten der Armen wirkt. Der Verlierer einer CO₂-Steuer wäre unter den Wirtschaftsräten ausgerechnet Hans-Jürgen Huth, 69 Jahre alt, der von einer kleinen Rente lebt. Er wohnt in einem 90 Jahre alten Haus in einem Dorf im Sauerland, das schlecht gedämmt ist und eine alte Ölheizung hat. "Ich muss schon das Geld für das Heizöl zusammensparen", sagt er. Daher heizt er im Winter nur das Bad und das Wohnzimmer. Erst wenn die Raumtemperatur unter 15 Grad fällt, dreht er das Thermostat in den übrigen Zimmern auf. Trotzdem erzeugt er knapp zehn Tonnen CO₂ im Jahr durch das Heizen, das ist etwa das Vierfache des deutschen Durchschnitts. Außerdem fährt Huth im Schnitt 145 Kilometer je Woche mit seinem vier Jahre alten Benziner, hauptsächlich zum Einkaufen oder zu Ärzten, deren Praxen weit entfernt sind.

Sein Energieverbrauch hat Folgen. Bei einer CO₂-Steuer von 20 Euro je Tonne würde Huth auch nach der Pro-Kopf-Rückzahlung jährlich 166 Euro draufzahlen. Das würde ihm schon wehtun. Bei einem Preis von 180 Euro je Tonne stiege Huths Steuerlast sogar um knapp 1.500 Euro im Jahr. "Da müsste ich wieder anfangen zu arbeiten", sagt der 69-Jährige. Huth fühlt sich ungerecht behandelt: "Für Großstädter ist es so einfach, sich als Umweltschützer zu fühlen", sagt er. "Man braucht kein Auto, und die Wohnungen sind gut gedämmt."

Ganz anders sieht die Bilanz von Anuschka Eberhardt aus. Die 42-jährige Hausfrau und Mutter wohnt ebenfalls auf dem Land, in Baden-Württemberg, und fährt einen Diesel. Zu ihrer Familie gehören ein Mann und drei Kinder, womit der Haushalt fünf Kopfpauschalen bekommt, was positiv wirkt. Ihre Familie hat sich zudem vor drei Jahren ein Haus mit Holzheizung gekauft. Käme die CO₂-Steuer, würde sich das als Glücksfall erweisen. Denn das Holz, mit dem sie heizt, gilt als erneuerbarer Energieträger und dürfte nach Erwartung der RWI-Forscher von der Steuer ausgenommen werden – obgleich hier natürlich beim Verbrennen auch CO₂ entsteht.

Bei einer CO₂-Steuer von 20 Euro je Tonne würde die Familie 175 Euro im Jahr mehr in der Tasche haben. Bei einem CO₂-Preis von 180 Euro sogar knapp 1.580 Euro mehr. Eberhardt findet es gut, wenn eine klimaschonende Lebensweise honoriert wird, doch sie sagt auch: "Solange Menschen wie Hans-Jürgen Huth so viel mehr bezahlen müssen, ist es sozial ungerecht."

Der Rentner Huth ist ein Extrembeispiel, aber er steht laut dem RWI-Forscher Frondel für eine generelle Wirkung der Steuer. "Die Leidtragenden sind insbesondere diejenigen mit einer Ölheizung", sagt er. Statistisch gesehen, gibt es sie auf dem Land fast dreimal so oft wie in der Stadt. Dazu kommt, dass man auf dem Land schwieriger aufs Auto verzichten kann, was die Sache ebenfalls teuer macht. Eine Umverteilung vom Land zur Stadt ist die Folge.

Wegen der Rückzahlung je Kopf gewinnen außerdem eher Familien, während Alleinstehende verlieren. Das zeigen auch die Zahlen für typische Haushaltsmodelle, die das RWI berechnet hat. Verlierer sind hier am ehesten Singles, Paare ohne Kinder und Alleinerziehende. Gewinner hingegen sind Familien. Je mehr Kinder, desto besser.