Die Nickel Boys – das klingt niedlich, führt aber in die Irre. Das Nickel ist eine in Florida gelegene "Besserungsanstalt" für Jugendliche, in Wahrheit ein Ort des Schreckens und des Todes. Hier werden Kinder aus armen, oftmals gescheiterten Familien damit bekannt gemacht, dass sie keine Chance haben. "Im Sommer 1945 starb ein kleiner Junge, den man in einer ebenso winzigen wie stickigen und heißen Kiste eingesperrt hatte, der sweatbox – damals eine beliebte Bestrafung –, an Herzversagen, was der untersuchende Arzt als natürliche Todesursache einstufte."

Die erschütternden Vorgänge, die Colson Whitehead schildert, beruhen auf Tatsachen. Die traten zutage, als 2014 an der Stelle einer solchen mittlerweile geschlossenen Straf- und Vernichtungsanstalt ein Neubau errichtet werden sollte und man bei Erdarbeiten die Leichen von 43 Menschen fand, darunter nicht wenige, die zu Tode gefoltert oder schlichtweg erschossen worden waren. Die meisten Verantwortlichen lebten nicht mehr, aber der Skandal führte dazu, dass sich die überlebenden Opfer zusammenfanden und ihre Geschichte erzählten.

Im Nachwort nennt Whitehead die Quellen, auf die er sich stützt. Auch wenn sich das Buch streckenweise wie eine Sozialreportage liest, so ist es doch in der Hauptsache ein Roman. Im Mittelpunkt steht der junge Elwood. Der wächst in Tallahassee bei seiner Großmutter auf, da sich die Eltern aus dem Staub gemacht haben. Er ist ein aufgeweckter Bursche, intelligent, strebsam, aber seine Haut ist schwarz. Damit ist sein Schicksal so gut wie besiegelt, denn wir befinden uns in der Mitte der Sechzigerjahre.

Die Erzählung beginnt so: "Zu Weihnachten 1962 bekam Elwood das schönste Geschenk seines Lebens, nur stürzten ihn die Ideen, die es ihm einpflanzte, am Ende ins Verderben. Martin Luther King At Zion Hill war sein einziges Album, und es lag permanent auf dem Plattenteller." Es waren die Jahre, in denen Kings Aufrufe zum gewaltlosen Widerstand erste Erfolge zeitigten, bis dann 1964 der Civil Rights Act die Rassentrennung für unrechtmäßig erklärte. Damit war sie natürlich nicht beseitigt, und Elwoods Geschichte ist ein bedrückendes Beispiel dafür.

Just an dem Tag, da er sich nach einem glanzvollen Abschluss an der Highschool auf den Weg ins College macht, gerät er in eine Polizeikontrolle und wird infolge eines durchaus üblichen behördlichen Missgriffs umstandslos ins Nickel verbracht. Sein Vorsatz, sich durch gute Führung eine baldige Entlassung zu erarbeiten, scheitert an der Brutalität der Umstände. Schon in der Schule bekamen die schwarzen Schüler nur die von den weißen schon gebrauchten und mit rassistischen Invektiven vollgekritzelten Lehrbücher. Hier im Nickel kriegen sie nur die abgetragenen Kleider und das schlechtere Essen. Sie werden härter und willkürlicher als die weißen Jungen bestraft.

Vor allem aber scheitert Elwood an jenem Sinn für Gerechtigkeit, den ihm die Schriften Kings eingeflößt haben. Am Ende seines Leidenswegs begreift er: "Die Welt hatte ihm zeitlebens ihre Regeln zugeflüstert, nur hatte er die Ohren davor verschlossen und stattdessen die Kunde von einer besseren Welt vernommen. Die reale Welt erteilte ihm aber weiterhin Lektionen: Du sollst nicht lieben, denn man wird dich im Stich lassen; du sollst nicht vertrauen, denn man wird dich verraten; du sollst nicht aufbegehren, denn man wird dich Mores lehren."

Elwood freundet sich mit einem gleichaltrigen Schwarzen an, die beiden ergreifen die Flucht. Einem der beiden gelingt es, sich nach New York durchzuschlagen, wo er es bis zum Chef einer kleinen Umzugsfirma bringt. Whitehead schildert hier die bescheidenen Aufstiegsmöglichkeiten für Schwarze, die in New York eher gegeben waren als im Süden. Er selbst entstammt einer schwarzen Mittelstandsfamilie. Geboren 1969, studierte er in Harvard, schrieb unter anderen für die Village Voice, für Harper’s Magazine und für den New Yorker. Er hat an renommierten amerikanischen Universitäten unterrichtet, sechs zum Teil sehr erfolgreiche Romane publiziert und gilt als eine kraftvolle Stimme der jüngeren afroamerikanischen Literatur.

Dieses Buch zeigt seine Fähigkeit, eine brisante und komplexe Thematik wirkungsvoll darzustellen. Es leidet darunter, dass die zwei Ziele nicht völlig in Einklang gebracht sind: nämlich einerseits am konkreten Beispiel den Skandal der Rassentrennung vorzuführen, zugleich und andererseits einen spannenden Roman zu schreiben. Whitehead gelingt es nicht, die übergroße Menge der Personen plastisch zu machen: die Täter und die Opfer, die weißen Jugendlichen und die schwarzen, die korrupten Chefs der Anstalt samt ihren Nutznießern. Doch immer wieder, wenn der Leser den Überblick verliert, findet Whitehead zum zentralen Drama zurück. Seine Kunst besteht darin, niemals anklagend oder gar larmoyant zu sein. Mit seinem sachlichen, von leisem Sarkasmus geprägten Ton nötigt er dem Leser die Empörung nicht auf, sondern bringt ihn dazu, selbst empört zu sein.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Roman; aus dem Englischen von Henning Ahrens; Hanser Verlag, München 2019; 224 S., 23,– €, E-Book 16,99 €