Schon wenn man die ersten Seiten liest, ahnt man, dass der Roman Dies ist keine Liebesgeschichte von Don Zolidis doch genau das ist: eine Liebesgeschichte. Allerdings eine nicht ganz einfache, eine mit Haken und Ösen. Im amerikanischen Original wird das auch so benannt, die Genrebezeichnung steht in Klammern als kontrastierende Erklärung für den nach biblischem Monumentaldrama klingenden eigentlichen Titel: The Seven Torments of Amy and Craig (A Lovestory). Torments bedeutet so viel wie Qualen oder Martern.

Das Martyrium, so denkt man lange, erleidet vor allem Craig, der Erzähler dieser Geschichte. Er lebt in einer Kleinstadt in Wisconsin und ist, wie seine erste große Liebe Amy, im letzten Highschool-Jahr. Anders als Amy aber gehört Craig nicht zu den beliebten, erfolgreichen Schülern. Er ist ein klassischer Nerd: Dostojewski lesend, einen schwarzen Woll-Trenchcoat tragend, Comics liebend; in seiner Freizeit trifft er sich am liebsten mit seinen Nerd-Freunden im Keller des Elternhauses, um das Fantasy-Rollenspiel Dungeons and Dragons zu spielen.

Don Zolidis: "Dies ist keine Liebesgeschichte" © Dressler Verlag

Amy hingegen ist Schulsprecherin, Jahrgangsbeste und Leiterin der AG "Jugend in die Regierung". Craig beschreibt sie so: "Sie war die Vorsitzende von so ziemlich allem (...), die Leute gründeten ihretwegen sogar AGs, die sie dann leiten sollte (...). Wären Aliens in unserer Schule gelandet und hätten ein Exemplar menschlicher Perfektion eingefordert, wäre sie die Erste, die vom Traktorstrahl erfasst worden wäre." Einzig ihr leicht watschelnder Entengang stört hin und wieder das sonst vollkommene Bild.

Amy und Craig sind ein unmögliches Paar. Deshalb kann Craig es selbst nicht fassen, dass sich dieses Mädchen für ihn interessiert. Aber immer wenn er dann doch bereit ist, sein Glück zu akzeptieren – macht Amy mit ihm Schluss. Insgesamt sechsmal. Die siebte Trennung geht nicht von ihr aus.

Manche der Trennungen sind für den Leser nachvollziehbar, manche bleiben rätselhaft, mitunter meint man, Amy sei einfach nur eine neurotische, launische Göre. Gut verstehen kann man allerdings, dass sie Craigs Klammerei nicht erträgt: Er ruft sie ständig an, wartet jeden Tag nach der Schule auf sie, um mit ihr nach Hause zu fahren, er überhäuft sie mit Geschenken und fordert nach wenigen Wochen eindeutige Liebesschwüre ein. Da erscheint die Grenze zwischen Liebe und Stalking mitunter fließend, wie Craig im Nachhinein selbstkritisch anmerken muss.

In anderen Momenten aber schickt Amy ihn aus scheinbar heiterem Himmel in die Wüste – oder eher: in den Schnee –, mit einem zwar geschluchzten, aber doch lapidaren "Ich kann das nicht" als Erklärung. Selbstverständlich darf auch der Klassiker nicht fehlen: Zum ersten Mal bricht sie ihm das Herz, als sie nach einigen Wochen zugeben muss, dass sie schon einen anderen Freund hat – Chad, einen älteren College-Studenten. Was sonst.

Don Zolidis, ein ehemaliger Highschool-Lehrer, der dann erfolgreich Theaterstücke schrieb und mit diesem Buch sein Debüt als Romancier gibt, lässt seinen Antihelden Craig die Geschichte in einem Ton erzählen, wie man ihn aus vielen amerikanischen (Jugend-)Romanen kennt und für den J. D. Salinger mit seinem Fänger im Roggen den Ursound lieferte: nah an der Umgangssprache und am Jugendslang, scheinbar plaudernd, ironisch, sich selbst auf die Schippe nehmend, während zugleich aber auch Unsicherheit, manchmal Verzweiflung durch die Lockerheit schimmern.

Craig ist witzig und kann Menschen und Situationen komisch und genau analysieren. Die Wortgefechte, die er und seine Zwillingsschwester Kaitlyn sich liefern, haben in ihrem Sarkasmus und ihrer Schnelligkeit etwas von klassischen Screwball-Dialogen. Dennoch: Immer wenn man sich etwas zu gut amüsiert und man glaubt, dass man es hier mit einer intelligenten Highschool-Komödie oder einer romantic comedy unter Teenagern zu tun hat, passiert etwas, das klarmacht: Diese Geschichte ist bitterernst, und der Sound zeugt nicht nur von Selbstironie und verbaler Smartness, sondern ist auch Schutz und Maske für den Erzähler.

Immer wieder bricht die beklemmende Realität in die Geschichte ein: der ständige Konkurrenzkampf und Anpassungsdruck unter den Schülern, Armut, Arbeitslosigkeit, ein selektierendes Bildungssystem mit astronomisch hohen Studiengebühren, eine plötzlich alles verändernde Krankheit. Zolidis erzählt davon, wie junge Menschen versuchen, mit alldem umzugehen – mithilfe von Humor und Liebe. Und dabei wird eben auch klar, dass die Liebe, so neu und aufregend sie auch ist, nicht alles heilen kann.

Am Ende versteht man, dass Amy weder eine verzogene, egoistische Highschool-Queen noch ein Soziopathin ist, sondern trotz ihrer Jugend ein schon beschädigter und trauriger Mensch, der Angst hat, noch mehr beschädigt zu werden oder andere zu beschädigen. Vor allem versteht man, dass die Qualen und Martern aus dem englischen Originaltitel des Buches auch ihre Qualen sind, nicht nur Craigs.

Obwohl die siebte Trennung eine endgültige zu sein scheint – weil Craig sich nicht länger verletzen lassen will und er einsieht, dass Amy zunächst einmal alleine mit ihren Problemen klarkommen muss –, schließt Zolidis die Tür nicht ganz. Craig beschreibt seinen Abschied von Amy so: "Wir küssten uns nicht und hielten auch nicht Händchen. Vielleicht eines Tages, sagte ich mir." So viel cliffhanger muss dann doch sein.

Don Zolidis: Dies ist keine Liebesgeschichte
Deutsch von Susanne Klein; Dressler Verlag 2019; 368 S., 20,– €