Ja

Von Raoul Löbbert

Über nichts regt sich der Konservative so gerne auf wie über den Zeitgeist der politischen Korrektheit. Überall glaubt er ihn am Werk, sieht ihn Altbewährtes entwerten und beseitigen und meint sich selbst von Exorzisten umstellt. Diese wollen ihm austreiben, was ihm lieb und teuer ist. Jedes Gendersternchen wird da zur persönlichen Bedrohung, jede Unisex-Toilette zur Infragestellung eigener Männlichkeit.

Alles soll deshalb tunlichst bleiben, wie es ist. Selbst das Klosett umgibt ein Heiligenschein. Ähnlich sakrosankt: Namen von Straßen und Gebäuden. Jede noch so kleine Umbenennungsdebatte hat heute das Zeug zum Volksaufstand. Der Gegner ist immer derselbe. Es sind die "engherzigen und intoleranten Exterminatoren und Exterminatorinnen", wie der Historiker Götz Aly die Umbenennungsbefürworter in einem publizistischen Wutanfall mal nannte.

Als vor zwei Jahren etwa die Universität Greifswald diskutierte, ob sie noch nach dem Dichter und Antisemiten Ernst Moritz Arndt benannt sein will, sahen viele in Greifswald den Untergang des Abendlands gekommen. Also verteidigten sie den Namen, der außerhalb Greifswalds den Menschen kaum mehr etwas sagt, bis aufs Blut und bildeten eine Menschenkette ums Universitätsgebäude. Vergeblich.

Ebenso vergeblich waren die Proteste, mit denen in den vergangenen Wochen die Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Kirche in Berlin-Zehlendorf verhindert werden sollte. Einige Gemeindemitglieder sollen im Vorhinein mit Kirchenaustritt gedroht haben. Der Kirchengemeinderat entschied dennoch: Der Name muss weg. Ob diese Entscheidung den Kampf gegen den Antisemitismus in Deutschland voranbringt? Wohl kaum. Ginge es nur darum, Antisemiten aus der deutschen Erinnerung zu tilgen, wären alle Martin-Luther-Kirchen in Bälde namenlos. Nein, entscheidender ist, ob die Menschen mit den Namen der Straßen und Gebäude noch immer dieses wohlige Gefühl verbinden, das man Heimat nennt. Für Martin Luther gilt das wohl. Ihn wählten die ZDF-Zuschauer vor einigen Jahren gleich hinter Konrad Adenauer zum zweitgrößten Deutschen aller Zeiten. Titel der Sendung: "Unsere Besten".

Auch die wütenden Zehlendorfer und Greifswalder reden im Falle Arndts lieber von Heimat als von seinen Büchern. So lange gehörte der Name zu ihrer persönlichen Biografie, bis er untrennbar verbunden schien mit den Erinnerungen an die Taufe der Kinder oder das Begräbnis von Onkel Fritz oder Tante Trudi. Kurz: Er wurde Teil der Identität, der persönlichen wie der kollektiven. Identität ist, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann schreibt, das Resultat aus allem, was wir vergessen haben und wollen. Klingt logisch, ist es aber bei genauer Betrachtung nicht. Persönliche und kollektive Identität bedingen, durchdringen und widersprechen sich oft. Immer schwebt man in Gefahr, die eigenen Gefühle und Verlustängste absolut zu setzen. Unerträglich erscheint es dann, wenn nachfolgende Generationen andere Dinge vergessen wollen und können als man selbst. Auf einmal sieht man sich infrage gestellt, droht, renitent zu werden, härtet sich ab gegen Argumente und Gefühle anderer, flüchtet sich in Wut und Trotz. Nur Gut und Böse bleiben übrig. Wer nicht der eigenen Meinung ist, ist verblendet, muss es sein. Denn etwas anderes ist schlicht nicht vorstellbar.

So werden Horizonte eng und enger. Bis sie schließlich Tunneln gleichen und man genau zu wissen glaubt, was der andere wirklich denkt. So wie Götz Aly, der meint, er könne den "grünen Säuberungsideologen" in die "weltanschaulich erregten" und "vernagelten Köpfe" schauen. Blind ist man dann für eigene Irrtümer – etwa den, dass Straßen-, Tür- oder Ortsschilder heiligen Tafeln ähneln, in die in grauer Vorzeit Daten deutscher Geschichte auf ewig eingemeißelt wurden. Dann lädt man alles mit Symbolik auf und ist mindestens so erregt-vernagelt wie das grüne Gegenüber. Dabei vergisst man, erstens: In deutschen ICEs frequentiert man Unisex-Toiletten zwar nicht gerne, aber klaglos. Und ignoriert, zweitens, dass zu allen Zeiten Straßen, Gebäude, Städte munter ihre Namen wechselten. Denn wäre der öffentliche Raum ein Mausoleum, wie die Bewahrer meinen, hätte jede Kleinstadt noch einen Platz für Adolf Hitler, hieße Chemnitz weiter nach Karl Marx und Köln wäre bis ans Ender aller Tage Colonia Claudia Ara Agrippinensium.

Natürlich sind Namen ernst zu nehmen und dürfen nicht leichtfertig verworfen werden. Das ist konkret auch nicht geschehen. Über nichts wurde in der Kirchengemeinde in Zehlendorf in den vergangenen Wochen so heiß diskutiert wie über Namen. Weil keiner so genau wusste, was Ernst Moritz Arndt geschrieben hatte, kursierte sogar eine Broschüre mit Zitaten, gab es Diskussionsrunden und Infoabende. Es war spannend, dabei zu sein und zu lauschen. Hier wurde etwas dem Vergessen entrissen, genau begutachtet und abgewogen, auch wenn so mancher Trotzige trotzig blieb.

Zum Abschied gab es dennoch keine Alternative. Zu weit verbreitet war das Unwohlsein. Alle wussten: Zur Debatte steht nicht, den Namen einfach zu behalten. Es gilt, sich neu und selbstbewusst zu entscheiden für ihn. Das wollte so richtig dann doch keiner. "Wer hier", fragte eine junge Frau bei einem der Infoabende, "würde heute noch eine Kirche nach Ernst Moritz Arndt benennen? Wer hätte ein gutes Gefühl dabei?" Stille.

Ob Arndt der Mut der Frau gefallen hätte? Man sollte ihn nicht für konservativ halten, diesen Arndt. Er war ein Revoluzzer, ein Aufbruchsprophet mit deutschem Problem-Aszendenten. In "Von dem Wort und dem Kirchenliede nebst geistlichen Liedern" von 1819 schreibt er: "Das ist und bleibt einmal wahr, das Christentum und die christliche Kirche werden der Zeit, worin sie leben, immer ähnlich sehen müssen." In vielem mag Ernst Moritz Arndt geirrt haben. Hier nicht.