Vor ein paar Jahren stand das Urgroßvaterhaus des Schriftstellers Jan Brandt zum Verkauf. Ein alter Ostfriesenhof aus dem Jahr 1863 mit "runden leicht nach vorn gewölbten Sonnenfenstern mittig über den Eingängen" für 150.000 Euro, ein Prachtstück familiärer und ländlicher Erinnerungskultur. Zu diesem Zeitpunkt hat der Schriftsteller bereits eine Odyssee auf dem hauptstädtischen Immobilienmarkt hinter sich und wird ein wenig schwach bei der märchenhaften Vorstellung, wieder in seinem Heimatdorf sesshaft zu werden und im Urgroßvaterhaus, nein, natürlich keinen Landhandel mit Hühner- und Hasenfutter, sondern ein Literaturinstitut zu eröffnen, in dem sich das Beste aus beiden Welten vereinen ließe: großstädtische Intellektualität und provinzielle Backstein-Heimat. Warum soll man nicht alles auf einmal haben, fragt er sich, Heimat und Aufbruch, Urbanität und Tradition, ein Haus auf dem Land und eine Wohnung in der Stadt? Warum soll man sich ständig zwischen der modernen und der vormodernen Seite des Glücks entscheiden müssen?

Dann macht der wohnungssuchende Schriftsteller auf dem Berliner Immobilienmarkt doch noch ein letztes Schnäppchen (70 Quadratmeter in Schöneberg für 695 Euro warm) und vergisst das Landhausmärchen, bis ein Bauunternehmer mit dem sprechenden Namen Uwe Tellkamp (der nur zufällig so heißt wie der Dresdner Schriftsteller) das Brandtsche Ahnenhaus kauft, um es abzureißen und ein Seniorenwohnhaus an seine Stelle zu setzen. Jetzt lernt der traditionsvergessene Bauunternehmer die Mobilisierungsreserven eines Berliner Schriftstellers kennen, der im Jahr 2011 mit einem annähernd tausendseitigen Opus über den Strukturwandel in seinem ostfriesischen Heimatdorf debütiert hat (Gegen die Welt). In seiner Jugend hätte der Autor sein Heimatdorf "am liebsten abgefackelt", aber nun schreibt er dem Bauunternehmer, der mit dem alten Gulfhof etwas Vergleichbares vorhat, kulturpflegerische E-Mails, in denen es darum geht, wie "schade" es sei, "wenn für neue Häuser alte, geschichtsträchtige weichen müssen". In den Zweikampf Tellkamp gegen Brandt, in dem es um nichts Geringeres geht als den aussichtslosen Feldzug eines Schriftstellers gegen die Gesichtslosigkeit der deutschen Provinz, wird eine Armee aus Lokalreportern und Bankberatern eingespannt.

Doch der plötzliche Strukturwandel seines Inneren (raus aus der Immobilienhölle Berlin, zurück in die "ostfriesische Akropolis"), der den Autor ums Haar zum Gulfhof-Besitzer gemacht hätte, ist, wie er selbst einsehen muss, ein durch und durch regressives Unternehmen, eine offenbar unausrottbare Sehnsucht nach Heimat, die sich aus den Tiefen seines provinziellen Kinder-Ichs zurückgemeldet hat. In Wahrheit möchte er sich weder mit einem Hauskredit belasten noch aufs Land ziehen (wegen Melancholiegefahr). Viel lieber möchte er in Berlin bleiben und ein Buch über die Zerstörung von Tradition und Heimat schreiben. Er nennt es (ein bisschen betulich): Ein Haus auf dem Land. Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden. Es ist der erste Teil seines ganz und gar autobiografischen Textes über die innere und äußere Obdachlosigkeit seiner Generation.

Im zweiten Teil mit dem Titel Eine Wohnung in der Stadt. Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen (für den man das Buch einmal um sich selbst drehen muss) geht es um die eiserne Faust des großstädtischen Immobilienmarktes, der der jungen Generation gerade die Luft abschnürt und Biografien entgleisen lässt. Hier braucht man einige Geduld, um der extrem kleinteiligen, manchmal öden Mietervereinsprosa eines Berliner Autors treu zu folgen, dessen Tage mit Wohnungsbesichtigungen, Eigenbedarfskündigungen, Mietminderungsschreiben, Quadratmeterpreisvergleichen und Fußleistenlackierungen restlos ausgefüllt sind. Noch nie hat die Immobilienfrage eine derartige Königsrolle in der Literatur gespielt.

Ähnlich wie im preisgekrönten Roman Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling geht es auch bei Jan Brandt ausschließlich um die Klage über die historisch verspätete Vertreibung aus dem Altberliner Mieterparadies. In Düsseldorf, Hamburg oder München hätte man vergleichbare Jeremiaden schon vor zwanzig Jahren anstimmen müssen. Wobei Jan Brandt sich den larmoyanten Vertriebenensound aus dem bedrohten Kiez-Eldorado nicht durchgehen lässt. Sein privater Kriegsbericht von der Berliner Gentrifizierungsfront ist schwer bewaffnet mit Fakten, Zahlen und Statistiken aus den neuesten Studien zur Stadterneuerung und zum Wohnungsmarkt. Berlin, schreibt Jan Brandt, sei in den letzten zwanzig Jahren um die Bewohnerzahl zweier Großstädte gewachsen, die Berliner Durchschnittsmiete habe sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt, ohne dass das mittlere Haushaltseinkommen in vergleichbarer Weise gewachsen wäre. Abertausende von Wohnungen seien über den Spieltisch internationaler Spekulanten gegangen.

Zum Trost erlaubt er sich dann doch eine ziemlich starke Dosis Selbstmythologisierung: Der Abschied von der "antikapitalistischen Utopie", die Berlin angeblich einmal war, fällt der Künstlerboheme verständlicherweise sehr schwer. War sie doch in den Neunzigerjahren aus ihren herausgeputzten westdeutschen Kleinstädten aufgebrochen, um in Berlin freie Kunst und freies Leben in imposant bröckelnden Stuckwohnungen zum Billigtarif zu vereinen. Der Rückblick auf die goldenen Neunziger, in denen die jungen Dichter in Kreuzberg mit Kohle heizten und nahezu im Wochenrhythmus neue Literaturzeitungen herausbrachten, fällt hier entsprechend heroisch aus, als handelte es sich um eine ferne Vorkriegszeit, in der auch Sartre noch mit klammen Fingern im Café de Flore an seinen bahnbrechenden Essays schrieb.

In der postmythologischen Gegenwart Berlins, in der die Angebotsmiete "innerhalb des S-Bahnrings inzwischen fast überall bei neun bis zehn Euro kalt pro Quadratmeter" liegt, sind die Helden von einst nun schon so weit gesunken, dass sie in Erwägung ziehen, "nach Schmargendorf zu ziehen, einen Stadtteil jenseits des S-Bahn-Rings". Die Schmach, die das für einen aufstrebenden Angehörigen der Berliner "Gesellschaft der Singularitäten" (Andreas Reckwitz) bedeutet, kann man sich gar nicht groß genug vorstellen.

Trotz solcher Szene-Neurosen, die man nur mit einem absurden Maß an Berliner Expertenwissen nachvollziehen kann, ist Jan Brandts Doppelroman eine große Dokumentation des akuten Heimat- und Stabilitätsverlustes, dem er bis in die entlegensten Seelen- und Dielenwinkel eines durchgedrehten Immobilienmarktes akribisch folgt. Man würde gerne mal eine neue Wohnungsbesichtigung, ein neues Mahnschreiben an die Hausverwaltung überspringen. Aber das geht nicht. Wo die Mieternot so groß ist, muss auch die Literatur ein bisschen leiden.