Darf ein 37-Jähriger schon seine Memoiren schreiben? Er darf, wenn er so viel erlebt hat wie Johann König. Blinder Galerist heißt sein Buch, das er jetzt gemeinsam mit dem Autor Daniel Schreiber geschrieben hat, und der Titel fasst schon das Unwahrscheinliche dieses noch kurzen Lebens zusammen. König hat sich in den vergangenen Jahren als einer der einflussreichsten Galeristen Deutschlands etabliert – kommende Woche wird er wieder Kunst von Jeppe Hein, Alicja Kwade und Norbert Bisky auf der Messe Art Basel präsentieren. Und das, obwohl er seit einem Unfall in der Kindheit stark sehbehindert ist. Das Buch erzählt nicht nur die berührende Geschichte eines Unglücks, es reflektiert auch unsere visuelle Gesellschaft – und verrät nebenbei viel über die Mechanismen des Kunstmarkts.

Als Zwölfjähriger hatte König mit dem Schwarzpulver von Platzpatronen gespielt und dabei eine Explosion ausgelöst, die Hände und Augen verletzte. Man habe kein Schwarz vor den Augen, wenn man erblinde, schreibt er: "In Wahrheit sieht man ein sehr dunkles Rostbraun, eine Mischung aus Rot, Braun und Schwarz, kleine Krater, die sich zu bewegen scheinen – die pulsierende Farbe des Körpers von innen. Es ist eben nicht so, dass man überhaupt nichts mehr sieht. Man sieht, als würde man aus dem Inneren heraus nach außen schauen wollen und dabei nur gegen eine undurchdringliche Schicht stoßen. Man sieht, als wäre der Blick im Inneren des Körpers eingeschlossen worden."

Eine Sehbehinderung bedeutet, das macht dieses Buch klar, den Ausschluss von sozialer Teilhabe, vor allem dann, wenn dem Visuellen gesellschaftlich immer mehr Bedeutung zukommt. König will aber teilhaben, er besuchte ein Internat in Marburg, an dem Blinde das Abitur machen können. Zusammen mit seinen Eltern war er immer auf der Suche nach neuen medizinischen Methoden – mit denen er schließlich zumindest auf einem Auge einen Teil seiner Sehkraft wiedergewann. Heute schafft er es dank jahrelanger Übung – und der Zoom-Funktion seines Smartphones – sein Handicap im Alltag gut zu überspielen.

Schon vor dem Abitur eröffnete er seine erste Galerie. Anfangs arbeitete er mit einer Kunst, die von ihren Konzepten lebt, die man sich also erzählen kann, ohne alles selbst im Detail zu sehen. In einer seiner ersten Ausstellungen hatte König den Künstler Jeppe Hein eine große, schwere Metallkugel mit verstecktem Motor installieren lassen, die durch Sensoren gesteuert gegen die Wände zu rollen begann, sobald Besucher die Galerie betraten. Je mehr Besuch, desto kaputter die Galerie.

Meist wolle er etwas "Spektakuläres auf die Beine stellen", schreibt er, Kunst zeigen, die sprachlos machen und die Distanz zwischen Werk und Betrachter möglichst aufheben solle. Eine Kunst also, schreibt er, die fast wie eine Droge funktioniere. Eine ausgeprägte Kommunikation der eigenen Erfolge sei dabei zentral für das Geschäft: "Man könnte es durchaus auch ›Angeberei‹ nennen." Und so lesen sich denn auch einige Passagen seines Buches.

Die Galeriegründung war auch der Versuch, dem Vater zu imponieren. König geniert sich nicht, die familiären Probleme mit seinen Eltern, aber auch die Privilegien seiner Herkunft auszubreiten: Seine verstorbene Mutter Edda Köchl-König war Schauspielerin und Illustratorin, sein Vater Kasper König ist einer der bekanntesten Ausstellungsmacher der Bundesrepublik und langjähriger Direktor des Kölner Museums Ludwig. Ausführlich beschreibt König, wie er schon als Kind in die Welt der Kunst eingeführt wird, wie er mit Gerhard Richter, dem Trauzeugen seiner Eltern, On Kawara und Hans Ulrich Obrist spielt. Sein Onkel ist der Kunstbuch-Verleger Walther König, sein älterer Halbbruder Leo König eröffnet 1999 eine Galerie in New York. Es ist ein geradezu perfektes dynastisches Netzwerk für eine Karriere im globalen Kunstbetrieb.

Aber ohne Ehrgeiz und Fleiß brächte so ein Netzwerk auch nicht viel. König, Vater von vier Kindern aus zwei Beziehungen, arbeitet ständig. Er führt ein atemloses Leben, reist von einer Kunstmesse zur nächsten Biennale. Wer möchte, kann seinen Instagram-Stories folgen und dort Zeuge werden, wie Johann König an einem Tag mehr Museumsrundgänge, Atelierbesuche und Partys absolviert als andere in einem ganzen Jahr.

Seine eigene Rastlosigkeit erklärt König noch Jahrzehnte nach dem Unfall mit einem gewissen Nachholbedürfnis für all die Jahre, die er während zahlloser Operationen und Therapien ans Krankenbett und in seiner rostbraunen Dunkelheit gefesselt war. Und mit der Angst, dass sich das wiedergewonnene, immer noch eingeschränkte Sehvermögen wieder verschlechtern könnte.

König gibt sich offen und schamlos, schreibt von Abstürzen und Misserfolgen. Das ist wohltuend im Galeriebetrieb, der so viel auf den schönen, falschen Schein setzt, wo andere Galeristen an sich selbst erfüllende Prophezeiungen glauben und ständig behaupten, dass ihre Geschäfte super liefen, sie selbst jedoch gar nicht am "Kommerz" interessiert seien.

Um im heutigen Kunstmarkt Erfolg zu haben, sagt König, müsse man immer weiter expandieren, der Kapitalismus dulde keinen Stillstand. Neben einer Dependance in London betreibt er sein Berliner Hauptgeschäft heute in der monumentalen, ehemaligen Kirche St. Agnes, die der Architekt Werner Düttmann 1967 im Stil des Brutalismus baute. Gerne arbeitet er dabei mit den größten Playern des Kunstmarkts aus New York oder mit Modedesignern wie Yohji Yamamoto zusammen, denn: "Kontext ist alles." Er möchte von Imagetransfers profitieren und stets neue Netzwerke knüpfen.

Königs Autobiografie ist in gewisser Weise selbst ein Opfer der Rastlosigkeit, nicht nur, weil sie an manchen Stellen allzu hurtig geschrieben scheint. Sie lässt auch viele lustige, traurige und gefährliche Geschichten aus, für die es in allen Kunstmetropolen der Welt Zeugen gibt. Seine Ex-Lebenspartnerin Kirsa Geiser und ihre Rolle beim Aufbau der Galerie kommt zu kurz. Das Gleiche gilt für seine Frau Lena und viele andere Mitstreiter und Helfer. Vielleicht hätte König seinem Buch also noch einen Untertitel geben sollen: "Teil eins".

Johann König mit Daniel Schreiber: Blinder Galerist
Propyläen Verlag, Berlin 2019; 168 S., 24,– €

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Textes gab es zwei Ungenauigkeiten. Wir haben das online präzisiert: Kirsa Geiser ist Johann Königs ehemalige Lebenspartnerin, Lena ist nicht seine zweite Frau, sondern seine Ehefrau. Die Redaktion