© Giacomo Bagnara für DIE ZEIT

Christiane Pohl gießt Ingwertee in die Tasse, lehnt sich zurück in ihr rotes Sofa und sagt: "Nun nehmen Sie erst mal einen Schluck, das beruhigt." Die Frau gegenüber auf dem roten Stuhl greift hektisch nach der Tasse, trinkt und sagt, die vergehende Zeit mache ihr zu schaffen. Ja, Zeit sei ein philosophisches Thema, sagt Pohl und zitiert Aurelius Augustinus und Martin Heidegger: Zeit sei kein Kontinuum, das innerlich und äußerlich zusammengreife.

Ein ungewöhnliches Fazit für eine Therapiesitzung. Aber Christiane Pohl ist auch eine ungewöhnliche Therapeutin. Denn sie ist keine Psychotherapeutin, sondern eine Philosophin mit eigener Praxis. Pohl berät Menschen mit den verschiedensten Sorgen, zu Erbstreitigkeiten, Eheproblemen oder Zukunftsängsten. Pohls Praxis ist die Hausbibliothek in ihrer Hamburger Wohnung, überflüssig zu erwähnen, dass die Bücherregale deckenhoch und gefüllt sind mit Albert Camus, Immanuel Kant, Søren Kierkegaard, Nietzsche, Aristoteles. In den klassischen Texten findet sie lebensnahen Rat.

Noch ist die Institution der philosophischen Praxis, in der Alltagsprobleme und Konflikte nach den Regeln der Vernunft und Logik durchdekliniert werden, wenig bekannt, gerade im Vergleich zur psychotherapeutischen Praxis. Sie wird auch nicht von den Krankenkassen bezahlt. Die 50 Euro, die Christiane Pohl für eine Therapiestunde erhält, werden privat aufgebracht.

Doch zumindest das mit der Bekanntheit könnte sich bald ändern. Zunehmend eröffnen neue philosophische Praxen. Der Philosoph Alain de Botton etwa, der mit seiner in London gegründeten School of Life Tipps für alle Lebenslagen anbietet, ist inzwischen in gleich mehreren Metropolen mit Niederlassungen vertreten. Die deutschsprachige Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis zählt 170 Mitglieder. Viel mehr als noch vor ein paar Jahren. Und das Geschäft boomt international. Auch der amerikanische Verband National Philosophical Counseling Association konnte seine Mitgliederzahl innerhalb von fünf Jahren von 100 auf rund 360 steigern.

Insgesamt scheint die Philosophie so populär wie lang nicht mehr. Ihr schlechtes Image – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm, selbstbespiegelnd und abgehoben – hat sie abgelegt. Bestsellerautoren wie Richard David Precht begegnet man auf allen Kanälen. Der postmarxistische Slowene Slavoj Žižek füllt als Entertainer Theatersäle und duelliert sich dort über Fragen seines Faches mit dem Psychologen Jordan Peterson – was als Livestream in alle Welt übertragen wird. Auch Publikumszeitschriften wie Hohe Luft und das Philosophie Magazin bestehen seit einigen Jahren erfolgreich auf dem Markt. Zu dem Philosophie-Festival phil.cologne kamen im vergangenen Jahr mehr als 14.000 Zuschauer.

Christiane Pohl glaubt, die Philosophie schließe eine Lücke, nämlich die eines gesteigerten Bedürfnisses nach Sinndeutung. Während die Zerstreuungsindustrie boome, sich das Leben fortwährend beschleunige und oft nur Zeit für Oberflächlichkeiten bleibe, leide die Denkkultur. Dabei gebe es so viel zu bereden: Trump, Fake-News, die Flüchtlingskrise. Emotional geführte Debatten erforderten rationale Argumente und Einordnung. Eine komplexe Gesellschaft, in der viele frühere Verbindlichkeiten und Selbstverständlichkeiten aufbrechen, brauche Weisheitslehrer.

Ihre Gäste, so nennt Pohl die Menschen, die Rat bei ihr suchen, sind zwischen 18 und 80 Jahre alt, darunter Apotheker, Grafiker, Künstler, Professoren. Für eine Weile beriet sie auch einen Lastwagenfahrer.