Er habe sich ans Warten gewöhnt, sagt der Kunstsammler Heiner Pietzsch. Er wartet ja auch seit fast zehn Jahren, und noch immer kann ihm niemand sagen, wann und ob es in Berlin für seine große Sammlung ein staatliches Zuhause geben wird. Ein neues Museum ist versprochen, dort soll auch seine Kunst einst hängen, Bilder von Dalí, Miró, Max Ernst oder Dorothea Tanning, all den Künstlern des Surrealismus, die in der deutschen Nationalgalerie bislang nur am Rande vorkommen und die Pietzsch in Überfülle besitzt. Er will sie loswerden, könnte man sagen, Werke im Wert von 200 Millionen Euro. Doch das ist nicht einfach, nicht in Berlin. "Ich bin mir sicher", sagt Pietzsch, "dass ich die Eröffnung des Museums nicht mehr erleben werde. Damit habe ich mich abgefunden." Gerade ist er 89 geworden.

Allerdings, so ganz unschuldig ist Pietzsch an der Warterei dann auch nicht. Er bringt Ehrgeiz mit, und das missfällt so einigen. Er will mitreden, mitbestimmen, er hat sogar – das sagt er mit Stolz – das richtige, das beste Grundstück für das neue Museum erkämpft. In Berlin wollten sie es hinter dem Tempel der Nationalgalerie, dem Mies-van-der-Rohe-Bau, errichten. Doch Pietzsch schrieb geharnischte Briefe: "Das Grundstück ist überhaupt nicht geeignet. Da kann man einen Verwaltungsbau hinstellen." Sollte es dennoch bei den Plänen bleiben, gegen seinen Rat, dann, tja, dann müsse er sich das mit der Schenkung noch einmal überlegen. Die Drohung kam an, und Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, schwenkte um. Allen Empfehlungen der Bundesbaugremien, auch allen Wünschen in der obersten Museumsleitung zum Trotz entschied sie, den Neubau mitten aufs Kulturforum zu setzen. "Es muss in Berlin ein Haus geben", sagt Pietzsch, "das einen Namen kriegt wie das MoMA in New York oder das Centre Pompidou in Paris." Und tatsächlich, eine Weile durften die Museen hoffen. Berlin, wieder Weltklasse!

Nun jedoch, so sieht es aus, wird die Hoffnung erst mal eingemottet. Wer sich umhört hinter den kulturpolitischen Kulissen, wer mitbekommt, wie abfällig und bös dort geredet wird, ohne dass je irgendetwas davon in der Zeitung zitiert werden dürfte, wer also weiß, wie groß der Argwohn ist und wie winzig die Euphorie, dem steht klar vor Augen, dass es mit Deutschlands wichtigstem und gewiss teuerstem Modernemuseum rasch vorbei sein könnte. Es wäre ein Scheitern ohne Ansage.

Vordergründig liegt es, wie eigentlich immer, am Geld. 130 Millionen Euro hatte man ursprünglich für den Neubau an der Nationalgalerie beschlossen. Später wurden daraus 200 Millionen, eine Summe, für die man anderorts drei Museen baut, die aber in Berlin gewiss nicht reichen wird. Im Moment rechnen sie noch, irgendwann im Herbst soll es eine Kostenschätzung geben. Doch weil man das Gebäude tief, sehr tief in den Berliner Grund graben will, sprechen schon jetzt nicht wenige von 400 Millionen, und Grütters hat dem nicht widersprochen.

400 Millionen, weil die Kunst luftige Räume braucht. 400 Millionen, damit die Pietzsch-Sammlung und andere Leih- und Schenkungsgaben üppig gezeigt werden können. Vielen Haushalts- und Kulturpolitikern des Bundes kommt das übertrieben viel vor, denn haben sie nicht gerade erst das neue Schloss bezahlt (500 Millionen)? Das Eingangsgebäude für die Museumsinsel (140 Millionen)? Die Restaurierung der Neuen Nationalgalerie (110 Millionen)? Hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die sich unausgesetzt neue, herrlich kostbare Projekte ausdenkt, nicht alles in allem Milliarden bekommen?

Fast alle öffentlichen Bauten kosten mehr als zunächst behauptet, daran hat man sich irgendwie gewöhnt. Dass sich der Preis aber noch vor dem ersten Spatenstich verdreifacht, das mehrt die Zweifel erheblich. Wird man am Ende bei 500, bei 600 Millionen Euro landen? Oder bläst man das Projekt besser gleich ab?