In den Katakomben des Denkens, im hintersten Winkel und von Spinnweben überzogen, lagert ein Gespensterwort, das zu Recht vergessen ist: die Revolution. An dem Wort klebt Blut, es bedeutet Mord und Totschlag, Leid und Verderben. Die Revolution will Frieden mit Gewalt und Solidarität durch Terror schaffen. Friedlich war nur die letzte große Revolution, der Sturz des Kommunismus. Danach schien ausgemacht, dass die Geschichte der Revolutionen zu Ende ist – der Liberalismus hatte für alle Zeiten gesiegt. Kapitalismus, Demokratie, Rechtsstaat: Das sei der Triumphbogen, durch den die globale Moderne ihrer Vollendung entgegenschreite. Die Menschheit tue gut daran, das Wort Revolution aus ihrem Wortschatz zu streichen.

Doch was ist, wenn der Liberalismus weiter an Überzeugungskraft verliert? Wenn überall Präsidialregime die Oberhand gewinnen, eine Kombiversion aus Xi Jinping, Donald Trump und Wladimir Putin? Was wäre, wenn der Multimilliardär Ray Dalio – Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater – recht hätte mit seiner Behauptung, der Kapitalismus werde unweigerlich zerfallen, wenn er weiterhin so viel Ungleichheit produziert? Was wäre, wenn nicht nur demonstrierenden Schülern, sondern allen Bürgern panisch zu Bewusstsein käme, dass der Klimawandel keine linke Erfindung ist und uns das Wasser bis zum Hals steht? Kehrt dann das Gespenst zurück – die Revolution?

Gewiss, von Revolution ist immer wieder die Rede. In Frankreich beschwört die militante Gruppe "Das unsichtbare Komitee" seit Jahren den kommenden roten Aufstand, und es kamen die Gelbwesten. Auch für den Philosophen Slavoj Žižek ist die Revolution seit Langem überfällig, doch leider sei kein Agent in Sicht, der dem handgreiflichen Niedergang des Kapitalismus "eine positive Wendung geben könnte". Wenn überhaupt, dann komme die Revolution wie ein Dieb in der Nacht (so der Titel seines im S. Fischer Verlag erschienenen Buches).

Žižeks Freund, der französische Philosoph Alain Badiou, verbreitet entschieden mehr Zuversicht. Still vergnügt schaut er in die Zukunft und reibt sich die Hände, denn in seinen Augen sind die kapitalistischen Eliten ins offene Messer gerannt. Von rechten Historikern hätten sie sich einreden lassen, nach 1989 sei das Zeitalter der Revolutionen passé – und derart ermuntert, taten sie, was sie immer taten: Sie ließen ihrer Gier freien Lauf und akkumulierten unendliche Macht und unendlichen Reichtum. Nun, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, könne jeder sehen, wie vulgär die viel gepriesene westliche Freiheit sei, die Freiheit zum grenzenlosen Profit. Deshalb ist für Badiou die Revolution nur eine Frage der Zeit. Irgendwann werde auch die Mittelschicht, diese Schutztruppe des Kapitals, den Aufstand proben und sich nicht länger von einer "winzigen Oligarchie" entmündigen lassen.

Bemerkenswert ist, wie munter Badiou im Ziergärtlein der konservativen Kulturkritik wildert und dort die schönsten Blüten pflückt. Wenn der ehemalige Maoist bei seinem Versuch, die Jugend zu verderben (Suhrkamp) den Zustand liberaler Gesellschaft beschreibt, dann klingt es so, als stammten seine Sätze wortgetreu aus der Feder des Schriftstellers Michel Houellebecq. Auch Badiou betrachtet den Liberalismus als Brutstätte des rationalen Egoismus, als eine lückenlos durchökonomisierte Ordnung, in der alle menschlichen Beziehungen durch Vertrag und Wettbewerb geregelt sind – selbst die Liebe sei nur ein Geschäft unter anderen. Kein gemeinschaftlicher Sinn hält das System zusammen, und in einem Exzess der Freudlosigkeit vergeuden die Bürger ihr Dasein im gnadenlosen Gegeneinander: im Kampf um Macht und Geld und Erfolg.

Leben ohne Leben: Das ist für Badiou das Wesen des Kapitalismus, und damit ist er nichts anderes als Der zeitgenössische Nihilismus (Passagen Verlag). Der Kapitalismus verabsolutiere die Idee, der Mensch sei ein Tier; er verlange, "dass unser Leben aus Arbeit, Bedürfnissen und Befriedigungen besteht. Ein tierisches Leben im Grunde." Nur nebenbei: Badiou ist ein Verehrer des Apostels Paulus und hat dem "Erfinder der Gleichheit" ein eigenes Buch gewidmet. Was Badiou vom biblischen Gewaltverbot hält, ist nicht bekannt. Bekannt ist allerdings, was er über Parteien-Demokratie und Wahlfreiheit denkt: nichts Gutes, übrigens genauso wie Slavoj Žižek in seinen erschreckend autoritären Fantasien am Ende von Weniger als nichts (Suhrkamp). Für liberale Intellektuelle empfiehlt es sich dringend, im Fall einer Revolution nach einem sicheren Platz im Exil Ausschau zu halten.