Als ich an einem viel zu warmen, fast schon sommerlich schwülen Frühlingsabend ins Cassambalis in der Grolmanstraße reinkam, hat mich Viktor zuerst gar nicht erkannt. Er saß, müde und leicht zusammengesackt, mit Herrn Schreiber und seiner Frau ganz hinten an einem viel zu langen, nur für uns vier gedeckten Tisch, und als ich zu ihm auf Russisch "Guten Abend" sagte, richtete er sich leicht auf und sah mich müde und ratlos an. "Guten Abend", sagte er auch auf Russisch. "Verzeihen Sie, wie war Ihr Name noch mal?"

Ich sagte es ihm, und er sagte: "Ja, natürlich, jetzt erinnere ich mich." Und weil er der tolle, große, mutige Viktor Jerofejew war, der Ende der Siebzigerjahre mit einer einzigen literarischen Anthologie das ganze Politbüro der KPdSU und die halbe Sowjetunion in Rage versetzt hatte, war mir egal, ob er wirklich noch wusste, dass wir uns zwei Jahre vorher in Leukerbad, weit oben in den Schweizer Alpen, bei einem ziemlich guten Literaturfestival kennengelernt hatten. Menschen wie ihm verzeihe ich schon deshalb fast alles, weil es Menschen wie ihn bei uns praktisch nicht gibt.

Ich hatte Viktor, ehrlich gesagt, auch kaum wiedererkannt. War sein Haar grauer? Waren seine Gesichtszüge – so wie es bei älteren Männern manchmal passiert – weicher, weiblicher geworden? Hielt er sich sogar noch weniger gerade als damals in Leukerbad? Und wieso erinnerte er mich plötzlich an die vielen alten, traurigen russischen Emigrantenfreunde meiner Eltern, die uns nach unserer Flucht 1970 oft in Hamburg besuchten und meistens viel länger blieben, als sie uns am Anfang versprochen hatten?

Dann fing Viktor aber an, von Widjajewo zu erzählen, von dieser heute völlig toten, verlassenen Hafenstadt hinter dem Polarkreis, und sofort wurde seine Stimme kräftiger und sein Blick fest und jung. Seit dem mysteriösen Untergang des berühmten Atom-U-Boots Kursk durfte kein normaler Russe mehr Widjajewo betreten, sogar die Witwen und Kinder der ertrunkenen Kursk-Matrosen mussten ihr Zuhause für immer verlassen, eine klassische und ziemlich idiotische FSB-KGB-Aktion, was sonst. Viktor fuhr vor ein paar Monaten trotzdem hin, wegen einer Mare-Reportage, aber bestimmt auch, um mal wieder etwas zu machen, was so richtig verboten war, was die Herren und Damen und Geheimdienstoffiziere da oben nicht wollten, und jetzt zeigte er Herrn Schreiber, seiner Frau und mir auf seinem Telefon stolz – aber auch entsetzt – die Bilder der menschenleeren Horrorfilmstraßen von Widjajewo und der verlassenen Autos, die dort seit fast zwanzig Jahren langsam von Schlamm und Dreck bedeckt wurden.

"Wie hast du es überhaupt geschafft, nach Widjajewo reinzukommen?", sagte ich zu Viktor, als er fertig war.

"Ich habe es gewollt", sagte er. "Etwas zu wollen reicht ja meistens schon, damit man es tut. Der Rest war dann kein Problem mehr."

"Hattest du gar keine Angst?"

"Wovor soll ich mit meinen 74 Jahren denn noch Angst haben, bitte?", sagte er lachend und zeigte uns nun auf seinem Telefon die Fotos seiner jüngsten Tochter Marianna, keine zwei Jahre alt, eine wunderschöne, weißblonde Jerofejew-Infantin, die uns so ernst und klug von seinem iPhone aus ansah, als dächte sie gerade über die Zukunft des Sozialismus nach oder machte Werbung für den nächsten Fünfjahresplan, aber das sagte ich Viktor natürlich nicht.

"Auf Marianna!", sagte Viktor und nahm sein volles Weißweinglas. Herr Schreiber und seine Frau nahmen auch ihre Weingläser und sahen sich verliebt an, und ich nahm auch mein Glas, in dem aber nur Wasser war, und dachte dabei an meinen toten Vater, der wegen ein paar abfälliger Stalin-Bemerkungen 1950 in Moskau von der Universität geworfen und gleichzeitig aus der Partei ausgeschlossen wurde, und während wir jetzt zu viert anstießen, fragte ich mich mal wieder, warum es Menschen wie Viktor oder meinen Vater bei uns praktisch nicht gibt.