Die ersten Umfragen nach seiner Abwahl scheinen dem Wahlkämpfer Sebastian Kurz recht zu geben: Seine Werte klettern in Richtung der magischen Schwelle von 40 Prozent der Stimmen, während die Anti-Kurz-Koalition aus Sozialdemokraten und Freiheitlichen in den Keller der Popularität gleitet. Freilich war in beiden Fällen das Sample relativ klein und die Schwankungsbreite dementsprechend hoch. Doch bei diesen Momentaufnahmen aus den ersten Juni-Tagen ergibt sich bereits eine Mehrheit für eine Art Regenbogen-Koalition aus Türkis, Pink und Grün. Nur ein paar Prozentpunkte fehlen noch für ein Bündnis zwischen der Volkspartei und dem Steigbügelhalter Neos. Um mühselige Verhandlungen mit Rot und Blau nach dem Wahltag im Herbst muss sich der Champ, der wie ein Herausforderer auftritt, vorläufig keine Sorgen machen.

Sebastian Kurz hat sich entschlossen, mit einem zwar riskanten, aber raffinierten Schachzug in den Wahlkampf zu starten. Am Tag des Misstrauensvotums verabschiedete er sich lächelnd mit einem kurzen Winken vom Hohen Haus – ohne wieder dorthin zurückzukehren. Der Politiker mit nur wenigen Monaten Parlamentserfahrung verfügt zwar über ein Mandat im Nationalrat, doch er nahm es nicht an, verzichtete auf jedes Einkommen und stürzte sich mit ganzer Kraft in das Unternehmen Wiederwahl. Schon vor zwei Jahren, als sich sein Vorgänger an der Parteispitze, Reinhold Mitterlehner, von einem Tag auf den anderen verabschiedete, hatte Kurz bewiesen, dass er und sein Team blitzschnell umschalten können. Künftig wird er als ehrenamtlicher Wahlkämpfer – ähnlich wie sein vertrauter Mitstreiter Gernot Blümel – durch das Land touren und für sich die Werbetrommel rühren.

Der junge Altbundeskanzler verzichtet damit bewusst auf jede offizielle Bühne, auf der er sich inszenieren könnte – anders als 2017, als er seine Botschaften von der hohen Warte des Außenministeriums an das Land richten konnte und sich in der Pose des tatkräftigen Kämpfers gegen die Migrationsströme gefiel. Diesmal hätte er sich mit dem parlamentarischen Streit auf den Abgeordneten-Bänken begnügen müssen und dabei riskiert, dass sein Image langsam zerschrammt wird. Dem entzieht sich Sebastian Kurz, er soll in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin als die strahlende Nummer eins erscheinen.

Noch mehr als im vergangenen Wahlkampf wird Kurz auf eine stark personenbezogene Mitmach-Bewegung in den sozialen Medien setzen. Mittlerweile sind die Datenmengen, die Philipp Maderthaner, der Architekt der Kurz-Kampagnen, gesammelt hat, beträchtlich angewachsen, und die Algorithmen, die dafür sorgen, dass ein steter Informationsfluss zwischen dem Spitzenkandidaten und seinen Anhängern herrscht, sind weiter verfeinert worden. Auf allen Kanälen wird der dynamische, junge Star angepriesen werden. Was schon einmal klappte, soll nun wieder gelingen.

Den vorübergehenden Verlust dominierender Bildschirmpräsenz, den diese Taktik mit sich bringt, kann Kurz leicht verkraften – vor allem, wenn der Wahltermin nicht allzu lange hinausgeschoben wird. Beim Finale wird er dann bei den Wahl-Duellen im öffentlich-rechtlichen und im privaten Fernsehen wieder kräftig mitmischen und seine Message in die Zuseherschaft hineinhämmern.

Diesmal kann Kurz allerdings nicht als Newcomer mit Ambitionen antreten und mit Begriffen wie "Neu regieren" und "Veränderung" für sich werben. Er muss vielmehr genau das Gegenteil für sich geltend machen. Stabilität muss die zentrale Botschaft lauten. Er wird die segensreichen Gesetzesinitiativen seiner Regierung herausstreichen, sich selbst als Opfer einer obskuren rot-blauen Verschwörung inszenieren und dafür werben, weiter an der so jäh unterbrochenen Erneuerung Österreichs arbeiten zu dürfen. Den Slogan dazu kann sich Kurz von Bruno Kreisky entlehnen. Der Spruch hat schon vor 50 Jahren Wunder gewirkt: "Lasst Kurz und sein Team arbeiten!"