Die Hoffnung: nicht viel mehr als verbrannte Zeltfetzen, die auf regennasser Straße liegen. Zerrissene Kleidungsstücke, Brandflecken auf Asphalt, die Wracks von Bühnen, auf denen bis vor wenigen Stunden noch Musikbands Lieder über die Freiheit sangen, hier und da Blut. So kann man es auf Videos und Bildern im Internet sehen. Der Ort, an dem in der Hauptstadt des Sudan Hunderttausende über viele Wochen hinweg für freie Wahlen und Demokratie demonstrierten, das Sit-in, hat sich binnen Minuten in eine Trümmerstätte verwandelt.

"Es ist entsetzlich", sagt Mohammed Oscheik atemlos am Telefon. Die ZEIT hatte den 22-jährigen Buchhaltungsstudenten und seine Familie für das Dossier der vergangenen Ausgabe begleitet. Oscheik rennt jetzt durch die Straßen seiner Nachbarschaft. "Sie haben uns bis hierher gejagt. Ich habe so viel Blut gesehen. Wir bauen Barrikaden in unserem Viertel. Das sind Verbrecher!"

Am frühen Montagmorgen, gegen 4.30 Uhr, haben bewaffnete Einheiten aus Spezialkräften das Camp der Demonstranten geräumt. Sie töteten nach offiziellen Angaben 46 Menschen und verwundeten über 500. Sie räumten die breiten sechsspurigen Straßen vor den militärischen Hauptquartieren des Landes, die die Opposition mit einem Sit-in besetzt gehalten hatte. Diese Proteste führten am 11. April zum Sturz von Omar al-Baschir, dem Diktator, der 30 Jahre lang an der Macht war. Er hatte Kriege gegen fast alle Minderheiten in seinem Vielvölkerstaat geführt. Immer wieder hatte er die Aufstände gegen ihn niedergerungen, doch nicht dieses Mal. Als Al-Baschir bewaffnete Anhänger in die Menge schießen ließ, schossen die regulären Soldaten zurück und verteidigten die Menge.

Ein Wunder, so schien es. Sollte dem Sudan gelingen, was in Libyen, Ägypten, Syrien, im Jemen grausam misslungen ist?

Seit dem Sturz Al-Baschirs verhandelten zehn Generale eines Militärrats mit zehn Delegierten des Oppositionsbündnisses Forces of Freedom and Change über die Bildung einer Übergangsregierung. Die Generale hatten ihre eigenen Reihen von Unterstützern des alten Diktators gesäubert und versprachen freie Wahlen, weigerten sich jedoch, die Mehrheit der Sitze in einer Übergangsregierung an Zivilisten abzutreten. Das Land sei noch nicht bereit für eine Regierung aus Zivilisten, so behaupteten sie. Die Opposition fürchtete, die Generale brauchten nur mehr Zeit, um ihren Machterhalt zu organisieren.

Das Sit-in von Khartum, diese wundersame Mischung aus Volkserhebung und Woodstock, die große Zeltstadt, die sich im Regierungszentrum über mehrere Quadratkilometer ausgedehnt hatte, war für die Opposition im Kampf gegen die Generale die mächtigste Waffe. An manchen Tagen strömten hier Millionen zusammen. Unmittelbar vor dem Eingang des Verteidigungsministeriums waren die meisten Berufsgruppen und Parteien des Landes mit Zelten und Veranstaltungen vertreten. Rebellenführer aus allen Teilen des Landes, Darfur und den Nuba-Bergen, kamen mit Tausenden Anhängern zum Sit-in und hielten in Sichtweite zu ihren Gegnern Reden über Versöhnung und den Frieden. "Der neue Sudan", so hatte der Student Oscheik das Sit-in genannt. Der Traum von politischer und ethnischer Vielfalt, in Freiheit vereint.