Am Sonntag schien eine Einigung erreicht. Beide Seiten verkündeten, dass eine Übergangsregierung jeweils zur Hälfte aus Vertretern des Militärs und des Oppositionsbündnisses geführt werden würde, in den ersten anderthalb Jahren unter Vorsitz eines Generals, in den zweiten anderthalb Jahren – bis zum Wahltermin – unter dem Vorsitz eines Zivilisten. Am Montag dann die gewaltsame Räumung. Das Ende des sudanesischen Traums? Der Beginn eines Bürgerkriegs?

Nur bruchstückhaft dringen Informationen nach außen. Das Land, das sich in den vergangenen Wochen gegenüber dem Ausland geöffnet hatte wie nie zuvor, dessen Botschaften freigebig Journalisten einreisen ließen, verschließt sich wieder. Wenige Stunden nach dem Angriff wurde das Internet abgeschaltet. Ausländische Journalisten wurden am Montag von Sicherheitskräften daran gehindert, ihre Hotels zu verlassen. Die Videos, die Aktivisten kurz vor Abschaltung des Netzes verschicken konnten, zeigen Rauchwolken über der Stadt. Es gibt ein Handyvideo vom Sit-in, das die Ankunft von an die hundert Pick-ups der Rapid Support Forces (RSF) zeigt, einer Miliz, die in den vergangenen Jahren den Aufstand in Darfur mit großer Brutalität niedergeschlagen hatte. Schwer bewaffnete Uniformierte sitzen auf ihren Ladenflächen.

Der Kommandeur der "Rapids" ist der Milizführer Mohammed Hamdan Dagalo, Hemeti genannt. Er ist der eigentlich starke Mann im Militärrat. Seine Truppe ist ein Staat im Staate, geschaffen einst von Omar al-Baschir, um ihn gegen einen Putsch durch das reguläre Militär abzusichern, weitgehend autark, politisch wie finanziell. Hemeti rühmt sich der Unterstützung durch Saudi-Arabien und der Emirate. Schätzungsweise 20.000 Mann der RSF kämpfen gegen Sold für Saudi-Arabien im Bürgerkrieg im Jemen. Für Außenstehende ist es unklar, ob die anderen Mitglieder des Militärrats Hemeti aktiv unterstützen oder ihn aus Angst gewähren lassen.

Nach dem Sturz Al-Baschirs hatte Hemeti sich lange öffentlich zum demokratischen Aufbruch bekannt. Seine Einheiten, die er um das Sit-in herum postiert hatte, seien zum Schutz des Protests dort, doch verschärfte er in letzter Zeit immer mehr den Ton, klagte über Chaos, über die Anwesenheit "krimineller Elemente". Ein zweites Video zeigt, wie die Demonstranten den Rapids singend und Parolen rufend entgegentreten. Ein drittes Video: Schüsse, die Menschen fliehen, einige suchen Schutz im Eingang des Verteidigungsministeriums.

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Am Montagabend der Anruf eines Offiziers. Auch ihn traf der Reporter zuvor in Khartum. Er gehört zu einer Gruppe niedrigrangiger Offiziere, die sich wie viele in der regulären Armee der Revolution angeschlossen haben. "Es ist Hemeti", sagt er, der jetzt wie die übrigen Offiziere seine Verhaftung fürchten muss. "Es ist ein Putsch."

Er berichtet von Militäreinheiten, die von den Rapids in den vergangenen Tagen entwaffnet worden seien und ihre Kasernen nicht mehr verlassen dürften. Die Pick-ups der RSF hätten Position rund um die Kasernen bezogen, um zu verhindern, dass reguläre Armeeeinheiten – wie bei den Protesten, die zum Sturz Al-Baschirs führten – in das Geschehen eingreifen. "Das Ausland muss uns helfen", bittet der Offizier. "Isoliert die Generale. Stellt die wirtschaftliche Zusammenarbeit ein."

Der Protest, der sich bisher im Zentrum Khartums konzentriert hatte, streut nach seiner Zerschlagung in die ganze Stadt. "Es stehen jetzt überall Barrikaden", sagt der Übersetzer der ZEIT, ein früherer Radiomoderator. 80 Prozent von Khartum seien lahmgelegt, auch der Verkehr innerhalb der reicheren Viertel wie Rhiad sei blockiert. "Zum ersten Mal gibt es in Rhiad Barrikaden." Auf den Straßen verbrennen die Demonstranten Reifen. Nur ganz wenige Geschäfte hätten geöffnet, Taxis und Busse führen nicht. Es sei sehr zeitaufwendig, sich zwischen den Vierteln zu bewegen. Die Rapids hätten begonnen, einzelne Hauptstraßen zu räumen, aber kämen nur langsam voran. Sie patrouillierten und feuerten in die Luft, um die Menschen einzuschüchtern.

"Wir steuern auf ein zweites Libyen zu", sagt Chalid Omar, der Generalsekretär der Sudanese Congress Party am Dienstagmittag. In Libyen herrscht Bürgerkrieg. Omar ist Sprecher des Oppositionsbündnisses Forces of Freedom and Change. Kurz zuvor hat der Militärrat alle bisherigen Verhandlungsergebnisse mit der Opposition für nichtig erklärt. Die Generale wollen nun allein eine Übergangsregierung formen und in sechs Monaten Wahlen abhalten, auf die die Opposition nicht vorbereitet ist.

Saudi-Arabien, Ägypten und die Emirate rufen öffentlich zum Gewaltverzicht auf, tatsächlich aber dürfte ihnen eine Militärjunta im Sudan gelegen kommen. Saudi-Arabien und die Emirate versprachen der Junta bereits großzügige Hilfen. Der Sudan ist so gut wie pleite. Die Menschen, die wochenlang für die Freiheit demonstriert hätten, ließen sich nicht wieder unter die Herrschaft des Militärs zwingen, sagt Omar. Er kündigt einen unbefristeten landesweiten Generalstreik an. Vergangene Woche hatten sie bereits einen Probelauf von zwei Tagen. Krankenhäuser, Banken, viele staatliche Verwaltungen, der Hafen von Port Sudan, sogar der internationale Flughafen, überall beteiligten sich die Beschäftigten am Streik. Viele hoffen jetzt wieder auf die reguläre Armee. Sie müsse die Revolution vor Hemetis Machtübernahme retten und den Kampf gegen die Rapids aufnehmen. Doch gibt es bis jetzt keine Anzeichen dafür.