Sie kauern unter Bäumen. Mehr als 200.000 Menschen sind in den vergangenen Wochen im Norden Syriens aus ihren Häusern geflohen. Die syrische Armee, unterstützt von Russland, will das einzige in der Hand von Rebellen verbliebene Gebiet des Landes zurückerobern. In dieser vermutlich letzten großen Schlacht des achtjährigen Kriegs in Syrien bombardieren syrische und russische Jets auch Wohnviertel. Zivilisten harren deshalb auf Feldern aus.

Das Rebellengebiet um die Stadt Idlib wird weitgehend kontrolliert von der dschihadistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham, kurz HTS, die aus einem Al-Kaida-Ableger hervorgegangen ist. Unter ihrer Gewalt leben etwa drei Millionen Zivilisten, rund die Hälfte von ihnen Vertriebene aus anderen Teilen Syriens. Bei seinem Ziel, zuerst strategisch wichtige Orte in Idlib unter seine Kontrolle zu bringen, schont das Regime die Zivilisten nicht. Im Gegenteil: Das Assad-Regime betrachtet jene, die unter den Rebellen leben, als Verräter. Syrische Truppen setzen Streubomben ein und zerstören gezielt Krankenhäuser.

Europas Regierungen äußern ihr Entsetzen, tun aber nichts, um die Gewalt zu stoppen. Militärisch will man nicht eingreifen und könnte es auch kaum. Diplomatisch fehlt Europa der Hebel gegenüber Syriens Schutzmacht Russland.

Neben der eigenen Apathie offenbaren sich bei den Kämpfen in Idlib für Europa zwei wichtige Erkenntnisse – eine über Assad und eine über den Nato-Verbündeten Türkei.

Erstens ist die Brutalität des syrischen Regimes keine Kriegstaktik. Assads Truppen haben Chemiewaffen, Fassbomben und Belagerung nicht etwa nur so lange eingesetzt, wie sie um ihre Macht bangten. Sondern auch jetzt, da der Krieg längst zugunsten Assads entschieden ist, nimmt er keine Rücksicht auf die Bevölkerung. Die Brutalität ist also ein Wesenszug des Regimes. Will Europa ihm nicht in die Hände spielen, sollte es sich bei der Nachkriegspolitik an diese Brutalität erinnern. Geht es um Pläne für den Wiederaufbau und die Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien, wird das Regime jede Unterstützung nutzen, um seine eigene Gewaltherrschaft zu stärken. Die bisherige europäische Haltung, nicht mit dem Regime zu kooperieren, bleibt auch nach Ende der Kämpfe im Interesse der Zivilisten.

Zweitens: Das Desaster von Idlib ist auch Ausdruck der gescheiterten Syrienpolitik der Türkei.

Die Flüchtenden in Idlib harren direkt an der türkischen Grenze aus. Die Übergänge sind dicht. Nachdem die Türkei bereits etwa 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, sollen keine weiteren Flüchtlinge kommen. So soll der türkischen Öffentlichkeit das Bild vermittelt werden, die Regierung habe die Lage unter Kontrolle. Tatsächlich wird aber auch deshalb gebombt, weil das keineswegs der Fall ist.

Mit der gegenwärtigen Offensive brechen Syrien und Russland nämlich einen Waffenstillstand, den Russland gemeinsam mit der Türkei im vergangenen September ausgehandelt hatte. Die Aufgabenteilung war: Russland hält das Regime im Zaum und die Türkei die Rebellen. Die Türkei verpflichtete sich dazu, die HTS-Miliz zur Zurückhaltung zu bewegen und eine Pufferzone entlang der Front einzurichten. Diese Versprechen hat sie nicht erfüllt. Offensichtlich hat die Regierung weit weniger Macht über die syrischen Milizen, als sie annahm oder gegenüber den Russen vorgab zu haben.

Dieser Zustand ist symptomatisch für die schwankende Außenpolitik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. In Syrien hatte sich die Türkei früh mit dem Aufstand gegen Diktator Assad solidarisiert. Seit sich abzeichnete, dass Assad nicht weichen wird, paktiert Erdoğan allerdings mit Syriens Verbündetem Russland. In Ankara sieht man darin offenbar die Chance, eigene Interessen gegenüber der Nato und den USA durchzusetzen. Die Ansage an Brüssel lautet: Verschmäht ihr uns, dann gehen wir auf Moskau zu.

In Idlib zeigt sich, dass die Türkei mit ihrem Versuch, sich alle Optionen offenzuhalten – die Westanbindung beizubehalten und gleichzeitig das Verhältnis zu Russland zu pflegen –, beide Seiten zu verprellen droht. Die Rebellen, für die Ankara garantierte, beschossen in den vergangenen Monaten russische Stellungen in Syrien. Aus russischer Perspektive ist die laufende Offensive auch das Ende der Geduld mit Ankara. Die US-Regierung wiederum droht der Türkei mit Sanktionen: Das Nato-Land Türkei will Raketenabwehrsysteme von Russland kaufen, Washington will das nicht dulden.

Europa, in dessen direkter Nachbarschaft sich das Gemetzel von Idlib abspielt, hält sich bedeckt. Man will verhindern, dass wieder mehr Flüchtlinge gen Westen wandern. Und nimmt dafür bewusst in Kauf, dass drei Millionen Zivilisten schutzlos bleiben und viele von ihnen getötet werden. lea Frehse