Fischer schätzt Beständigkeit. Er ist seit 26 Jahren verheiratet, trägt seit 35 Jahren dieselbe Kette um den Hals. Und als sich der FC Basel von ihm trennte, ließ er öffentlich verlauten, dass er auch für einen Job in der zweithöchsten Schweizer Liga zu haben wäre. Es kam größer: Fischer landete beim 1. FC Union Berlin, in der zweiten deutschen Bundesliga. Sportchef Oliver Ruhnert erzählt am Telefon, er habe sich bei der Trainersuche für den Sommer 2018 darauf konzentriert, einen Coach zu finden, der kompetent ist, deutsch spricht und in der Bundesliga noch keinen Stempel aufgedrückt bekommen, also kein Image hat. Ruhnert sagt: "Der Mensch Urs Fischer passt zu den Menschen hier sehr gut." Der Coach betont seinerseits, dass Union "etwas ganz Besonderes" ist und wie dankbar er für die Unterstützung der Fans sei.

Union ist ein stolzer Club. Er pflegt seine eigenen Regeln, gegen Kommerz und gegen Erfolgssucht, für Authentizität und Leidenschaft. Seine Identität formte sich zu DDR-Zeiten: In den Siebzigerjahren etablierte sich Union als Stadtrivale des BFC Dynamo, dem Lieblingsverein Erich Mielkes, dem Minister für Staatssicherheit, der von 1979 bis 1988 ununterbrochen die DDR-Meisterschaft gewann. Mit diesem mächtigen Gegner vor der Brust kultivierten die Union-Fans ihr Image als Fußballrebellen. Ihre Losung lautete: "Nicht jeder Klassenfeind ist ein Unioner, aber jeder Unioner ist ein Klassenfeind."

Obschon es zwischen Urs Fischer und dem 1. FC Union passt, Illusionen machen sich beide Seiten keine. Sportchef Ruhnert spricht von einer "Zweckgemeinschaft" zwischen Trainer und Club. Sollte Union schlecht in die Erstliga-Saison starten, dürfte Fischers Stuhl schnell wackeln.

Denn der Hauptstadtclub und sein Vereinspräsident Dirk Zingler, ein Baustofflogistik-Unternehmer aus Brandenburg, haben große Ambitionen. Der Verein soll sich langfristig in der Bundesliga festsetzen. Union ist zwar ein familiärer Club und soll das auch bleiben. Dreißigtausend Fans versammeln sich jedes Jahr zum Weihnachtssingen im Stadion, in der Halbzeitpause verabschiedet der Verein seine verstorbenen Mitglieder. Aber seit einiger Zeit geht Union offensiv auf potenzielle Sponsoren wie H&M zu, und für das nächste Jahr ist ein Ausbau des Stadions von 22.000 auf 37.000 Plätze geplant. Dann vermutlich ohne Fronarbeit der eigenen Fans, wie damals, vor zehn Jahren, als das Geld in der Clubkasse fehlte, um die Arena aufwendig umzubauen.

Urs Fischer kann Aufstiegskampf, das hat er bewiesen. Aber kann er auch Abstiegskampf? Eines von Fischers Lieblingswörtern ist Solidarität, und die lebt er auch tagtäglich vor. Er ist keiner, der sich in den Mittelpunkt drängt. Bei Union gilt er als akribischer Arbeiter, der oft bis neun Uhr abends in seinem Büro im Stadion sitzt und potenzielle Spielzüge seiner Mannschaft und seiner Gegner studiert. Er wohnt fußläufig, seine Familie lebt weiterhin in Zürich. Und obschon er Leistungsträger in wichtigen Matches immer wieder auf die Bank gesetzt hat, haben die Spieler nie öffentlich aufgemuckt. Fischer sei ehrlich mit ihnen umgegangen und habe ihnen seine Entscheidung in Vier-Augen-Gesprächen erklärt, hört man aus Beraterkreisen der Profis.

Ottmar Hitzfeld, Champions-League-Sieger mit Bayern München und Borussia Dortmund, kennt Urs Fischer aus der Zeit, als er selbst Schweizer Nationaltrainer war und Fischer den FC Zürich coachte. Das Relegationsspiel von Union gegen Stuttgart hat er im Fernsehen verfolgt. Hitzfeld ist beeindruckt, wie Urs Fischer seine Mannschaft eingestellt hat. "Man wollte nicht zu viel gegen Stuttgart, sondern war sich bewusst, dass die Schwaben auch in Berlin der klare Favorit sein werden." Kann Fischer die Liga halten, Herr Hitzfeld? Er schätze den Kollegen sehr und fühle mit ihm mit, aber wegen seiner geringen finanziellen Möglichkeiten werde der Verein in der nächsten Saison ein krasser Außenseiter sein. Er hoffe, dass Union dem Trainer auch in schwierigen Phasen den Rücken stärken werde.

Zwei Tage nach dem Relegationsspiel veranstaltet Union im Stadion ein großes Fest für alle Fans, um den Aufstieg noch einmal zu feiern. In der Mitte des Spielfeldes ist eine Bühne aufgebaut. Die Spieler und der Staff werden einzeln raufgebeten. Als letzter kommt Urs Fischer. Die Fans rufen in Sprechchören seinen Namen, der Stadionsprecher reicht ihm das Mikrofon. "Jetzt muss ich was sagen?" Pause. "Hey, hört mal zu. Ihr habt ’nen geilen Musiker in Deutschland, der hat ein geiles Lied geschrieben. Ich glaube, ihr kennt Xavier Naidoo." Gestöhne, vereinzelte Pfiffe und Buhrufe. "Ich finde den geil. Muss ich sagen. Er hat ein wirklich tolles Lied geschrieben. >Was wir alleine nicht schaffen, schaffen wir zusammen.> Und wir haben’s geschafft!"

Ja, dieser Verein und ihr Trainer passen glänzend zusammen: Sie verbiegen sich nicht. Bei Union pfeifen viele Fans auf den Erfolg. Und ihr Trainer pfeift auf einen guten Musikgeschmack. Allein, für den Klassenerhalt wird das kaum reichen.