Es war ein kühler Samstagabend im Mai. Zwei Mitarbeiter der Stromversorgungsgesellschaft waren gerufen worden, um im Keller eines besetzten Bürogebäudes in der römischen Innenstadt zu überprüfen, warum der seit einer Woche wegen unbezahlter Rechnungen abgeschaltete Strom plötzlich wieder lief. Die beiden Männer kletterten zum Verteilerschacht im Untergeschoss, sahen, dass sich der Stromzähler drehte, und fanden erstaunt eine Visitenkarte vor. Links auf dem Kärtchen war ein roter Kardinalshut abgebildet, darunter das Wort "Misericordia", Barmherzigkeit. Rechts stand geschrieben: "Card. Konrad Krajewski. Elemosiniere di Sua Santità".

Der Almosenier, der Chef der Almosenverwaltung des Papstes im Vatikan, führte bislang ein Schattendasein in der römischen Kurie. Gläubige Katholiken kennen das Amt, weil man hier päpstliche Segenswünsche für Hochzeiten, Jubiläen oder runde Geburtstage bestellen kann. Das Geld fließt in karitative Zwecke. Schon in seinem ersten Amtsjahr ernannte Papst Franziskus den Polen Konrad Krajewski zu seinem Almosenverwalter. Seither hat sich das Amt verändert. "Der Schreibtisch ist nichts für dich, du kannst ihn verkaufen", soll Franziskus seinem Mann für die Armen bei dessen Ernennung im August 2013 zugeflüstert haben. "Warte nicht darauf, dass die Leute bei dir anklopfen, du musst zu ihnen gehen!"

Zu den Hilfsbedürftigen gehörten nach Vorstellung von Kardinal Krajewski auch die etwa 450 Bewohner des besetzten Bürogebäudes in der Nähe der Lateranbasilika in Rom. Etwa 100 Minderjährige wohnen in dem Palazzo, auch Ausländer sind unter ihnen. Manchen geht es ausgesprochen schlecht. Da ist etwa die Italienerin, die an Asthma leidet und auf ihre elektrisch betriebene Sauerstoffflasche angewiesen ist. Da ist eine körperbehinderte Nigerianerin, auch einige schwangere Frauen wohnen in dem Haus. Am Montag zuvor hatte die Stromversorgungsgesellschaft die Versorgung unterbrochen. Die Hausbesetzer hatten seit längerer Zeit keine Rechnungen bezahlt, auf etwa 300.000 Euro sollen sich die Schulden belaufen.

Mehrere Wohltätigkeitsorganisationen und Vereine sind in dem Haus aktiv, eine Mitarbeiterin bat am Wochenende den päpstlichen Almosenverwalter um Hilfe. Krajewski kam schon am Nachmittag, brachte mit seinem weißen Lieferwagen Decken und Lebensmittel vorbei und ließ sich über die Lage im Haus informieren. Dann versprach er, das Problem mit der Stromversorgung anzugehen. Wenn die Versorgungsgesellschaft Acea bis abends die Versorgung nicht wieder aufgenommen hätte, würde er eigenhändig den Strom einschalten, versprach der Kardinal. Offenbar reagierte Acea nicht. "Am Wochenende funktioniert in Rom gar nichts außer Bars und Restaurants", erzählte der 55-jährige Pole später. Dann stieg Krajewski hinunter zum Verteilerschacht und es wurde Licht. Als Gruß hinterließ er seine Visitenkarte.

Seither nennen italienische Medien Krajewski den "Robin Hood des Papstes". Robin Hood war berühmt dafür, dass er den Entrechteten zur Hand ging und dabei die Konfrontation mit der Obrigkeit nicht scheute. Auch Krajewski setzte sich für die Benachteiligten ein, obwohl streng genommen die Unterbrechung der Stromversorgung wegen der unbezahlten Rechnungen begründet war. Krajewski, dem vor seiner Priesterweihe eine Beschäftigung als Elektriker nachgesagt wird, verstieß bewusst gegen das Gesetz, weil er der Ansicht war, dass Recht und Ordnung an ihre Grenzen stoßen, sobald die menschliche Würde ins Spiel kommt.

Wenn 450 Menschen, darunter einige Härtefälle, eine Woche lang ohne Strom auskommen müssen, dann muss man Recht und Gesetz beiseite lassen und auf die wahren Bedürfnisse dieser Menschen schauen, so lautet die Botschaft Krajewskis. "Wie weit ist es mit den Menschenrechten Europas gekommen?", fragte der Kardinal, als er zu seiner Tat befragt wurde. "Wenn jemand das nicht versteht, dann soll er mal versuchen, zu Hause nur ein paar Stunden ohne Strom zu leben, und er wird sehen, was das bedeutet." "Misericordia", Barmherzigkeit, lautet nicht nur das Schlagwort auf Krajewskis Visitenkarte, es ist auch der viel strapazierte Oberbegriff für das Pontifikat von Franziskus. Wenn es um Grundbedürfnisse des Menschen geht, dann gelten ganz besondere Regeln.

Krajewski hat mit seiner mutigen Geste viel Aufmerksamkeit bis über die Grenzen Italiens hinaus erregt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist auf der Welt und gerade auch in Italien eine gegenläufige Tendenz zu beobachten. Das Bedürfnis nach Abgrenzung, Sicherheit und vermeintlicher Ordnung ist groß, überall sprießen deshalb Politiker aus dem Boden, die die Wiederherstellung dessen, was als Recht angesehen wird, zum Programm gemacht haben und dabei ganz gezielt rücksichtslos zu Werke gehen. In Italien ist das Innenminister Matteo Salvini, der zum Beispiel die mit Flüchtlingen besetzten Schiffe der Hilfsorganisationen nicht mehr in italienischen Häfen anlegen lassen will. Salvini schaltete sich sogleich in die Krajewski-Affäre ein und bemängelte spöttisch, der päpstliche Almosenverwalter würde nun gewiss auch für die 300.000 Euro unbezahlter Stromrechnungen aufkommen. Krajewski sagte umgehend zu und ergänzte im Scherz, er würde fortan auch Salvinis Stromrechnungen bezahlen.

Ein weiterer Grund für den großen Effekt der Geste dürfte sein, dass die verblüffende Aktion eines Kardinals zugunsten Benachteiligter bisher nicht zum auffälligen Repertoire der katholischen Hierarchie zählt. Wenn von Kardinälen die Rede ist, dann geht es im öffentlichen Diskurs um Kirchenpolitik, um Macht, Intrigen oder um teure Luxuswohnungen. Dass ein Mann aus der obersten Führungsriege der katholischen Kirche sich im schwarzen Anzug in einen Verteilerschacht ablässt, um ein Siegel zu brechen und eigenhändig den Hauptversorgungsschalter umzulegen, will nicht recht in das Bild passen, das bisher von katholischen Würdenträgern gezeichnet wurde.