Wer glaubt denn daran?

Frage: Herr Grabowsky, Ihre Ausstellung beschäftigt sich mit 900 Jahren verschwörungstheoretischem Denken. Haben Sie selbst je an eine Verschwörungstheorie geglaubt?

Ingo Grabowsky: Zumindest nicht wissentlich. Aber manche würden ja schon den christlichen Glauben als Verschwörungstheorie bezeichnen. Der Unterschied ist: Verschwörungstheorien geben vor, ein Wissenssystem zu sein, während die aufgeklärte christliche Religion ein Glaubenssystem ist.

Frage: Dennoch scheint es so, als seien Religion und Verschwörungstheorien eng miteinander verknüpft. Welche Ähnlichkeiten gibt es?

Grabowsky: Beides bietet Orientierung und feste Denksysteme. Wenn jemand ein verfestigtes verschwörungstheoretisches Weltbild hat, erklärt das ähnlich viel von der Welt, wie es eine Religion und der Glaube tun.

Frage: Die Religion und die vermeintlich rationale Verschwörungstheorie: Ist das nicht schon ein Widerspruch?

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Grabowsky: Nicht unbedingt. Glaubt man dem emeritierten Papst Joseph Ratzinger, dann ist die christliche Religion ja auch ein "vernunftgemäßes" System. Doch Christen haben diesen vielleicht irrationalen Ausgangspunkt: den Glauben an Gott. Ähnlich ist es bei den Verschwörungstheorien. Hier bilden die Verschwörer den Ausgangspunkt, die sich aber – anders als Gott – dazu verschworen haben, der Gemeinschaft zu schaden.

Frage: Sind Verschwörungstheoretiker dem Glauben ferner als andere Menschen?

Grabowsky: Religion immunisiert nicht gegen verschwörungstheoretisches Denken. In Russland etwa sind auch heute noch viele Verschwörungstheorien religiös grundiert. Dort ist der sogenannte Pakt mit dem Teufel sehr präsent. Ähnlich ist es bei manchen Evangelikalen in den USA. Es gibt nennenswerte Schnittmengen zwischen religiösen Menschen und Verschwörungstheoretikern.

Frage: Braucht es eine Veranlagung dazu, an etwas Übernatürliches zu glauben, um Verschwörungstheoretiker zu sein?

Grabowsky: Vielleicht. Für viele Menschen sind Verschwörungstheorien eine Art Religionsersatz. Höre ich auf, an eine übernatürliche Macht zu glauben, die auf unser hiesiges Leben wirkt, dann ist es bequem, an andere Mächte zu glauben.

Frage: Was für Menschen glauben also an Verschwörungstheorien?

Grabowsky: Aggressive politische Verschwörungstheorien werden häufiger von Männern mittleren Alters vertreten, die sich nicht oder nicht mehr als selbstwirksam wahrnehmen. Sie fühlen sich unsichtbaren Mächten ausgeliefert. Häufig sind es Krisensituationen, die dazu führen, dass Menschen an Verschwörungstheorien glauben.

Frage: Wie verbreiteten sich Verschwörungstheorien im Mittelalter?

Grabowsky: Damals war die Predigt ein Verbreitungsmedium. Bilder, die damals fast alle erreicht haben, waren zum Beispiel die vom Hostien-Frevel, den die Juden angeblich begangen haben. Jeder konnte sich diese Bilder in den Kirchen anschauen.

Frage: Worum drehte sich damals das Verschwörungsdenken?

Grabowsky: Im Mittelalter waren Verschwörungstheorien immer religiös begründet. Zumeist ging es darum, dass die Templer, die Jesuiten oder die Juden sich angeblich mit dem Teufel gegen die Christenheit verbündet hatten. Den Templern hat man etwa unterstellt, sie würden Sodomie betreiben und die Messe mit ungeweihten Hostien feiern.

Frage: Wie wurden solche Unterstellungen belegt?

Grabowsky: Durch Zeugenaussagen, die man durch Folter gewonnen hat. Die Templer haben dann reihum die Vorwürfe gestanden – und dies war der Beleg für ihre Schuld. Wenn sie ihre Aussage später widerrufen haben, wie etwa Jacques de Molay, der Großmeister der Templer, dann war das letztlich nur ein doppelter Beleg der Schuld.

"Eine Massendynamik, die teilweise bis heute wirkt"

Frage: Das Kloster Dalheim wurde im 15. Jahrhundert von den Augustiner-Chorherren besiedelt. War es auch in Verschwörungstheorien verwickelt?

Grabowsky: Ja, allerdings als Opfer. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden gegen Augustiner-Chorherren in Dalheim Hexereivorwürfe laut. Der Erzbischof von Paderborn versuchte, die Dalheimer Ordensleute damit unter Druck zu setzen. Vermutlich wollte er auf diese Weise wirtschaftliche Interessen gegen das Kloster durchsetzen.

Frage: War der Erzbischof erfolgreich?

Grabowsky: Nein, die Dalheimer Chorherren wurden letztlich freigesprochen. Nicht so leicht hatten es einige Jahrhunderte zuvor die Juden.

Frage: Wieso?

Grabowsky: Gegen sie entstand eine Massendynamik, die teilweise bis heute wirkt. Große Teile der Gesellschaft machten schon im Mittelalter die Juden für Missstände verantwortlich, ein Muster, das wir später im Nationalsozialismus wiederfinden.

Frage: Warum konnten die Juden nie entlastet werden von solchen Verschwörungstheorien?

Grabowsky: Manchmal gelang es durchaus. Im 13. Jahrhundert gab es etwa eine theologische Kommission, die Juden von Verschwörungen gegen die Christenheit freisprach. Etwa beim Ritualmord. So gab es den Vorwurf – den es übrigens noch immer gibt –, dass Juden christliche Kinder zu rituellen Zwecken ermordeten und ihr Blut tranken. Das wurde seinerzeit bereits wissenschaftlich widerlegt. Man verwies in der Begründung darauf, welche Bedeutung das Blut im Judentum hat. Blutiges Geschirr ist nicht koscher. Die Verschwörungstheorie war also schlicht unlogisch.

Frage: War das ein Hoffnungsschimmer?

Grabowsky: Die Menschen hörten leider nicht auf dieses vernünftige Argument. Die Geschichte zeigt: Das Judentum musste immer wieder als Sündenbock herhalten. Eine Verschwörungstheorie gibt die Möglichkeit, aus mehreren komplexen Ursachen eine einzige zu machen. Wenn ich daran glaube, dass die Juden an der Pest schuld sind, weil sie die Brunnen vergiftet haben, dann scheint das eine schlüssige Erklärung zu sein. Den letzten Judenpogrom wegen angeblichen Ritualmords gab es, soweit ich weiß, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen, vor nicht mal 80 Jahren. 41 Juden wurden dabei getötet.

Frage: Warum haben so viele Verschwörungstheorien einen religiösen Ursprung?

Grabowsky: Religiöse Motive waren vor allem im Mittelalter eine Legitimation in der Argumentation. Als die Säkularisierung zunahm, haben sich auch Verschwörungstheorien verändert.

Frage: Inwiefern?

Grabowsky: Man glaubte nun an menschliche Verschwörer, die nicht mehr mit dem Teufel verbündet sein mussten. Die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion, die die Grundlage für den Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung sind, werden in der Gegenwart von weltlichen Verschwörern benutzt. Dennoch haben sie einen religiösen Kern, der häufig verwaschen wird.

Frage: Gab es je eine Phase, in der es Verschwörungstheorien schwer hatten?

Grabowsky: Eine Art Ebbe gab es vielleicht nach der Hochphase des Kalten Krieges. Noch in den 1950er-Jahren hatte der US-Senator Joseph McCarthy wahre Hetzjagden auf Kommunisten und vor allem auch auf angebliche Kommunisten veranstaltet. Auch infolge von McCarthys übertriebener Furcht vor Verschwörungen wuchs die Skepsis gegenüber solchen Unterstellungen.

Frage: Ein Erweckungsmoment, dass nicht hinter allem eine finstere Macht steckt?

Grabowsky: Zumindest galten Verschwörungstheorien danach einige Jahrzehnte lang als geradezu paranoid, als "Religion der Geisteskranken". Das war lange Zeit ein allgemeines Urteil. Mit dem 11. September 2001 hat sich das wieder schlagartig geändert.

Frage: Warum?

Grabowsky: Vor allem wegen des Internets. Jeder kann seine eigene Meinung in Videos und Texten mit der Welt teilen. Theorien, dass nicht Islamisten die Terroranschläge in New York verübt haben, sondern eine jüdische Verschwörung, die amerikanische Regierung oder ein Netz geheimer Gesellschaften dahinterstecken, verbreiteten sich rasant. Das Internet bringt Verschwörungstheoretiker, die einst isoliert waren, miteinander in Verbindung. Mittlerweile gibt es in den USA sogar eine Dating-Plattform für Verschwörungstheoretiker.

"Wir sollten einsehen, dass Inkompetenz menschlich ist"

Frage: Wenn man das hört, könnte man meinen, es hätten noch nie so viele Menschen an Verschwörungstheorien geglaubt wie heute.

Grabowsky: Es gab jedenfalls noch nie so viele verschiedene Theorien. Alte Theorien sterben nicht, wie der Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung zeigt. Es kommen aber laufend neue Theorien dazu. Im Internet agitieren Verschwörungstheoretiker viel effizienter als zuvor. Sie finden auch prominente Unterstützer.

Frage: An wen denken Sie dabei?

Grabowsky: Vor 30 Jahren hätte man sich nicht vorstellen können, dass mit Donald Trump jemand zum Präsidenten der USA gewählt wird, der offen Verschwörungstheorien propagiert.

Frage: Welche Theorien verbreitet Donald Trump?

Grabowsky: Er sprach beispielsweise davon, dass Barack Obamas Geburtsurkunde gefälscht sein soll. Oder davon, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei.

Frage: Wie kann man sich selbst schützen, um nicht auf solche Theorien hereinzufallen?

Grabowsky: Indem man diese Theorien überprüft, etwa mit Blick auf ihre Komplexität. Je komplexer eine angebliche Verschwörung ist, desto unwahrscheinlicher ist, dass sie Erfolg haben wird. Dann ist es zumeist nur eine Theorie.

Frage: Wie meinen Sie das?

Grabowsky: Schon Machiavelli hat Verschwörern geraten, dass eine Verschwörung nicht mehr als drei Mitwisser haben darf und dass sie möglichst kurz dauern soll, weil sie sonst leichter auffliegen könnte. Eine jüdische Weltverschwörung, die angeblich viele Jahrhunderte andauert, oder ein Templerorden, der jahrhundertelang im Untergrund sein Unwesen treibt, ist allein deshalb schon nicht wahrscheinlich, weil irgendjemand irgendwann mal plappern würde.

Frage: Worauf sollte man noch achten?

Grabowsky: Wir sollten einsehen, dass Inkompetenz menschlich ist. Nehmen wir das Beispiel des angeblichen "Großen Austauschs". Diese Verschwörungstheorie besagt, dass Angela Merkel 2015 die Flüchtlinge geplant nach Deutschland holte, um die weiße Bevölkerung gegen außereuropäische Einwanderer "auszutauschen". Dass ihr damaliges Handeln auch schlicht auf Planlosigkeit und eben nicht auf einen Plan zurückzuführen sein könnte, würden Verschwörungstheoretiker nie akzeptieren.

Frage: Wie wird man vom neugierigen Interessierten zum dogmatischen Verschwörungstheoretiker?

Grabowsky: Das hat viel mit Filterblasen zu tun. Man sucht im Internet etwas, und die Autovervollständigung bietet einem ähnliche Treffer und Belege für eine bestimmte Theorie und Sichtweise.

Frage: Warum ist es so schwer, einen Verschwörungstheoriker vom Gegenteil zu überzeugen?

Grabowsky: Alles, was man als Argument nennt, kann der Verschwörungstheoretiker zum Gegenargument ummünzen. Nehmen wir das Beispiel der Kondensstreifen am Himmel, die manche für schädliche, mit Giftstoffen versetzte sogenannte Chemtrails halten. Tatsächlich wäre es viel zu komplex, Abertausende von Flugzeugen weltweit heimlich mit Gifttanks beladen zu lassen. Der Verschwörungstheoretiker würde aber einfach argumentieren: Da siehst du mal, wie mächtig und gut organisiert die sind.

Frage: Verschwörungstheorien scheinen heute nicht nur für einzelne Gruppen, sondern auch für die Allgemeinheit gefährlich zu sein. Reichsbürger erschießen Polizisten, Chemtrail-Aktivisten blenden Piloten mit Laser-Pointern. Müsste man Verschwörungstheoretikern nicht entschiedener entgegentreten?

Grabowsky: Wir leben auf dem Boden des Grundgesetzes. Selbst abstruse Meinungen sind geschützt. Würde man anfangen, so etwas zu verbieten, würde das nichts besser machen.