Frage: Das Kloster Dalheim wurde im 15. Jahrhundert von den Augustiner-Chorherren besiedelt. War es auch in Verschwörungstheorien verwickelt?

Grabowsky: Ja, allerdings als Opfer. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden gegen Augustiner-Chorherren in Dalheim Hexereivorwürfe laut. Der Erzbischof von Paderborn versuchte, die Dalheimer Ordensleute damit unter Druck zu setzen. Vermutlich wollte er auf diese Weise wirtschaftliche Interessen gegen das Kloster durchsetzen.

Frage: War der Erzbischof erfolgreich?

Grabowsky: Nein, die Dalheimer Chorherren wurden letztlich freigesprochen. Nicht so leicht hatten es einige Jahrhunderte zuvor die Juden.

Frage: Wieso?

Grabowsky: Gegen sie entstand eine Massendynamik, die teilweise bis heute wirkt. Große Teile der Gesellschaft machten schon im Mittelalter die Juden für Missstände verantwortlich, ein Muster, das wir später im Nationalsozialismus wiederfinden.

Frage: Warum konnten die Juden nie entlastet werden von solchen Verschwörungstheorien?

Grabowsky: Manchmal gelang es durchaus. Im 13. Jahrhundert gab es etwa eine theologische Kommission, die Juden von Verschwörungen gegen die Christenheit freisprach. Etwa beim Ritualmord. So gab es den Vorwurf – den es übrigens noch immer gibt –, dass Juden christliche Kinder zu rituellen Zwecken ermordeten und ihr Blut tranken. Das wurde seinerzeit bereits wissenschaftlich widerlegt. Man verwies in der Begründung darauf, welche Bedeutung das Blut im Judentum hat. Blutiges Geschirr ist nicht koscher. Die Verschwörungstheorie war also schlicht unlogisch.

Frage: War das ein Hoffnungsschimmer?

Grabowsky: Die Menschen hörten leider nicht auf dieses vernünftige Argument. Die Geschichte zeigt: Das Judentum musste immer wieder als Sündenbock herhalten. Eine Verschwörungstheorie gibt die Möglichkeit, aus mehreren komplexen Ursachen eine einzige zu machen. Wenn ich daran glaube, dass die Juden an der Pest schuld sind, weil sie die Brunnen vergiftet haben, dann scheint das eine schlüssige Erklärung zu sein. Den letzten Judenpogrom wegen angeblichen Ritualmords gab es, soweit ich weiß, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen, vor nicht mal 80 Jahren. 41 Juden wurden dabei getötet.

Frage: Warum haben so viele Verschwörungstheorien einen religiösen Ursprung?

Grabowsky: Religiöse Motive waren vor allem im Mittelalter eine Legitimation in der Argumentation. Als die Säkularisierung zunahm, haben sich auch Verschwörungstheorien verändert.

Frage: Inwiefern?

Grabowsky: Man glaubte nun an menschliche Verschwörer, die nicht mehr mit dem Teufel verbündet sein mussten. Die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion, die die Grundlage für den Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung sind, werden in der Gegenwart von weltlichen Verschwörern benutzt. Dennoch haben sie einen religiösen Kern, der häufig verwaschen wird.

Frage: Gab es je eine Phase, in der es Verschwörungstheorien schwer hatten?

Grabowsky: Eine Art Ebbe gab es vielleicht nach der Hochphase des Kalten Krieges. Noch in den 1950er-Jahren hatte der US-Senator Joseph McCarthy wahre Hetzjagden auf Kommunisten und vor allem auch auf angebliche Kommunisten veranstaltet. Auch infolge von McCarthys übertriebener Furcht vor Verschwörungen wuchs die Skepsis gegenüber solchen Unterstellungen.

Frage: Ein Erweckungsmoment, dass nicht hinter allem eine finstere Macht steckt?

Grabowsky: Zumindest galten Verschwörungstheorien danach einige Jahrzehnte lang als geradezu paranoid, als "Religion der Geisteskranken". Das war lange Zeit ein allgemeines Urteil. Mit dem 11. September 2001 hat sich das wieder schlagartig geändert.

Frage: Warum?

Grabowsky: Vor allem wegen des Internets. Jeder kann seine eigene Meinung in Videos und Texten mit der Welt teilen. Theorien, dass nicht Islamisten die Terroranschläge in New York verübt haben, sondern eine jüdische Verschwörung, die amerikanische Regierung oder ein Netz geheimer Gesellschaften dahinterstecken, verbreiteten sich rasant. Das Internet bringt Verschwörungstheoretiker, die einst isoliert waren, miteinander in Verbindung. Mittlerweile gibt es in den USA sogar eine Dating-Plattform für Verschwörungstheoretiker.