Frage: Wenn man das hört, könnte man meinen, es hätten noch nie so viele Menschen an Verschwörungstheorien geglaubt wie heute.

Grabowsky: Es gab jedenfalls noch nie so viele verschiedene Theorien. Alte Theorien sterben nicht, wie der Vorwurf der jüdischen Weltverschwörung zeigt. Es kommen aber laufend neue Theorien dazu. Im Internet agitieren Verschwörungstheoretiker viel effizienter als zuvor. Sie finden auch prominente Unterstützer.

Frage: An wen denken Sie dabei?

Grabowsky: Vor 30 Jahren hätte man sich nicht vorstellen können, dass mit Donald Trump jemand zum Präsidenten der USA gewählt wird, der offen Verschwörungstheorien propagiert.

Frage: Welche Theorien verbreitet Donald Trump?

Grabowsky: Er sprach beispielsweise davon, dass Barack Obamas Geburtsurkunde gefälscht sein soll. Oder davon, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei.

Frage: Wie kann man sich selbst schützen, um nicht auf solche Theorien hereinzufallen?

Grabowsky: Indem man diese Theorien überprüft, etwa mit Blick auf ihre Komplexität. Je komplexer eine angebliche Verschwörung ist, desto unwahrscheinlicher ist, dass sie Erfolg haben wird. Dann ist es zumeist nur eine Theorie.

Frage: Wie meinen Sie das?

Grabowsky: Schon Machiavelli hat Verschwörern geraten, dass eine Verschwörung nicht mehr als drei Mitwisser haben darf und dass sie möglichst kurz dauern soll, weil sie sonst leichter auffliegen könnte. Eine jüdische Weltverschwörung, die angeblich viele Jahrhunderte andauert, oder ein Templerorden, der jahrhundertelang im Untergrund sein Unwesen treibt, ist allein deshalb schon nicht wahrscheinlich, weil irgendjemand irgendwann mal plappern würde.

Frage: Worauf sollte man noch achten?

Grabowsky: Wir sollten einsehen, dass Inkompetenz menschlich ist. Nehmen wir das Beispiel des angeblichen "Großen Austauschs". Diese Verschwörungstheorie besagt, dass Angela Merkel 2015 die Flüchtlinge geplant nach Deutschland holte, um die weiße Bevölkerung gegen außereuropäische Einwanderer "auszutauschen". Dass ihr damaliges Handeln auch schlicht auf Planlosigkeit und eben nicht auf einen Plan zurückzuführen sein könnte, würden Verschwörungstheoretiker nie akzeptieren.

Frage: Wie wird man vom neugierigen Interessierten zum dogmatischen Verschwörungstheoretiker?

Grabowsky: Das hat viel mit Filterblasen zu tun. Man sucht im Internet etwas, und die Autovervollständigung bietet einem ähnliche Treffer und Belege für eine bestimmte Theorie und Sichtweise.

Frage: Warum ist es so schwer, einen Verschwörungstheoriker vom Gegenteil zu überzeugen?

Grabowsky: Alles, was man als Argument nennt, kann der Verschwörungstheoretiker zum Gegenargument ummünzen. Nehmen wir das Beispiel der Kondensstreifen am Himmel, die manche für schädliche, mit Giftstoffen versetzte sogenannte Chemtrails halten. Tatsächlich wäre es viel zu komplex, Abertausende von Flugzeugen weltweit heimlich mit Gifttanks beladen zu lassen. Der Verschwörungstheoretiker würde aber einfach argumentieren: Da siehst du mal, wie mächtig und gut organisiert die sind.

Frage: Verschwörungstheorien scheinen heute nicht nur für einzelne Gruppen, sondern auch für die Allgemeinheit gefährlich zu sein. Reichsbürger erschießen Polizisten, Chemtrail-Aktivisten blenden Piloten mit Laser-Pointern. Müsste man Verschwörungstheoretikern nicht entschiedener entgegentreten?

Grabowsky: Wir leben auf dem Boden des Grundgesetzes. Selbst abstruse Meinungen sind geschützt. Würde man anfangen, so etwas zu verbieten, würde das nichts besser machen.