DIE ZEIT: Frau Dufresne, wie lebt es sich als "komplizierte Frau" in der Schweiz?

Alexandra Dufresne: Gut, sehr gut! (lacht)

ZEIT: Sie nennen sich selbst, mit einem Augenzwinkern, kompliziert. Was meinen Sie damit?

Dufresne: Eine "komplizierte Frau" will etwas im Leben erreichen und geht dabei dem einen oder anderen Mann auf die Nerven.

ZEIT: Wann merkten Sie, dass Sie eine komplizierte Frau sind?

Dufresne: Als ich mit meinem Mann und unseren Kindern aus den USA in die Schweiz zog ...

ZEIT: ... das war 2016 ...

Dufresne: ... genau. Damals wusste ich nichts über die Geschlechterdynamiken in der Schweiz. Wie Sie wissen, hat man in Amerika den Eindruck, Europa sei sehr progressiv. Ich kannte eine Amerikanerin, die in einer sehr hohen Position in der Schweiz arbeitete, und sprach mit ihr über unseren Umzug.

ZEIT: Was erzählte Ihnen die Frau?

Dufresne: Alles sei bestens in der Schweiz. Aber die Geschlechterfrage, die sei ein schwieriges Thema. Ich wischte ihren Einwand jedoch weg: Hey, das ist Europa, das wird sicher super!

ZEIT: Und?

Dufresne: Als ich hier ankam, passierten einige seltsame Dinge.

ZEIT: Das heißt?

Dufresne: Ich habe drei Kinder, also spreche ich mit vielen Müttern. Da hörte ich, wie viele von ihnen ihren Job verloren, weil sie Kinder kriegten, wie viele in ihren Karrieren anstanden, weil sie Mütter wurden – und wie viele von ihnen schließlich ganz zu Hause blieben. Obschon ich in einem superdemokratischen, unglaublich schönen Land lebte, hatte ich das Gefühl, in einem gender time warp gelandet zu sein.

ZEIT: In einem was?

Dufresne: Einem Zeitloch. Wenn es um Gleichberechtigung geht, hängt ihr in der Schweiz gegenüber den USA um 40 bis 50 Jahre zurück; zumindest in gewissen Fragen.

ZEIT: Gilt das nur für Städte wie New York, Seattle oder San Francisco – oder auch für Staaten wie Georgia, wo Sie aufgewachsen sind?

Dufresne: Ich wuchs in einer extrem segregierten Gesellschaft auf. Mein Umfeld war auch evangelikal, also extrem gläubig. Trotzdem: Die Geschlechternormen, die ich in der Schweiz antraf und von denen mir Schweizer Frauen erzählen, haben mich schockiert! Diese Denkweisen, die hier gängig sind, das sind die mindsets, mit denen meine Mutter aufgewachsen ist.

ZEIT: Welche zum Beispiel?

Dufresne: Mein Vater machte gute Geschäfte und verdiente anständig Geld, wir lebten ein privilegiertes Leben. Meine Mutter musste nicht arbeiten, und wenn sie es trotzdem getan hätte, hätte darunter ihr soziales Prestige gelitten. Aber mein Vater, der leider verstorben ist, hat mich als Mädchen und junge Frau immer gemahnt: Was passiert, wenn dir dein Mann wegläuft? Was, wenn er stirbt? Er erzog mich dahingehend, dass ich immer fähig sein müsse, für mich selbst zu sorgen.

ZEIT: Das raten vermutlich auch viele Schweizer Väter ihren Töchtern.

Dufresne: Mag sein. Aber was ich festgestellt habe: Die meisten erfolgreichen Frauen in der Schweiz haben keine Kinder. Es geht nicht darum, dass Schweizer Männer das Gefühl haben, dass Schweizer Frauen nicht klug oder fähig sind oder keine Karriere machen könnten.

ZEIT: Um was geht es dann?

Dufresne: Es geht um die Mutterschaft. Obschon wir in den USA riesige gesellschaftliche Konflikte haben, müssen wir uns nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden. Keine Amerikanerin würde sich gegen ein Kind entscheiden, weil sie dann vielleicht nicht Ministerin werden könnte – eine Schweizerin muss das tun, will sie Bundesrätin werden.