Nachrichten aus Deutschland, aus den vergangenen beiden Jahren: Am 1. Mai marschieren Neonazis mit Fackeln und Trommeln durch Plauen in Sachsen.

Wenige Wochen zuvor beklagt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus eine starke Zunahme judenfeindlicher Vorfälle in Berlin: 1083 im Jahr 2018, gegenüber 951 im Vorjahr. Besorgniserregend sei die fortschreitende Gewaltbereitschaft und Verrohung.

Ende Mai 2019 wird auf das Haus eines jüdischen Ehepaares bei Hannover ein Brandanschlag verübt, die Täter sprühen mit roter Farbe "Jude" auf die Haustür.

Im Dezember vergangenen Jahres erscheint eine Studie der Frankfurter Soziologin Julia Bernstein. Sie hat über 200 Interviews geführt mit jüdischen Schülern, Eltern und Lehrern. Ergebnis: "Jude" als Schimpfwort ist verbreitet auf unseren Schulhöfen; das Ausmaß, in dem von Hitlergrüßen, Hakenkreuzen und Holocaust-Witzen berichtet wurde, ist erschreckend. Es habe eine Enthemmung stattgefunden, sagt Julia Bernstein.

Im Frühjahr 2018 wird an einer Berliner Grundschule ein Mädchen beschimpft und mit dem Tod bedroht, weil sie nicht an Allah glaube. Wenig später schlägt in Berlin ein junger Syrer auf einen israelischen Staatsbürger ein, der eine Kippa trägt.

Die Aufzählung ließe sich problemlos verlängern. Antisemitismus nimmt zu, wird sichtbarer. Er ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Was tun? Wie bekämpft man ihn? Lässt sich eine Gesellschaft gegen Judenfeindschaft impfen?

In dieser Woche startet eine neue, bundesweite Initiative: stopantisemitismus.de heißt sie und ist ein Zusammenschluss von Experten gegen Antisemitismus aus ganz Deutschland. Unter ihnen sind Lehrer, Wissenschaftler, Psychologen, Journalisten, Vertreter des Zentralrats der Juden und des Zentralrats der Muslime. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, nach einer Idee von Giovanni di Lorenzo, Kuratoriumsmitglied der ZEIT-Stiftung.

Die Initiative will über den alltäglichen Antisemitismus informieren und aufklären, sie unterstützt Zeugen und Betroffene antisemitischer Vorfälle. Dafür haben die Experten eine Website entwickelt, mit Handlungsempfehlungen und Argumentationshilfen gegen antisemitische Äußerungen – ob auf der Straße, dem Pausenhof oder im Internet. Es ist eine Anlaufstelle für jene, die Haltung zeigen wollen.

Die Website ist seit dem 12. Juni online. Hier, in der ZEIT, berichten drei der Experten und Unterstützer von ihren Erfahrungen mit Antisemitismus – und was sie dagegen tun.