"Es ist fünf vor zwölf. Die Welt geht unter." Das Christentum als Lebensform mag verdampfen, Wissens-Abfragen über kirchliche Feiertage, wie sie lokale Fernsehsender in deutschen Fußgängerzonen vornehmen, schaffen es nur noch in Comedy-Formate.

Doch die Bilder der biblischen Apokalypse haben wieder Konjunktur. "Es ist fünf vor zwölf." Diese Zeitansage mit Timerfunktion legt sich über alle Themen, die die Welt bewegen. Die Demokratie als Herrschaftsform, das politische Europa, ja, die bewohnbare Welt läuft taumelnd auf ihren Untergang zu. Die Rhetorik der Apokalypse ist aus den Winkeln kleiner religiöser Zirkel wieder in den öffentlichen Raum geschwappt. Die Zeit als kurze Frist ist das zentrale Motiv apokalyptischen Denkens.

Grelle Katastrophen malen den abstrakten Gedanken aus. Schreckensszenarien, für die mittelalterliche Maler die Hölle jahrelang in ihren Werkstätten pinselten, sind in Sekunden über die sozialen Medien verbreitet, untermalt von Wagnerklängen. Bilder von Naturkatastrophen werden mit schnellen Schnitten in eine Folge albtraumartiger Szenen gebracht.

Ihre Macher sind bei den Autoren des Danielbuches in der hebräischen Bibel oder in der neutestamentlichen Johannesoffenbarung in die Schule gegangen. Die Welt geht als großes Kino unter. Gebannt von den grausamen Bildern, erstarren ihre Betrachter in Angstlust. Die meisten, die in diesen Bildwelten leben oder sie politisch nutzen, wissen vermutlich nicht einmal, woher ihr Vorstellungsmaterial kommt. Doch wenn sich die latente Bibelfestigkeit der ansonsten wenig bibelfesten Gesellschaft zeigt, dann in der regelmäßigen Wiederkehr apokalyptischen Denkens. Apokalyptische Mentalität war immer schon Ausdruck von Krisen und Umbrüchen. Das zeigt ein Blick in die bewegte Gebrauchsgeschichte. Es war das Erzählmittel der Stunde, in dem Unterdrückung und Elend, aber auch Angst und Ratlosigkeit, Verbitterung oder Zorn sich Ausdruck verschafft haben, als religiöse Sprachform, als künstlerische Bewältigung des Nichtzubewältigenden und immer wieder auch als politische Rhetorik.

Deshalb ist die Wiederkehr der apokalyptischen Mentalität Signatur einer kollektiven Verfassung, die der religionskritischen Aufmerksamkeit bedarf. Denn apokalyptisches Denken ist immer auch der Anfang politischer Theologien gewesen, also einer Form des politischen Denkens, durch die sich das Politische religiös aufzuladen droht. "Durch die Enge der Zeit kommt der Teufel", sagt der Philosoph Hans Blumenberg, und Pinchas Lapide bescheinigt apokalyptischen Mentalitäten eine Neigung zur "Messianitis".

Ist nur noch wenig Zeit für die Rettung der Welt, steigt die Sehnsucht nach messianischen Persönlichkeiten, es wächst die Unzufriedenheit mit langwierigen Prozeduren wie der mühsamen Suche nach politischen Kompromissen. Die vage Rede davon, dass "alles anders werden müsse", versteigt sich bisweilen in Umsturzfantasien, deren gewalttätige Folgen stummgeschaltet werden.

Heldinnen und Führungsfiguren, die mit Charisma gegen das kollektive Achselzucken vorgehen, mit Häme oder Verachtung zu begegnen, ist allerdings ein billiger Triumph und offenbart nur die Behäbigkeit gegen die Bewegungen, die sich mit einem Weiter-so nicht zufriedengeben. Die Zweideutigkeit, die in dieser Orientierung an Menschen liegt, in die Übermenschliches projiziert wird, liegt aber auf der Hand. Fehleinschätzungen oder Grenzen werden diesen medial vergrößerten Figuren paradoxerweise nur selten verziehen. Sie sind in ihrem Menschsein gefährdeter als die, die in ihnen gottähnliche Eigenschaften sehen. In einer Welt ohne Gott zeigt sich die Gnadenlosigkeit des Umgangs mit den gefallenen Idolen unter Umständen umso härter. Das zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte.