ZEIT: Für Arbeit beträgt der Spitzensteuersatz 42 Prozent, das heißt, für ein hohes Arbeitseinkommen ist die Belastung in der Spitze kaum geringer.

Lindner: Die Steuern auf Dividenden sind im internationalen Vergleich sehr hoch. Ich bin dennoch dafür, dass wir die Vermögensschere schließen. Nicht dadurch, dass wir den einen etwas wegnehmen und sie enteignen, denn dadurch würde der Mittelstand zerstört. Aber wir müssen die Vermögensbildung von Gering- und Normalverdienern ankurbeln. Stichwort Pensionsfonds und Eigenheim. Die Erbschaftsteuer könnte ein Thema werden, denn die ist verfassungsrechtlich wackelig.

ZEIT: Müssten Sie als Liberaler nicht eher sagen: Das ist alles schon mehrfach versteuert, ich bin dafür, die Erbschaftsteuer ganz abzuschaffen?

Lindner: Das wäre eine legitime Position: Der Tod wird nicht besteuert. Aber irgendwo müsste dieser Steuerausfall kompensiert werden.

ZEIT: Jetzt argumentieren Sie sehr aus der Perspektive eines Staates, der Geld besorgen muss, und nicht aus der Perspektive des Individuums.

Lindner: Wir bauen ja nicht auf der grünen Insel neu, sondern befinden uns in einer real existierenden Situation, es gibt Gerechtigkeitsvorstellungen in der Gesellschaft. Würde man auf die Erbschaftsteuereinnahmen komplett verzichten, müssten wir zum Beispiel bei den Verbrauchssteuern und bei der Einkommensteuer erhöhen. Dann würden wir auch diejenigen belasten, die nicht über Vermögen verfügen. Bei der Erbschaftsteuer gab es einen Kompromiss von Bund und Ländern und allen Parteien, den ich aus pragmatischen Gründen nicht anfassen will. Wir verhindern das weitere Auseinanderklaffen beim Vermögen, indem wir mehr Menschen in die Lage versetzen, eine private Vorsorge mit Wertpapieren aufzubauen. Dafür könnten die Veräußerungsgewinne steuerfrei werden. Und die Grunderwerbsteuer sollte für die Wohnung zur Selbstnutzung entfallen.

ZEIT: Noch einmal zu unserem konkreten Beispiel von den Quandts und dem Arbeiter, der ein Zehntausendfaches weniger verdient. Ist das fair?

Lindner: Der Facharbeiter bei BMW am Band ist vielleicht froh, dass nicht der Juso-Chef Kevin Kühnert über die Geschicke des Unternehmens entscheidet, sondern eine Familie Quandt, die, als es BMW in den Sechzigerjahren dreckig ging, in das Unternehmen investiert hat und sich über Jahrzehnte nicht von Finanzmärkten hat treiben lassen, sondern immer loyal zum Unternehmen und dessen Belegschaft war.

ZEIT: Vielleicht hat der Facharbeiter auch das Gefühl: Dass die Chefs mehr verdienen als ich, ist in Ordnung – aber der Unterschied ist zu groß geworden. Sie haben selbst den Gedanken angebracht, dass Umverteilung etwas mit dem Zusammenhalt der Gesellschaft zu tun hat.

Lindner: Zur Gerechtigkeit gehört aber auch die Garantie des Eigentums. Und diesen Vergleich mit dem Milliardär höre ich nur von Politikern und Journalisten. Im Alltag stellen sich viele eher diese Fragen: Wie geht es eigentlich in meinem Leben zu? Wie kriege ich das Geld zusammengekratzt, damit ich zum ersten Mal in der Geschichte meiner Familie eine Wohnung kaufen kann? Wie finanziere ich die stark steigenden Strompreise?

ZEIT: Der Sozialismus- und Verteilungsgedanke gewinnt womöglich auch deswegen so an Fahrt, weil in der Klimadebatte völlig neu über knappe Ressourcen diskutiert wird, nämlich über die Atmosphäre, unsere Lebensgrundlage. Deswegen an Sie die Frage: Dürfen Sie mehr CO₂ erzeugen als andere, oder muss CO₂-Ausstoß des Einzelnen reguliert werden?

Lindner: Er muss für die Menschheit begrenzt werden. Da stellen sich dann Verteilungsfragen, ja. Beim Klima haben wir es mit einer Knappheit zu tun. Und da frage ich: War eigentlich der Sozialismus gut in der Lage, mit knappen Ressourcen umzugehen, oder war es nicht vielmehr die soziale Marktwirtschaft, also der Ordoliberalismus in Deutschland, der bei der Verteilung knapper Ressourcen und der Hervorbringung überlegener Innovationen überlegen war?

ZEIT: Die Knappheit an der natürlichen Ressource "Klima" muss marktwirtschaftlich reguliert werden?

Lindner: Ja, wir brauchen weniger direkte Steuerung durch Gesetzesbefehl, zum Beispiel mit einem Termin, wann jedes einzelne Kohlekraftwerk vom Netz geht. Der Eingriff in Eigentum löst Milliarden an Entschädigungen aus. Stattdessen brauchen wir mehr indirekte Steuerung. Damit erreicht man dieselben Ziele besser.

ZEIT: So ein System gibt es, allerdings sehr eingeschränkt, mit dem Zertifikatehandel. Den würden Sie ausweiten?

Lindner: Ja! Der CO₂-Zertifikate-Handel hat sich entgegen anderslautenden Gerüchten bewährt. Die Lenkungswirkung hat im vergangenen Jahr begonnen. Die CO₂-Zertifikate sind deutlich im Preis gestiegen. Ohne erhobenen Zeigefinger mit Ordnungsrecht ist im vergangenen Jahr weniger Kohlestrom produziert worden.

ZEIT: Wenn Sie sich mehr CO₂-Zertifikate leisten könnten als zum Beispiel unser BMW-Facharbeiter, dürften Sie mehr Auto fahren als er?