Lindner: Das ist der Punkt, der mich bewegt. Schon jetzt wird über das Ziel gesprochen, dass Autofahren, Flugreisen und Fleischkonsum verteuert werden sollen. Wer ein hohes Einkommen hat, wird sich das leisten können. Hier droht eine soziale Spaltung. Deshalb müssen wir erstens alle technischen Möglichkeiten nutzen, die Kosten für die Vermeidung von CO₂ so gering wie möglich zu machen. Flugzeuge können mit synthetischem, klimaneutralem Kerosin fliegen, Autos mit Wasserstoff oder mit synthetischem Kraftstoff im Verbrennungsmotor fahren. Wir brauchen Start-up-Denken! Und zweitens sollten die Einnahmen aus einem CO₂-Marktmechanismus pro Kopf an die Menschen zurückgezahlt werden, als eine Art Klimadividende.

ZEIT: Aber eine Abgabe, die lenken soll, macht doch nur Sinn, wenn das Geld eben nicht pro Kopf in der identischen Höhe zurückgeht.

Lindner: Im Gegenteil. Wer weniger CO₂ verursacht, als ihm pro Kopf zustünde, hat dann doch einen finanziellen Vorteil. Die Frage ist: Träumt man wie Robert Habeck von einer Gesellschaft, in der es keinen Fleischkonsum mehr gibt? Ich sage: Wer vegan leben will, soll es gern tun. Das Schnitzel sollte den anderen aber nicht verboten werden. Und auch nicht zum Luxusprodukt werden. Wir brauchen Toleranz. Wer Fleisch produziert, kann CO₂-Zertifikate kaufen oder CO₂ aus der Luft binden, indem er Wald aufforstet oder technische Lösungen zur Speicherung von CO₂ vorantreibt. Oder es gibt Ersatzprodukte für Fleisch, die ohne Tierhaltung aus Zellen gezüchtet werden. Solche Möglichkeiten werden sich weiterentwickeln und wirtschaftlicher werden.

ZEIT: Das glauben Sie, aber viele Wissenschaftler nicht.

Lindner: Moment, Szenarios des Weltklimarats bauen genau darauf. Wenn die Skeptiker richtiglägen, wäre das Klimaproblem unlösbar. Denn die USA oder China würden uns nie beim Verzicht folgen. Meine Vision ist, dass Freiheit und Wohlstand in einer klimaneutralen Gesellschaft erhalten bleiben. Genau hier liegt die Konfliktlinie zwischen einem ökologisch sensiblen Liberalismus und dem autoritären Ökologismus, der ohne Rücksicht auf Verluste Freiheit aufgibt. Der führt im schlimmsten Fall dazu, dass eine Minderheit von Funktionären, die sich für aufgeklärter und moralischer halten, über die Mehrheit regiert.

ZEIT: Sie sagen selbst, dass der CO₂-Ausstoß die Grundlagen unseres Daseins auf der Erde begrenzt.

Lindner: Natürlich. Aber diese Menschheitsaufgabe ist kein Anlass, chinesisch anmutende Ordnungsmodelle zu übernehmen. Davor hat schon der Soziologe Ulrich Beck gewarnt. Auch Klimapolitik muss mit demokratischer Legitimität erfolgen. Dazu gehören die Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Garantie von Grundrechten wie Freiheit und Eigentum. Ich will nicht, dass am Ende Funktionäre in Planungsbehörden darüber entscheiden, was produziert wird. Das ist nicht nur autoritär, es ist auch unklug. So werden nämlich rasch technologische Tore geschlossen, durch die nachkommende Generationen vielleicht gehen wollen! Das ist so, als hätte man 1978 gesagt, wir schaffen alle Lehrstühle für Informatik ab, denn da hatten wir ja schon die elektrische Schreibmaschine.

ZEIT: Die politische Landschaft ist in Bewegung wie noch nie. In vielen Ländern regieren Autokraten, Komiker oder Populisten. Eine Partei wie die SPD könnte nach 150 Jahren verschwinden. Was ist der Beitrag des Liberalismus in dieser Lage, was ist seine Aufgabe?

Lindner: Wir erleben eine Überreizung. Zum Beispiel ist viel die Rede von "Klimanotstand", vom "Klimakollaps". Zugleich gibt es sogar in Schweden inzwischen eine Gelbwesten-Bewegung. Die Aufgabe des Liberalismus ist es, auf Vernunft und Verhältnismäßigkeit zu bestehen, darauf, dass selbst der gute Zweck nicht alle Mittel heiligt. Und das es auch andere wichtige Themen gibt. Liberal zu bleiben heißt möglicherweise, sich zwischen den Extremen zu platzieren, um eine Lösung aus der Mitte der Gesellschaft zu erreichen.

ZEIT: Und was heißt das konkret für den Fall, dass es zu einem Ende der großen Koalition, einer Minderheitsregierung oder zu Neuwahlen kommt?

Lindner: Wir orientieren uns an Inhalten. Wir wollen unser Land digitaler machen, in zukünftigen Wohlstand investieren, individuelles Vorankommen und Bildung stärken. Wo es faire Kooperation gibt, sind wir offen. In Bremen kann man aber beobachten, dass die Grünen gegen den Wahlsieger CDU und die FDP lieber mit der Linkspartei regieren.

ZEIT: Das heißt, Jamaika ist unwahrscheinlicher geworden?

Lindner: Einerseits haben nach 2017 alle gelernt, dass eine Einigung zwischen Schwarz und Grün zu unseren Lasten nicht funktioniert. Andererseits sind die Grünen inzwischen nach links gegangen. Sie sprechen von Enteignungen, Steuererhöhungen und Verboten. Hinter philosophischem Vokabular steckt die Option Grün-Rot-Rot. Ich wage keine Prognosen.