Es sollte der endgültige Befreiungsschlag werden. Anfang Juni verschickte Bahnchef Richard Lutz ein 173 Seiten dickes Dokument an die Aufsichtsräte der Bahn. Mit der Strategie "Starke Schiene" will sich der Konzern auf sein Kerngeschäft – einen möglichst reibungslosen Zugverkehr – konzentrieren und dadurch die Passagierzahlen steigern.

Doch die Bahn will noch mehr. Schon 2038 soll der Bahnstrom komplett aus regenerativen Energien stammen. Das Motto: "Starke Schiene = Aktiver Klimaschutz".

Lutz hat damit vorgelegt, was Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bereits Anfang des Jahres anmahnte. Nach dem Winterchaos um Verspätungen und ausgefallene Züge sollte der Bahnchef ein Konzept verfassen, um die Bahn fit für die Zukunft zu machen.

Nun ist die Aufbruchstimmung verflogen, noch ehe sich der Aufsichtsrat offiziell mit dem Papier beschäftigt hat. Erst müssen Skandale der Vergangenheit bewältigt werden.

Es geht um Honorarverträge, wie sie dem früheren Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg nach seinem Ausstieg aus dem Unternehmen genehmigt worden sein sollen. Von über 500.000 Euro ist in seinem Fall die Rede. Homburg, der zudem noch eine Millionenabfindung nach seinem Abschied 2015 kassierte, ist nur der prominenteste Fall von rund 20 Vorgängen, die internen Prüfern auffielen.

Die Deutsche Bahn sprach von "Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Beraterverträgen im Unternehmen" und nahm diese sehr ernst. Nach der internen Durchleuchtung wurde eine externe Anwaltskanzlei eingeschaltet, bahninterne Compliance-Spezialisten untersuchen die Vorgänge ergänzend. Die Ergebnisse sollen unverzüglich dem Aufsichtsrat vorgelegt werden.

Pikant daran ist jetzt schon: Das Kontrollgremium hatte von den fragwürdigen Verträgen keine Kenntnis. Jürgen van Kann, Aktienrechtsexperte und Partner der US-Anwaltskanzlei Fried Frank, hat in seiner Beratung von Dax-Unternehmen immer wieder mit Beratungsverträgen ehemaliger Vorstandsmitglieder zu tun. Er hält dieses Vorgehen bei der Deutschen Bahn für "gesetzeswidrig". Der Vertrag mit Homburg sei schwebend unwirksam. Gut möglich, dass der Manager demnach das Geld zurückzahlen muss, wenn der Aufsichtsrat den Vertrag nicht nachträglich genehmigt.

Das Gremium soll an diesem Donnerstag zusammenkommen. Vor allem die Chefs der Bahn dürften dabei unter Beschuss geraten.