Hirschfeldia incana blüht gerade. Überall entlang der Küste, kleine blassgelbe Kleckse im Grün der Insel. Wenn der Wind über das offene Meer heranzieht, von Westen, an La Palma vorbei, wenn er fauchend die Klippen und Hänge hinauffährt, um oben kurz Luft zu holen und anschließend hinunter in die Täler zu fegen, dann reißt er die gelben Blütenblätter von den Stängeln und wirbelt sie Richtung Himmelsblau. Sie schweben dann in der Luft und sehen aus wie Konfetti. Ich kenne die Hirschfeldia, weil ich eine Pflanzenbestimmungs-App auf dem Smartphone habe. Wenn mir eine bestimmte Pflanze auffällt und ich – wie eigentlich immer – keine Ahnung habe, was mich da beim Laufen durch das kniehohe Gesträuch an den Beinen kitzelt, wird ein Foto von dem Blümelein gemacht. Die App schickt es an die Datenbank, wo ein Algorithmus meine Aufnahme mit ein paar Hundert anderen vergleicht, und – schwupps: weiß ich, dass das da vorne und das überall auf der Insel Hirschfeldia incana ist, der Grausenf. Die anderen, die Lilafarbenen, das sind Galactites tomentosus, Milchfleckdisteln. Und die Dunkelroten zwischendrin heißen Lathyrus tingitanus oder Tanger-Platterbse. Gelb, Lila, Dunkelrot: Es gibt Augenblicke, da breitet sich Gomera vor einem aus wie ein impressionistisches Gemälde – ein bunter Tupfer neben dem anderen, hunderttausendfach. Und mittendurch führt ein Trampelpfad. Das ist der GR132.

Der Gran Recorrido 132 wiederum ist ein neuer Fernwanderweg, der rund um die runde Insel führt: sechs bis acht Etappen, 128 Kilometer, über 9.000 Höhenmeter alles in allem; das ist mehr als einmal den Everest hinauf. Von der Inselhauptstadt San Sebastián, wo die Fähren von der Nachbarinsel Teneriffa anlegen, kann man den Camino Natural Costas de La Gomera im oder gegen den Uhrzeigersinn laufen. Die meisten Wanderführer empfehlen, mit der Etappe nach Playa Santiago zu starten, also Richtung Westen, so habe man einen lässigen Beginn entlang der Küste. Generell merken sie außerdem an, dass man alle Tagestouren auf dem GR132 auch problemlos an verschiedenen Stellen abkürzen könne. Oder auch abbrechen und mit dem Bus zum nächsten Etappenziel fahren, beziehungsweise jederzeit vom Dorfplatz aus auch mit dem Taxi. Viele erfahrene Wanderer werden bei Angaben wie "problemlos" oder "jederzeit" misstrauisch. Andere laufen einfach los, ohne sich vorher ewig mit Streckenlängen, Höhenmetern oder Busplänen zu beschäftigen. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe.

Die ersten Stunden auf dem GR132 sind wie ein Rausch. Der Weg verläuft nach einem kurzen Anstieg hoch über der Steilküste unter einem blau gespannten Himmel, die Luft riecht nach Salz und ist so klar, dass man bis ans Ende des Meeres sehen kann, oder beinahe jedenfalls. Man hört den Wind und das Zetern der Möwen und das Zipp-Zipp-Zipp der Schwalben, die beim Insektenjagen ihre Kapriolen in den Himmel fliegen, und sonst hört man nichts. Niemand scheint unterwegs zu sein, man hat die große, weite Welt für sich allein. Eigentlich wäre alles perfekt, wenn einem beim zufälligen Blick auf die Wanderkarte nicht plötzlich dieses Höhenprofil entgegenspringen würde, das aussieht wie eine außer Kontrolle geratene Fieberkurve. Täglich über tausend Höhenmeter. Auch heute.

Um es gleich zu sagen: Diese ersten Stunden sollen die einzigen bleiben, auf denen der GR132 halbwegs eben verläuft. Der Rest des Tages – genau wie die restlichen Tage – wird ein einziges Auf und Ab sein, ein permanentes Rauf und Runter, ein ewiger Gipfelsturm ohne Gipfel, dem sofort wieder ein Abstieg Richtung Normalnull folgt. Es wird den Rest des Tages (genau wie die restlichen Tage) über Stufen und Felsbrocken gehen, in engen Kehren hinauf und in engeren hinunter, und manchmal wird der GR132 derart steil sein, dass man gerne einmal grundsätzlich klären würde, welche prozentuale Steigung man eigentlich noch halbwegs aufrecht bewältigen kann und ab wann das nur noch auf allen vieren möglich ist. Es wird viele, sehr viele Momente auf diesem Weg geben, bei denen man die raue und scheinbar unberührte Schönheit Gomeras kaum fassen kann. Aber an jedem schweißtreibenden Wandertag wird da auch ein Punkt sein, an dem man bloß noch an die Dusche abends in der Pension denkt. An das Abendessen. Und wie wunderbar das kalte Bier schmecken wird.

In Valle Gran Rey kann man das auf der Terrasse des La Orquidea trinken, eines familiengeführten Restaurants mit Meerblick und gomerischer Küche. Der Ort an der Südwestküste gilt als Hippie-Hotspot, ein halbes Jahrhundert nach der Hippie-Ära. Offenbar aber sind kurz nach der Hauptsaison erst einmal alle Hippies im Urlaub, weder der "Evolutionsführer für persönliche und kollektive Evolutionssprünge" ("Komm wie ein Kätzchen, geh wie ein Löwe") ist zu erreichen noch die Frau, die – ebenfalls auf Zetteln an Laternenpfosten – für ihre Amazonasheilkünste mit Medizin aus Froschsekret wirbt. Und die beiden schwäbelnden Schmuckdesigner an der Kaimauer wollen partout nicht "mit den Medien" sprechen. Genau deswegen sind sie ja fort aus Deutschland. Weil da immer alles seziert werden muss. Weil jeder alles von allen wissen will. Am Ende, sagen sie, lande ja doch alles auf den Überwachungscomputern im Innenministerium. Wie bei Orwell.

Immerhin hat Josef Knoflach Zeit und Lust zum Plaudern, in seinem Büro an der Strandpromenade. Der gelernte Zimmerer aus Österreich bietet jetzt Wandertouren für Kleingruppen auf Gomera an, inklusive Bustransport. Und? Wer wandert hier so? Im Moment so gut wie niemand, sagt Knoflach, die Saison sei im April vorüber, dann werde es schlagartig ruhig, ab dem Frühsommer habe man die Wege für sich allein und den GR132 sowieso, der sei den meisten nämlich zu anstrengend. "Unsere Wanderer sind zwischen 50 und 60, mit denen gehen wir Strecken von vielleicht vier Stunden, dann ist gut." Das Geschäft laufe super, sagt er, wider Erwarten. Als die Inselverwaltung vor ein paar Jahren die Wanderwege ordentlich beschilderte, befürchtete Knoflach nämlich, dass alles vorbei sei, weil den Leuten ja nun niemand mehr den Weg zeigen musste. "War aber nicht so. Die Leute kommen offenbar zu uns, weil sie nicht allein unterwegs sein wollen." Zum Abschied mahnt er, immer ausreichend Wasser einzupacken. An den Sonnenschutz zu denken. Und immer aufzupassen, wo man hintrete.