Frage: Herr Pöschl, Sie sind homosexuell und katholisch. Wie passt das zusammen?

Thomas Pöschl: Ich habe mir beides nicht ausgesucht. Meine Mutter ist zwar evangelisch, mein Vater aber Katholik. Als sie heiraten wollten, hat seine Kirche verlangt, dass die Kinder katholisch getauft und erzogen werden. Also gingen mein Bruder und ich jeden Sonntag mit unserem Vater zum Gottesdienst. Auch heute noch bin ich fast jede Woche in der Kirche – dass ich schwul bin, ändert daran nichts.

Frage: Sie sagen "schwul"?

Pöschl: Ja, ganz bewusst! Das Wort wird auf Schulhöfen immer noch als Schimpfwort verwendet. Ich will es entmystifizieren.

Frage: Wann haben Sie denn gemerkt, dass Sie schwul sind?

Pöschl: Das war in der Pubertät. Erst habe ich noch gedacht, das vergeht wieder – also habe ich mir nichts dabei gedacht. Nun, es ging aber nicht weg. Mit dem Coming-out habe ich trotzdem lange gewartet, bis ich Ende 20 war. Ich habe das sehr lange mit mir rumgetragen.

Frage: Woran lag das?

Pöschl: Damals hat man sich als Schwuler geschämt. Man wurde in allen gesellschaftlichen Gruppen mit spitzen Fingern angefasst. Ob in Parteien, Gewerkschaften oder Sportvereinen. Ich kann mich erinnern, dass sich an meiner Schule in Würzburg ein Lehrer in den Sommerferien umgebracht hat. Danach hat man uns gesagt: Der ist schwul gewesen. Der hat es nicht mehr ausgehalten. So war das Klima damals.

Frage: Welchen Einfluss hatte die Kirche damals auf Sie?

Pöschl: Das Thema Homosexualität – oder Sexualität überhaupt – kam zu dieser Zeit in der Kirche überhaupt nicht vor, anders als heute. Die Diskriminierung von Schwulen war aber eben nicht nur ein Problem der Kirche, sondern eines der gesamten Gesellschaft. Für meine Religiosität spielte jemand anderes eine größere Rolle als die Kirche: mein Religionslehrer.

Frage: Wieso? Was hat Ihr Lehrer gesagt?

Pöschl: Er war sehr liberal und hat mir ein Bild vermittelt von der Kirche als alter, schrulliger Tante. Die meint es mit dir wahnsinnig gut, hat wahrscheinlich auch irgendwie recht mit manchem, was sie sagt oder von dir verlangt – aber sie ist halt auch von gestern. Und dann gehört eben beides dazu: Einerseits nicht alles zu missachten, was diese Tante sagt, aber sich auch nicht komplett davon gefangen nehmen zu lassen. Und an eine Sache erinnere ich mich wirklich noch sehr gut: Als es um die Antibabypille ging. Da meinte unser Lehrer, dass das Wichtigste sei, auf sein Gewissen zu hören, das einem ja von Gott gegeben worden ist. Dass das die Instanz ist, mit der wir letztlich vor Gott treten. Ich habe dann mit mir klären können, dass mein Schwulsein mit Gott vereinbar ist.

Als die Jünger Jesus nach seiner Auferstehung nicht erkennen, ist er geduldig. Das ist ein total starkes Bild, das mir die Motivation gibt, von dem, was ich spüre, zu sprechen."

Frage: Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie sich geoutet haben?

Pöschl: Positiv! Sie haben mir versichert, dass sie mich genauso lieben wie davor. Vielleicht haben sie es sich schon auch gedacht – ich hatte vorher noch nie eine Partnerin. Trotzdem haben meine Eltern das nicht gleich weitererzählt, auch sie haben das mit sich herumgetragen. Im Prinzip haben Eltern ja genau dasselbe Coming-out-Problem wie Schwule und Lesben selber, wenn sie von ihren Nachbarn gefragt werden: "Wie ist denn das jetzt? Wann bringt der Sohn denn mal eine Freundin mit?"

Frage: Haben Sie nach Ihrem Outing auch schlechte Erfahrungen in Ihrer Kirche machen müssen?

Pöschl: Ich habe mich niemandem gegenüber geoutet, bei dem ich negative Reaktionen befürchtet hätte. Aber ich kenne heute auch Schwule und Lesben, die ihre Gemeinde wechseln mussten.

Frage: In Ihren Gemeinden haben Sie sich immer wohlgefühlt?

Pöschl: Ja, ich habe immer Gemeinden gefunden, in denen ich mich aufgehoben fühlte. Mit Pfarrern, die in ihren Predigten zum Thema Sexualität nie mit erhobenem Zeigefinger herumgelaufen sind, sondern eigentlich immer diese aufrichtende, menschliche Seite des Christentums, die auch Jesus verkörpert, in den Vordergrund gestellt haben.