Die 36-jährige Queen sitzt vorne in einer offenen Kalesche, neben ihr eine französische Prinzessin, hinten Prinz Albert, Victorias Gemahl, und Kaiser Napoleon III. Jubelfahrt durch Paris, 18. August 1855: Während im Krimkrieg französische und englische Soldaten die russische Festung Sewastopol belagern, besucht die englische Königin die Weltausstellung. Um 19 Uhr erreicht ihr Konvoi die Champs-Élysées, aber das Theaterchen dort wird sie schwerlich wahrnehmen. Hinter seinen Kulissen bereitet sich ein Mann auf seinen Auftritt vor, der wenige Wochen nach Victoria zur Welt kam. Am 20. Juni 1819 wurde er als Jacob Offenbach in Köln geboren, Jacques nennt man ihn in Paris.

Rechtzeitig zur Expo hat er die Lizenz für das leer stehende 300-Plätze-Haus bekommen. Fünf Millionen Menschen besuchen in diesem Jahr Paris, das eine Million Einwohner zählt. Jeden Abend ist es voll im Theater, drängen in den schmalen Gängen die Damen seitwärts aneinander vorbei – Reifröcke sind groß in Mode –, zwängt man sich in enge Reihen und brüllt vor Lachen über die Einakter, die Offenbach komponiert hat. Allen voran Les deux Aveugles, "Die zwei Blinden", zwei Bettler, einer lang, einer dick, die zu einer 16-Mann-Kapelle singen und kein bisschen blind sind, sondern scharfe Blicke auf diese Stadt werfen. Nie können die beiden sicher sein, welche ihrer Brücken als nächste gesperrt wird für Baron Haussmanns großen Umbau, dem allein bis 1860 mehr als 25.000 Wohnungen weichen müssen, um Platz für neue Häuser und Straßen zu schaffen. Darüber lacht man gern. Anschließend verwandeln sich der Dicke und der Lange in zwei typisch englische Touristen, die im legendären Tanzlokal Mabille eine Dame anbalzen. "Oh, Pariss, Pariss ..."

Offenbach, der schmale Dirigent mit dem dürren Backenbart, ist nah am Nerv der Zeit. So nah, dass sich aus den Einaktern des Jahres 1855 ein neues Genre entfalten wird, die Offenbachiade, Mutter aller Operetten und Musicals.

Seine Laufbahn folgt der Fieberkurve des Jahrhunderts. Mit 14 Jahren ist er als Cellist nach Paris gezogen, zusammen mit dem geigespielenden Bruder, begleitet vom Vater Isaac, einem Kölner Synagogenkantor, der für seine begabten Söhne in Paris eine bessere Zukunft sieht als in Köln, wo sie als Juden geringe Karrierechancen haben. Paris, das ist seit der Julirevolution 1830 die "Spitze der Welt", wie Heinrich Heine schwärmt, selbst einer von Tausenden Emigranten, die in die Boomtown strömen, seien sie nun hessische Straßenkehrer oder polnische Intellektuelle. Zumal für Musiker führt an Paris kaum ein Weg vorbei. Selbst das größere London bietet nicht so viele Auftrittsmöglichkeiten, geschweige denn die Tradition subventionierter Opernhäuser und unzähliger Salons.

In den Salons macht Offenbach zuerst Karriere, als phänomenaler Cellist mit eigenen Stücken und Gespür für szenische Effekte. Von Damen umgeben, "spielte er eine seine schmachtenden Piècen, als die außerordentlich magere, doch zierliche Gestalt des Virtuosen plötzlich zusammenklappte und, wie von tiefer Rührung durch das eigene Spiel überwältigt, in eine malerische Ohnmacht fiel", erinnert sich später ein Jugendfreund. Doch Offenbach kann auch anders und entfesselt 1846 im Salon einer Gönnerin Lachstürme mit einer Parodie auf Félicien Davids Sinfonie-Ode Le désert, die die Exotik der Wüste beschwört und sich enormer Popularität erfreut.

Zu der Zeit hat Offenbach seine Cellomusik schon in der renommierten Salle Pleyel vorgestellt, in der auch Chopin seine wenigen Konzerte gibt; nun hofft er auf eine Karriere als Opernkomponist. Doch die nächste Revolution kommt dazwischen nach Missernten und Börsencrashs, in deren Folge die Zahl der Arbeitslosen in Paris auf 180.000 wächst. Proteste gegen das vermögensabhängige Wahlrecht werden vom "Bürgerkönig" Louis-Philippe unterdrückt, eine Schießerei am 23. Februar 1848 bringt das Pulverfass zur Explosion. Zwei Tage nachdem in London das Kommunistische Manifest des aus Paris vertriebenen Karl Marx und seines Freundes Friedrich Engels erschienen ist, dankt der König ab und flieht.

Der Ruhe nach diesem Sturm traut kaum ein Ausländer in Paris. Giacomo Meyerbeer, König der Grand Opéra, reist ab nach Berlin, Chopin geht nach London, Offenbach bricht mit seiner Familie ins heimische Köln auf. Seit vier Jahren ist er verheiratet, seit zwei Jahren Vater; für seine Frau Herminie, die Tochter eines spanischen Generals, hat er sich sogar katholisch taufen lassen. Für eine Karriere in Paris wäre das zu dieser Zeit nicht nötig, aber antisemitische Presseattacken gegen prominente Künstler gibt es schon seit Längerem, und es ist Giacomo Meyerbeer eine Erwähnung im Tagebuch wert, dass zwei Minister der provisorischen Regierung "Bekenner der jüdischen Religion" seien.