In einer Zeit, in der Philosophie auf dem chlorgebleichten Papier diverser Magazine im Zeitungshandel als leicht konsumierbare Häppchenware und Lebenshilfe zu finden ist, wirkt Jürgen Habermas fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Denn sein gewichtiges Wort verlangt vom Leser stets Ausdauer, Anstrengung und Konzentration. In meinem Studium habe ich das hautnah gespürt. Ich empfinde es als Glück und als Bereicherung meines Lebens, Jürgen Habermas persönlich kennengelernt und mehrfach getroffen zu haben. Dass ich zuvor seine wichtigsten Schriften wieder zur Hand genommen habe, sei verraten: Man sollte nie unvorbereitet zu ihm gehen. Vor allem dann nicht, wenn Europa das Thema ist.

Dass gerade seine engagierten Plädoyers für ein Europa, das nicht reduziert wird auf einen liberalisierten Binnenmarkt, wo jeder jedem zum Wettbewerber und Konkurrenten wird, in der politischen Debatte weitgehend ignoriert wurden, macht ihn zornig. Auch und gerade auf die Partei, der er zwar nicht angehört, aber für die er doch in den meisten Fällen stimmte und für die er sogar zu besten Zeiten öffentlich eintrat: auf die SPD. Schon die Agenda 2010 des Kanzlers Gerhard Schröder hatte ihn der Sozialdemokratie entfremdet. Aber eine noch größere Enttäuschung dürfte für den streitbaren Bürger Habermas gewesen sein, dass die SPD weder in der Finanzkrise bereit war, dem marktliberalen Mainstream entgegenzutreten, noch in jüngster Zeit in der Bundesregierung den Worten des Koalitionsvertrags Taten folgen ließ, um den Schulterschluss mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu suchen, auf den er mit Blick auf Europa viele Hoffnungen gesetzt hatte.

Verpackt in die ihm eigene Höflichkeit und Freundlichkeit, war seine Enttäuschung zu erkennen, die ich des Öfteren zu spüren bekam – und ich konnte ihr nichts entgegensetzen. Aus seiner Sicht droht die heutige Generation der politisch Verantwortlichen all das leichtfertig zu verspielen, was in Europa in Jahrzehnten erreicht und gesichert schien: die Überwindung des Nationalismus und seiner verheerenden Folgen für die Völker Europas. Habermas sieht dieses Europa wie Sand durch die Finger rinnen. Auch durch die eigenen.

Dass Jürgen Habermas grenzüberschreitend denkt und wirkt, belegt nicht nur der Umstand, dass seine Werke in über 40 Sprachen übersetzt wurden, sondern zeigt sich auch bei Besuchen und Aufenthalten an Universitäten und Hochschulen überall auf der Welt – ob in den USA, China, Russland, Japan oder in den meisten europäischen Staaten ohnehin. Seine wissenschaftliche Wirkung ist längst global, auch wenn er ein klar im "Westen" und in dessen Werten verankerter Denker ist, der seinem Land den intellektuellen Weg in diesen "Westen" mitgeebnet hat. Nicht umsonst wurde er in einer Würdigung einmal als "Transnationaltrainer der Demokratie" bezeichnet. Eine Wortschöpfung, die seine Arbeit und deren Wirkung treffend beschreibt!

Es ist ihm überdies gelungen, "Vernunft" und ihre praktische Anwendung im politischen Alltag als linke Kategorie in den gesellschaftskritischen Debattengebrauch einzuführen. Vor allem hier ist meine Partei Jürgen Habermas zu tiefem Dank verpflichtet, nicht nur weil die Sozialdemokratie seinem Denken und seinen Interventionen viele wichtige Impulse verdankt, sondern weil er stets zum unmittelbaren und auch persönlichen Gedankenaustausch bereit war. Ein sozialer, ja ein sozial-demokratischer, linksliberaler Verfassungspatriot und engagierter Europäer, der sich indes nie vereinnahmen ließ, mit dem zu streiten immer anstrengend, fordernd, aber eben fruchtbar ist!

Es ist gewiss keine Majestätsbeleidigung, wenn man sich in der Rückschau auf das monumentale Lebenswerk von Jürgen Habermas die Bedingungen seiner überragenden Wirkungen auf die politische und gesellschaftliche Kultur und die demokratische Stabilität unseres Landes, aber auch unseres Kontinents vergegenwärtigt. Über Jahrzehnte hatte die Diskurs-Arena stets eine klar konturierte Streitlinie – nämlich die zwischen linksliberal und liberal-konservativ. Diese Linie existiert nicht mehr, sie hat sich seit der Jahrtausendwende aufgelöst in einer Rasanz, die alle Akteure atemlos zurücklässt. Auch die Sprache und ihr Gebrauch haben sich unter dem Einfluss digitaler Medien fundamental verändert – zugunsten von Kurzbekenntnissen im Tweet-Format, ohne sich noch um die Kraft des Arguments zu bemühen. Zugleich sind nationalistische Dämonen in Gestalt rücksichts- und verantwortungsloser Populisten zurückgekehrt, die zeigen, dass viele Menschen das historische Gedächtnis verloren haben. Sie sind eine dauerhafte Herausforderung für die westlichen Demokratien. Das hat Habermas ebenfalls früh diagnostiziert. Fest steht: Ein besseres Land, ja ein besseres Europa kommt nicht von selbst. Es verlangt erneut Ausdauer, Anstrengung und Konzentration von uns allen.

Die enorme Wirkmächtigkeit seines Werkes hat ein kluger Beobachter vor fünf Jahren anlässlich seines 85. Geburtstages so beschrieben: "Er hat große Teile seiner eigenen Nachwelt überlebt." Kurz gesagt: Jürgen Habermas war nie unmodern, auch weil er und sein Denken wissenschaftlich, politisch und physisch immer noch präsent und prägend sind. Und selbst wenn seine öffentlichen Interventionen verständlicherweise seltener werden: Wir sollten gemeinsam dafür sorgen, dass sein Lebenswerk brennend aktuell bleibt – in unseren Köpfen und im öffentlichen politischen Diskurs. Das sind wir diesem geistesgegenwärtigsten Denker unseres Landes und unserer Zeit schuldig. Herzlichen Glückwunsch, lieber Jürgen Habermas!